03.12.2006 · Trotz guter Verfassung und steigender Gewinne bauen große Versicherer wie Allianz und AMB Generali Stellen ab. Im Interview mit der F.A.Z. erklärt GDV-Präsident Schareck, warum sich daran so schnell nichts ändern wird.
Trotz guter Verfassung und steigender Gewinne bauen große Versicherer wie Allianz und AMB Generali Stellen ab. Bernhard Schareck, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, erwartet, daß der Abbau wegen der verstärkten Nutzung neuer Informationstechniken noch einige Jahre andauern wird. Zugleich werde aber schon jetzt in einigen Teilbereichen wieder nach Fachkräften gesucht, zumal der Branche in der Altersvorsorge neue Aufgaben zuwachsen.
Herr Schareck, Allianz, AMB Generali und andere Branchengrößen haben die weitere Reduzierung ihrer Belegschaft angekündigt. Wie viele Stellen werden unter dem Strich in den kommenden Jahren in der Branche noch verlorengehen?
Zunächst, Entlassungen gehören grundsätzlich nicht zum Stil der Assekuranz. Der jetzt noch vor uns stehende moderate Abbau wird sich größtenteils über natürliche Fluktuation vollziehen. Der Arbeitgeberverband der Versicherungswirtschaft schätzt, daß im laufenden Jahr der Personalrückgang unter den drei Prozent des Vorjahres liegen wird.
Bei rund 233.000 Beschäftigten wäre das eine Größenordnung von etwa 7000 Stellen. Für die Zukunft hängt das Ganze natürlich auch von den gesetzlichen Rahmenbedingungen ab. Wenn die private Krankenversicherung auf Grund nachteiliger Gesetze an Wettbewerbsfähigkeit verliert, betrifft das 50000 Arbeitsplätze. Wenn das noch abgewendet werden kann, dürfte es in der mittleren Frist allenfalls noch moderate Reduzierungen geben.
Sie erwarten, daß sich der Stellenabbau der Versicherer mittelfristig dem Ende entgegenneigt. Aber über welchen Zeitraum?
Das kann ich nicht genau sagen. Mit fünf Jahren muß man aber sicher noch rechnen, ehe es mit der Beschäftigung per saldo wieder aufwärtsgeht.
Woher nehmen Sie die Zuversicht?
Grundsätzlich sind die Einsparpotentiale bald ausgeschöpft, die Versicherer setzen mittelfristig wieder auf neues Wachstum. Denn der Assekuranz wachsen auch immer wieder neue Aufgaben zu, zum Beispiel in der Altersvorsorge.
Außerdem steht dem Verschlankungsprozeß im Inneren schon jetzt ein Personalaufbau im Außendienst gegenüber. Daneben besteht ein erheblicher Bedarf in einzelnen Arbeitsbereichen. Wir haben eine deutliche Verlagerung zu Spezialfunktionen, was die Steuerung der Kapitalanlagen und die Steuerung der Risiken betrifft.
Schließlich bekommen wir neue Regeln für die Versicherungsaufsicht, die den Aufbau von noch mehr Know-how in den Unternehmen verlangt. Dazu müssen wir die vorhandenen Mitarbeiter qualifizieren, ausbilden und fachlichen Nachwuchs heranziehen.
Als Ursache für den Stellenabbau wird immer wieder die "Industrialisierung" der Assekuranz genannt. Was bedeutet das?
Die Rationalisierungsprozesse haben mit Fortschritten in der Informationstechnik zu tun. In der Krankenversicherung ist heute das beleglose Verarbeiten von Abrechnungen üblich. Da erledigt der Computer die Arbeit der Sachbearbeiter. Ein erheblicher Teil der anfallenden Arbeiten in diesem Bereich wird heute so automatisiert. Ähnlich die beleglose Weiterverarbeitung am Bildschirm. Auf der einen Seite erscheint die Post, die der Bearbeiter aufruft. Und auf der anderen Seite bearbeitet er den Vorgang.
Warum werden diese Verfahren gerade jetzt verstärkt eingesetzt?
Solche Arbeitsverfahren setzen bestimmte Speichertechniken voraus. Früher hat elektronischer Speicherplatz viel Geld gekostet. Heute sind weit größere Speicherkapazitäten zu viel geringeren Kosten verfügbar. Der technische Fortschritt geht Hand in Hand mit wachsender Verfügbarkeit, sprich Bezahlbarkeit, dieser Systeme. So werden immer mehr Teilprozesse automatisiert und elektronisch abgewickelt.
Warum macht man das nicht mit allen Arbeiten in der Assekuranz so?
Eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Um das Optimum herauszufinden, werden Abwicklungsvorgänge in kleine Schritte, sogenannte Geschäftsvorfälle, unterteilt. In kleinen Unternehmen mit vielleicht nur 2000 Geschäftsvorfällen monatlich wird sich die Umstellung auf die Elektronik nicht lohnen.
Die Programmierung wäre zu teuer. Kommt der Vorgang aber 50000 Mal vor und dauert zwischen 8 und 17 Minuten, sieht die Rechnung anders aus. Es gibt also Größenvorteile bei der Rationalisierung der betrieblichen Prozesse.
Wann lohnen sich eine Ausgliederung und die Verlagerung von Arbeitsplätzen in fremde Länder, wo die Lohnkosten niedriger sind?
Da geht es um ganz andere Größenordnungen. In Indien zum Beispiel ist für eine Auslagerung ein Arbeitsvolumen für 250 bis 300 Leute erforderlich. Dann benötigen Sie noch eine Gruppe, die diese Leute führt. Und diejenigen müssen wiederum mit dem Unternehmen so vertraut sein, daß sie alle Prozesse kennen und verstehen. Außerdem muß der gesamte Prozeßablauf des Unternehmens modular aufgebaut sein, damit einzelne Arbeitsschritte ausgegliedert werden können. Der Gang ins Ausland lohnt sich erst bei großen Stückzahl-Dimensionen.
Allianz, Generali und Axa sind für Ausgliederungen offenbar groß genug. Läßt das nicht erwarten, daß sich Gesellschaften mittlerer Größe zusammenschließen, um ähnliche Größenvorteile nutzbar zu machen?
So sind die Banken verfahren und haben zum Beispiel eine Transaktionsgesellschaft gegründet, um Entwicklungskosten zu sparen. Solche Kooperationen sind auch für bestimmte Bereiche der Versicherungswirtschaft denkbar.
Bei den Versicherern sind allerdings viele Dinge nicht so normiert und normierbar wie im Bankbetrieb. Es wäre also ein großer Aufwand für die Anpassung notwendig. In der Versicherungswirtschaft entfällt der überwiegende Teil der administrativen Arbeit nicht auf den Neuabschluß, sondern auf die Pflege des Bestandes. Da will ein Kunde mitunter nur ein Detail in seinem Vertrag geändert haben. Das setzt der Automatisierung Grenzen.
Was ließe sich denn in der Assekuranz automatisieren?
Das komplexe Industrie-Haftpflichtgeschäft ist dafür kaum geeignet. Leichter ist es im Privatgeschäft. Da ließen sich drei, vier Sparten automatisieren vom Antrag bis zur Leistung. Das wird auch schon gemacht, zum Beispiel von den Internetanbietern.
Welche Sparten sind das?
Zum Beispiel die Autoversicherung oder die Privathaftpflicht. Im Privatgeschäft ist die Automatisierung wegen der größeren Stückzahlen viel leichter zu verwirklichen. Manche Versicherer versuchen, in diesen Bereichen Produktionszentren aufzubauen, von denen aus sie den Markt in ganz Europa bearbeiten wollen.
Aber auch das stößt buchstäblich an Grenzen, die etwa unterschiedliche Rechtsvorschriften in einzelnen Märkten setzen. Eine Versicherung läßt sich eben nicht so leicht standardisieren wie ein Automobil. Deshalb wird die Versicherungswirtschaft auch in Zukunft bei aller Modernisierung beschäftigungspolitisch quantitativ und qualitativ eine vergleichsweise stabile Branche bleiben.
Das Gespräch führte Stefan Ruhkamp.
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