Home
http://www.faz.net/-gqi-sjvd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Versicherer Allianz-Vertreter warnen vor Kompetenzverlust

23.06.2006 ·  Der Umbau und die Stellenstreichungen stoßen bei den selbständigen Allianz-Vertretern auf Kritik. Vor allem der Plan, Nordrhein-Westfalen zur „Allianz-freien Zone“ zu machen, rief Unverständnis unter den Vertretern und bei NRW-Ministerpräsident Rüttgers hervor.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der geplante Großumbau und die Stellenstreichungen der Allianz stoßen auch bei den mehr als 10.000 selbständigen Allianz-Vertretern auf Kritik. "Die Meinung unter den Vertretern ist sehr gespalten", sagte Udo Balshüsemann, Sprecher der Interessengemeinschaft der Allianz-Vertretervereinigungen am Freitag der F.A.Z. Besonders für die Vertreter in Nordrhein-Westfalen seien die Kürzungen bitter.

"Das bevölkerungsreichste Bundesland wird damit praktisch Allianz-freie Zone", kritisierte Balshüsemann. Die Allianz hatte am Donnerstag angekündigt, ihre Verwaltungsstandorte in Köln, Dortmund und Aachen komplett zuschließen. Dabei gehen mehr als 1500 Arbeitsplätze verloren. Insgesamt will der größte deutsche Versicherer in den kommenden Jahren in der Assekuranz und in der Tochtergesellschaft Dresdner Bank rund 7500 Stellen abbauen. Der Betriebsrat und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi drohen deshalb mit Streiks.

Die Allianz wird die Vertreter besänftigen wollen

Die Vertreter haben - obwohl sie keine Angestellten des Konzerns sind - , eine Schlüsselposition in der Allianz inne. Das dicht geknüpfte Netz der Agenturen bildet noch immer den wichtigsten Vertriebskanal für den Versicherer. Die Allianz dürfte deshalb alles daran setzen, die Vertreter zu besänftigen. Balshüsemann fürchtet, daß durch die Standortschließungen die Konkurrenzfähigkeit der Marke leiden könnte. "In der Kölner Verwaltung etwa haben wir geballte Kompetenz, die jetzt verloren geht und erst einmal anderweitig ersetzt werden muß", sagte er. Durch die Ausdünnung des Verwaltungsnetzes würden "die Wege für den persönlichen Austausch mit der Allianz länger", befürchtet der Vertreter-Sprecher.

Balshüsemann warnte zugleich davor, daß Allianz-Vertreter dem Unternehmen den Rücken kehren könnten. "Vor allem junge Kollegen könnten von anderen Versicherern abgeworben werden, wenn sich Unzufriedenheit breitmachen sollte", sagte er. Häufig gehe der Allianz in solchen Fällen auch ein Großteil der von den Vertretern betreuten Kunden verloren. Die Allianz-Verkäufer seien in der Branche begehrt: "Schon heute macht die Konkurrenz regelrecht Jagd auf Allianz-Verteter", gibt er zu bedenken.

Rüttgers telefoniert mit Diekmann

Die Kürzungspläne der Allianz stoßen bei Politikern auf zum Teil heftige Kritik. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) machte sein Unverständnis über die Entscheidung in einem Telefongespräch mit Allianz-Vorstandschef Michael Diekmann deutlich. Der Ministerpräsident könne nicht nachvollziehen, wie ein Unternehmen, das zuletzt 4,4 Milliarden Euro Gewinn gemacht habe, mit seinen Mitarbeitern umgehe. Zugleich forderte Rüttgers die Allianz-Führung zu einem "ergebnisoffenen Gespräch" auf, obwohl er nicht wisse, wie offen die Entscheidung überhaupt noch sei, und was die Landesregierung zu ihrer Veränderung beitragen könne.

Solche Streichungs-Ankündigungen wie die Allianz dürfe man nicht machen, ohne den Mitarbeitern zu sagen, was aus Ihnen werde, kritisierte Rüttgers. "Ich frage mich, wenn man so mit seinen Mitarbeitern umgeht, wie man dann erst mit seinen Kunden umgeht", heißt in einer Stellungnahme der Düsseldorfer Staatskanzlei. Weil ein großer Teil dieser Kunden, vermutlich der größte, in Nordrhein-Westfalen lebt, ist es für Rüttgers auch "unverständlich, daß sich die Allianz so weitgehend aus Nordrhein-Westfalen zurückziehen will.

Zurückhaltung in Hessen

Anders als in Düsseldorf ist die Politik in Hessen zurückhaltend. Die Landesregierung wolle keine falschen Hoffnungen wecken, sagte Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU) der F.A.Z: "Das Auf und Ab kennzeichnet einen so bedeutenden Finanzplatz wie Frankfurt - nicht nur die Börse, sondern leider auch die Beschäftigtenzahlen." Im Rhein-Main-Gebiet entstünden ständig neue Arbeitsplätze, gerade bei vielen mittelständischen Unternehmen und Existenzgründern, die sich mit innovativen Ideen neue Geschäftsfelder erschließen. "Hier sind Beschäftigungschancen", sagte Rhiel. Die Allianz baut auch in Frankfurt viele Stellen ab.

Auch die Bundesregierung äußerte sich zurückhaltend zu den Sparplänen des Münchner Finanzkonzerns. Es handele sich dabei um eine unternehmerische Entscheidung, "die die Bundesregierung nicht korrigieren kann", sagte Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin. Der Abbau von Stellen sei zwar bedauerlich, aber bei Umstrukturierungen und neuen Konzepten oft notwendig.

Quelle: theu./P.S./hap., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Juni 2006
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 12 18

30.05.2012 12:18 Uhr
  Vortag
Dax 6.319,78 −1,20%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.377,68 −1,18%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2445 −0,35%
Rohöl Brent Crude 105,15 $ −1,59%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.