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Versicherer „Klimaschutz kostet zehnmal weniger als die Schäden"

10.12.2004 ·  Auf dem Klimagipfel in Buenos Aires wird um die Eindämmung des Treibhauseffekts gerungen. Peter Höppe, Meteorologe bei der Münchener Rück, über Klimapolitik und Versicherungsschutz gegen Wetterkatastrophen.

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Auf dem Klimagipfel in Buenos Aires ringen die Staaten der Welt seit dieser Woche um den Klimaschutz und die Eindämmung des Treibhauseffekts. Mit von der Partie ist auf der Weltklimakonferenz auch der Meteorologe Peter Höppe, der zum Jahreswechsel die Leitung des Fachbereichs Georisikoforschung der Münchener Rück übernimmt. Der weltgrößte Rückversicherer warnt vor den Folgen zunehmender Wetterkatastrophen für die Versicherer und ihre Kunden.

Herr Höppe, hat die Münchener Rück noch Zweifel daran, daß es den Klimawandel gibt und daß der Mensch ihn verursacht?

Nein, die Trends sind statistisch signifikant, und der Prozeß ist auch physikalisch plausibel. Unser Vorstand hat deshalb schon vor mehreren Jahren gesagt, daß die Münchener Rück bei ihrer Geschäftsplanung davon ausgeht, daß sich das Klima verändert. Wissenschaftler bestärken uns darin: Gerade eben hat das Fachblatt "Nature" eine Studie publiziert, die mit großer Wahrscheinlichkeit belegt, daß der Hitzesommer 2003 zum größten Teil vom Menschen verursacht war und damit Teil des Klimawandels ist.

Wie stark sind die Schadensfälle denn in den vergangenen Jahren gestiegen?

Die Münchener Rück hat die weltweit größte Datenbank für Naturkatastrophenschäden. Wir haben also einen sehr guten Überblick. Die Statistik zeigt, daß sich in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der großen Wetterkatastrophen gegenüber den sechziger Jahren mehr als verdoppelt hat.

Schlechte Nachrichten für die Versicherungskunden. Die müssen sich wohl auf höhere Prämien einstellen.

Auf längere Sicht - wenn die Schäden steigen - ist es denkbar, daß die Versicherungsunternehmen mit höheren Selbstbehalten reagieren. Die sind bisher etwa bei Gebäudeversicherungen in Deutschland noch vergleichsweise niedrig. Werden sie angehoben, könnte das den Prämienanstieg zumindest eindämmen. Außerdem werden die Menschen dadurch stärker zur Eigenvorsorge und damit zur Schadenminimierung animiert.

Werden die Assekuranzen Naturkatastrophen irgendwann gar nicht mehr versichern?

Wenn Sie in Deutschland in einem Hochwassergebiet wohnen, bekommen Sie doch heute schon kaum noch eine Versicherung. Der Hurrikan "Andrew" hat schon 1992 fast ein Dutzend Versicherer zur Geschäftsaufgabe gezwungen. Die Versicherer müssen sich künftig auf steigende Schadenspotentiale einstellen. Ein entsprechender Versicherungsschutz erfordert daher vor allem Transparenz und Limitierung der Risiken. Kritisch könnte es werden, wenn es zu einem abrupten Klimawandel kommt, den wir aber für die nächsten Jahrzehnte für unwahrscheinlich halten. Spielfilme wie etwa "The day after tomorrow", in dem New York unter einem Eispanzer verschwindet, zeichnen natürlich ein übertriebenes Bild. Aber sie enthalten doch einen wahren Kern.

Wie stark muß der Temperaturanstieg eingedämmt werden, um das Schlimmste zu verhindern?

Die herrschende Meinung, die wir für zutreffend halten, ist, daß ein Temperaturanstieg von weltweit mehr als 2 Grad Celsius gegenüber dem Jahr 1900 gefährlich wäre. Bis jetzt sind die Temperaturen im Schnitt bereits um 0,8 Grad gestiegen.

Was ist zu tun?

Die Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxyd müssen drastisch sinken: Der Wissenschaftliche Beirat des Bundesumweltministeriums hält eine weltweite Rückführung um etwa 50 Prozent bis 2050 für nötig. Wir halten das für eine realistische Einschätzung.

Die Industrieländer haben sich doch im Kyoto-Protokoll nur zu einer Senkung von 5 Prozent bis 2012 bereit erklärt.

Das Kyoto-Protokoll ist dennoch ein symbolisch wichtiger erster Schritt. Der zweite muß natürlich größer ausfallen.

Welche Ergebnisse muß der Gipfel in Buenos Aires bringen?

Wir sind hier nicht diejenigen, die darüber Festlegungen treffen. Aber im zweiten Schritt, also im Zeitraum von 2013 bis 2017, sollte der Kohlendioxydausstoß weltweit viel stärker sinken. Wichtig ist außerdem, daß auf jeden Fall Entwicklungsländer wie China oder Indien ab 2012 in den Klimaschutz eingebunden werden. Wir brauchen ein langfristiges gemeinsames Vorgehen aller Länder.

Aber drohen die Kosten des Klimaschutzes nicht die Wirtschaft abzuwürgen?

Wissenschafter sind sich einig, daß die Kosten des Klimaschutzes etwa zehnmal niedriger sind als die andernfalls zu erwartenden Schäden.

Die Vereinigten Staaten als größter Kohlendioxyd-Emittent der Welt blockieren bisher.

Die Amerikaner waren jedoch nicht immer gegen das Kyoto-Protokoll, sondern haben daran lange und aktiv mitgearbeitet. Erst der letzte Regierungswechsel führte zu einem Umschwung. Ich bin zuversichtlich, daß sich diese Haltung in vier Jahren, wenn eine neue Regierung antritt, ändern könnte.

China ist wegen seiner stürmisch wachsenden Wirtschaft mittlerweile auch für einen großen Teil des Kohlendioxyd-Ausstoßes verantwortlich. Auf Klimaschutz nimmt das Land aber ebenfalls wenig Rücksicht.

Das stimmt nicht. Natürlich hat China als Entwicklungsland im Kyoto-Protokoll einen Sonderstatus, und das ist nur fair, denn es muß einen wirtschaftlichen Rückstand gegenüber den Industrieländern aufholen. Aber gemessen daran hat China relativ fortschrittliche Klimaschutzprogramme vorzuweisen.

Das Gespräch führte Marcus Theurer

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2004, Nr. 290 / Seite 12
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