23.06.2006 · Als es darum ging, den Radikalumbau zu verkünden, der über Nacht den in Jahrzehnten gewachsenen Allianz-Konzern umpflügt, ging Michael Diekmann auf Tauchstation. Typisch: Der Chef wählte den Weg des Leisetreters.
Von Marcus TheurerDen Ackermann gibt Michael Diekmann nicht. Schnoddrige Provokationen, wie die zum Victory-Zeichen erhobenen Finger des Deutsche-Bank-Chefs vor deutschen Gerichtssälen, sind dem Mann an der Spitze der Allianz kaum zuzutrauen. Kontrolliert bis in die Haarspitzen des stets akkurat liegenden Seitenscheitels ist der Vorstandschef des neben Ackermanns Bank mächtigsten deutschen Finanzkonzerns.
Zwar gab die Allianz am Donnerstag die gleichen unpopulären Entscheidungen bekannt, die im vergangenen Jahr der Deutschen Bank eine Welle der Empörung einbrachten: Den Abbau Tausender Arbeitsplätze trotz Rekordgewinnen. Doch zwischen dem Auftreten des Westfalen Diekmann und des Schweizers Ackermann liegen Welten.
Der Weg des Leisetreters
Der von Gewerkschaftern als „Manager“ geschmähte Allianz-Chef wählt den Weg des Leisetreters. Am Donnerstag ging Diekmann selbst überhaupt nicht an die Öffentlichkeit. Er überließ es seinem Deutschland-Vorstand Gerhard Rupprecht, den Stellenabbau im Inland - ein schmerzlicher Teil der größten Neuordnung in der langen Geschichte des Unternehmens - zu verteidigen. Die abermalige Hiobsbotschaft für die Mitarbeiter der Frankfurter Tochtergesellschaft Dresdner Bank überbrachte deren Chef Herbert Walter. Diekmann, der Mann, der mit seinem Radikalumbau quasi über Nacht die in Jahrzehnten gewachsene Allianz-Welt umpflügt, ging auf Tauchstation.
Der Eindruck von Distanz, den er verbreitet, macht es ihm auch intern manchmal nicht leicht. „Seine Ausstrahlung auf die Mitarbeiter ist eine Schwäche“, sagt ein Allianz-Arbeitnehmervertreter. „Mit dem wird man nicht so schnell warm“, lautet oft die Einschätzung von Mitarbeitern. Betriebsrat und Gewerkschaft laufen seit Monaten Sturm gegen die Kürzungspläne des obersten Allianzers. Doch trotz des harten Konflikts gibt es auch von den Belegschaftsvertretern Anerkennung. Zumindest im direkten Gespräch habe er seit seinem Amtsantritt vor drei Jahren einen anderen Umgang ins Unternehmen gebracht, heißt es. Sein Vorgänger Henning Schulte-Noelle erschien manchem noch „unnahbar und arrogant“. Diekmann sei da anders.
Philosophie, Jura, dann eine Verlagsgründung
Aber hat nicht auch er seit dem vergangenen Herbst am Komplettumbau stur festgehalten, trotz des für die gediegenen Allianz-Verhältnisse beispiellosen Proteststurms? Das Bild, das ein Gewerkschafter von Diekmann zeichnet, überrascht: „Er hört sich Argumente an, und wenn sie ihn überzeugen, dann nimmt er sie auch auf.“
Auch der Werdegang des heute 51 Jahre alten Managers verblüfft. Der Allianz-Chef hat nach dem Abitur zunächst ein komplettes Philosophiestudium absolviert. Erst danach studierte er Jura. Neben der Universität gründete Diekmann, der früher selbst als Rucksacktourist quer durch Asien getrampt ist, einen Verlag für Reisebücher. Ein Buch über das Kanufahren hat er selbst geschrieben. Der Bruch im Lebenslauf kommt erst mit 34 Jahren. Zu schlecht erscheinen Diekmann die weiteren Geschäftsaussichten für seinen Kleinverlag. Von nun an will er Karriere bei der Allianz machen. Doch als Versicherungsvertreter, der selbst hauptberuflich Klinken putzte, hat Diekmann, anders als zuweilen kolportiert wird, nie gearbeitet. Der Abstecher an die Verkaufsfront war nur Teil des üblichen Allianz-Drills für Nachwuchsmanager .
Nach dem Inland, das Ausland umkrempeln
Der folgende Aufstieg ist steil. Diekmann fängt Ende der achtziger Jahre als Assistent der Geschäftsleitung in Hamburg an. 1996 geht er für fünf Jahre für die Allianz nach Singapur, 1998 wird er Asienvorstand der Allianz. Ende 2002 kürt ihn Schulte-Noelle zum Nachfolger als Herrscher unter dem Allianz-Adler.
Auch sein Großumbau der Allianz in Deutschland ist für Diekmann nur eine Durchgangsstation. Nach dem Vorbild des Inlands will er auch im Ausland das Unternehmen umkrempeln: "Unser künftiges Geschäftsmodell in Deutschland wird auch als Modell für unsere ausländischen Gesellschaften dienen", kündigte er im Mai auf der Hauptversammlung an. Wie immer nüchtern und ungerührt.
Kundenbetreuung wird bei Allianz kleingeschrieben
A. Ro-Nori (Steuerzahler)
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Das System verstümmelt sich selbst
gisbert heimes (gisbert4)
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