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Versicherer Der Allianz-Adler steht kopf

22.06.2006 ·  Die Streichung von 7500 Arbeitsplätzen ist eine Operation am offenen Herzen des Konzerns. Die erwarteten Einsparungen sind bekannt. Jetzt rückt das Umsetzungsrisiko in den Blickpunkt. Es besteht die Gefahr, daß sich die Allianz mehr mit sich selbst als mit den Kunden beschäftigt.

Von Marcus Theurer
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Nur drei Monate sind vergangen, seit Allianz-Chef Michael Diekmann im März eine goldgeränderte Bilanz für das vergangene Jahr vorgelegt hat. Der größte deutsche Versicherungskonzern hat seinen Jahresüberschuß auf 4,4 Milliarden Euro fast verdoppelt. Wichtigste Geldmaschine war wie immer das deutsche Sachversicherungsgeschäft, also etwa der Verkauf von Auto- oder Hausratversicherungen. Ein Vierteljahr später scheint der Allianz-Adler kopfzustehen.

Deutschland-Vorstand Gerhard Rupprecht kündigte am Donnerstag die „schmerzlichen, aber zwingend notwendigen Einschnitte“ im Inlandsgeschäft an, auf die die knapp 31.000 deutschen Versicherungsmitarbeiter der Allianz seit Monaten mit Bangen gewartet haben. 5000 Stellen sollen in den kommenden Jahren wegfallen. Ein Kulturschock in der bisher vergleichsweise behaglichen Welt der deutschen Allianz-Versicherung. Es ist der größte Umbau in der Geschichte des Unternehmens, eine Operation am offenen Herzen des Traditionskonzerns.

Das Nebeneinander von Rekordgewinn und Streichkonzert empört die Allianz-Mitarbeiter. „Schändlich“ seien die Pläne, wetterte Betriebsratschef Norbert Blix. Ob in München, Frankfurt oder Hamburg - quer durch die Republik gehen die Beschäftigten zu Demonstrationen gegen die Kürzungen auf die Straße. Betriebsrat und Dienstleistungsgewerkschaft Verdi drohen mit Streik. Das hat es bei der Allianz noch nicht gegeben.

Video: Allianz streicht 7500 Stellen

Kürzungen ziehen sich quer durch die Republik

Auch Analysten warnten vor Arbeitskämpfen. Die durch den Abbau erwarteten Kosteneinsparungen sind schon seit einigen Monaten bekannt. „Weitaus wichtiger ist jetzt das Umsetzungsrisiko“, sagt Lucio Di Geronimo von der Hypo-Vereinsbank. Es bestehe die Gefahr, daß sich die Allianz viele Monate mehr mit selbst als mit den Kunden beschäftige. „Die große Frage ist, wie schnell bekommt die Allianz jetzt wieder Ruhe in den Laden“, sagt auch Robert Mazzuoli von der Landesbank Rheinland-Pfalz.

Die Kürzungen ziehen sich quer durch die Republik. Zahlreiche regionale Verwaltungsniederlassungen werden ganz oder teilweise geschlossen. Frankfurt etwa soll sich in Zukunft vor allem auf das Geschäft mit der Automobilbranche konzentrieren, andere Bereiche fallen weg. Doch bis auf Hamburg, wo durch Verlagerungen neue Arbeitsplätze hinzukommen, sind auch alle anderen Regionalverwaltungen im weiten Allianz-Reich betroffen: Am Konzernsitz in München sollen 570 von knapp 2400 Stellen wegfallen. In Stuttgart, dem Hauptsitz der Allianz Leben, sind es 563 von rund 1700 Arbeitsplätzen.

Die Allianz hat schon im Mai mit dem Betriebsrat vereinbart, bis 2010 auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten, wenn bestimmte Kostenquoten erreicht werden. Außerdem sollen die Verwaltungsmitarbeiter, falls möglich, vor allem in den Versicherungsvertrieb versetzt werden. „Im Vertrieb wollen wir nicht kürzen, sondern im Gegenteil ausbauen“, bekräftigte Rupprecht am Donnerstag.

„Das werden schwierige Verhandlungen“

In den kommenden Monaten muß sich Rupprecht nun vor allem mit den Arbeitnehmervertretern auf die Umsetzung des Stellenabbaus einigen „Das werden schwierigere Verhandlungen als die bisherigen“, erwartet Betriebsratschef Blix. Deutschland-Chef Rupprecht will den Umbau bis Ende 2008 abschließen, die Kölner Niederlassung, die als einziger großer Standort komplett wegfällt, solle frühestens Anfang 2008 geschlossen werden.

Trotz der Widerstände loben Analysten die bereits im vergangenen Herbst von Konzernchef Diekmann im Grundsatz angekündigte radikale Straffung des deutschen Geschäfts. „Das geht in die richtige Richtung und ist wertsteigernd“, kommentiert Stephan Kalb vom Bankhaus Sal. Oppenheim. Die Börse ist begeistert: Im zweiten Halbjahr 2005 ist die Allianz-Aktie um rund die Hälfte auf bis zu 140 Euro gestiegen, hat die Gewinne mittlerweile allerdings wieder teilweise abgegeben. Am Donnerstag legte das Finanzschwergewicht im Handelsverlauf um 1,7 Prozent auf 121,61 Euro zu.

Selbst Betriebsräte räumen ein, daß die heutige verworrene Konzernstruktur der Allianz in Deutschland überholungsbedürftig sei. Bislang arbeitete jede der drei großen Sparten Sach-, Lebens und Krankenversicherung weitgehend unabhängig. Mit der Frankfurter Versicherung und der Bayerischen Versicherungsbank (BVB) gab es zudem noch zwei große Untergesellschaften die in weitgehender Autarkie wirtschafteten.

Kontinuierlichen Kundenverlust stoppen

Rupprecht will für mehr Effizienz, einen besseren Service und konkurrenzfähigere Preise sorgen und so den kontinuierlichen Kundenverlust der vergangenen Jahre zumindest stoppen. Die Allianz habe seit 2001 rund eine Million ihrer derzeit noch 19 Millionen deutschen Versicherungskunden verloren, rechnete er vor. „Es wäre verantwortungslos, dieser Entwicklung weiter zuzusehen“, sagte er. Jetzt werden die drei Versicherungssparten und auch Frankfurter und BVB komplett in der neuen Allianz Deutschland AG (Adag) zusammengefaßt.

Wichtiger Baustein des Umbaus ist außerdem die Ausgliederung des Vertriebs in einer eigenen Gesellschaft. Das Heer der rund 10.000 selbständigen Allianz-Agenturen in Deutschland wurde bisher weitgehend von der dominierenden Sachversicherung gelenkt. Doch die Konzernspitze hält vor allem die Lebensversicherung angesichts gesättigter Märkte etwa in der Autoversicherung für zukunftsträchtiger.

Durch die Ausgliederung des Vertriebs sollen deshalb die Lebens- und Krankenversicherung und auch die Dresdner Bank einen besseren Zugriff auf die bei Assekuranzen besonders wichtigen und knappen Vertriebskapazitäten bekommen. Der von Diekmann verordnete grundlegende Wandel ist freilich bis in den Konzernvorstand hinein umstritten gewesen. Der einflußreiche Sachversicherungs-Chef Reiner Hagemann trat aus Protest gegen die Pläne vergangenen Herbst zurück.

Quelle: F.A.Z., 23.06.2006, Nr. 143 / Seite 16
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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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