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Veröffentlicht: 12.10.2015, 20:36 Uhr

Erhöhtes Schadensrisiko Versicherer zögern mit Schutz von Flüchtlingsherbergen

Wenn viele Flüchtlinge in einer Unterkunft wohnen, steigt die Brandgefahr. Die Versicherer verlangen für das Risiko höhere Prämien - oder steigen komplett aus.

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© dpa Einsatzkräfte der Feuerwehr löschen am 20.09.2015 in Wertheim einen Brand in einer geplanten Notunterkunft für Flüchtlinge.

Einige Orte in Deutschland haben in den vergangenen Wochen ungewollte Bekanntheit erlangt. Wertheim, Rottenburg, Weissach und manch andere wurden plötzlich zu Schauplätzen von Nachrichten. Denn dort brannten Gebäude, die als Flüchtlingsunterkünfte vorgesehen waren. Meist konnten die Ursachen noch nicht vollständig ermittelt werden. Zumindest im Fall einer Turnhalle in Wertheim bei Würzburg, in der 300 Flüchtlinge untergebracht werden sollten, ist aber inzwischen klar, dass Brandbeschleuniger eingesetzt wurden.

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Die Orte haben eine weitere Gemeinsamkeit: Alle Gebäude waren bei der Sparkassen-Versicherung in Stuttgart versichert. Eine Million Euro Schaden dürfte allein durch den Brand in Wertheim entstanden sein. „Wir versichern Asylbewerberheime. Das tun nicht alle“, sagt Klaus Zehner, Vorstandsmitglied des Versicherers, der mit der Allianz um die deutsche Marktführerschaft in der Wohngebäudeversicherung konkurriert. Mehr als 400 Flüchtlingsunterkünfte sind bei ihm versichert. „Ich halte das für ein beherrschbares Problem“, sagt er. „Wir haben viel Arbeit mit den relativ wenigen Objekten - das ist der Sache aber auch angemessen.“

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Unter deutschen Versicherern gibt es eine sichtbare Zweiteilung: Unternehmen, die viel Geschäft mit Kommunen zeichnen, legen Wert darauf, ihnen auch bei der Absicherung gegen Schäden in Unterkünften entgegenzukommen. Zehner betont, er stelle sich in diesem Segment wegen hoher Schäden auf Verluste ein. „Wir bedauern, wenn in der Presse steht, dass Versicherer die Preise erhöhen, um daran zu verdienen“, sagt er. Andere haben offenbar weniger Gespür für die Sensibilität des Themas. Im April wäre die Stimmung gegen die Branche beinahe gekippt. Die Basler Versicherung kündigte einem Feriendorf im Odenwald die Inventarversicherung, nachdem dort Flüchtlinge untergebracht wurden. Zuerst schaltete sich die „Bild“-Zeitung ein, dann Verbraucherminister Heiko Maas (SPD). Schnell zog das Unternehmen die Kündigung zurück. Es habe ein Missverständnis gegeben, teilte der Versicherer mit.

„Wenn ein Gebäude umgewidmet wird, ist das ein anzeigepflichtiger Umstand“, stellt Claudius Jochheim klar. Er ist Geschäftsführender Gesellschafter des Versicherungsmaklers Funk und sucht unter anderem für große Wohnungsgesellschaften und Gewerbeimmobilien Versicherungsschutz am Markt. Starke Prämienerhöhungen oder höhere Selbstbehalte seien durchaus nachvollziehbar, wenn ein Gebäude anders genutzt werde als zuvor. „Das ist nicht reine Herzlosigkeit. Wenn eine Halle oder ein Bürogebäude nunmehr mit vielen Flüchtlingen bewohnt wird, bestehen natürlich andere Gefahren im Vergleich zur vorherigen Nutzung“, sagt er. Zudem lasse sich - so beschämend das für das Land auch sei - die Anschlagsgefahr nicht wegdiskutieren.

Branche stemmt sich gegen solidarische Lösung

Doch auch Jochheim hat festgestellt, dass Versicherer das neue Risiko zunächst allzu gern umschifft hätten. Wie bei anderen neu aufkommenden Risiken habe er zu Beginn des starken Flüchtlingszustroms eine Konsortialpolice schaffen wollen, mit der viele unterschiedliche Versicherer die Risiken gemeinsam hätten tragen sollen. Die Branche stemmte sich gegen eine derartige solidarische Lösung. „Wir wollen ein Zeichen setzen, dass die Idee einer Solidargemeinschaft in der Versicherungswirtschaft wirklich gelebt wird. Jetzt findet man individuelle Lösungen - schneller aber immer dort, wo der Versicherer viel mit Kommunen zu tun hat“, sagt Jochheim.

Und wie sieht es aus, wenn Flüchtlinge in privaten Wohnungen untergebracht werden? Nach Außen mauert die Assekuranz bei dieser Frage. Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz startete im Mai eine Abfrage unter allen Marktteilnehmern. Als sie im Juli über die Ergebnisse berichtete, beschwerten sich etliche Unternehmen, in der Umfrage nicht berücksichtigt worden zu sein - obwohl der Fragebogen ihnen zugegangen war. Die Allianz hatte zunächst abgelehnt zu antworten, dann aber doch teilgenommen. Mitte August stellten die Verbraucherschützer das modifizierte Ergebnis vor: Demnach erklärten 53 von 73 Anbietern, in Privathäusern führe eine Unterbringung von Flüchtlingen nicht zu höheren Prämien. „Wer das Haus bewohnt, ist nicht relevant für die Tarifierung“, schrieb die VHV stellvertretend für viele Versicherer.

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Auch SV-Vorstand Zehner betont, bei seinem Unternehmen gelte die Regel „Wohnen gleich Wohnen“. „Unabhängig ob Syrer oder Deutsche dort wohnen, sie zahlen keine Zuschläge“, sagt er. Wenn es trotzdem zum Teil zu horrenden Prämienanstiegen komme, liege das an Überbelegung. Oft würden deutlich mehr Flüchtlinge in einer Wohnung untergebracht, als üblicherweise dort wohnten. „Die Leitungen werden stärker genutzt, die Feuergefahr ist größer“, erläutert Zehner. Auch er habe vereinzelt Fälle erlebt, in denen der Prämienzuwachs 900 Prozent betragen habe - aber nicht wegen der Flüchtlinge, sondern weil die Hausbesitzer ihr Gebäude zuvor zu Bedingungen von vor vielen Jahren versichert hatten. Seither habe sich das Produkt erheblich verändert, auch die Versicherungssumme habe sich vervielfacht.

Doch wie ehrlich die Branche mit dem Thema umgeht, ist nicht eindeutig. „Wir alle schulden Flüchtlingen eine sichere Unterbringung. Dies zu ignorieren, wäre wahrlich verantwortungslos“, schrieb Jörg von Fürstenwerth, der Vorsitzende der Hauptgeschäftsführer des Versichererverbands GDV, im April in einer Kolumne. Doch Makler Jochheim berichtet, dass sich Versicherer durchaus in Fragebögen erkundigten, welcher Nationalität die neuen Bewohner der Gebäude angehörten. Wie so oft lässt sich also in der Assekuranz aus dem Verhalten einzelner nicht auf den gesamten Markt schließen.

© dpa, reuters Ein Toter bei Brand in Flüchtlingswohnheim in Thüringen

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