17.10.2005 · Wie stark das Buchgeschäft vom Preis dominiert wird, zeigt nicht nur das Beispiel des Frankfurter Versenders Zweitausendeins, der aus Kostengründen sein kleines Filialnetz noch ausdünnen mußte. Das Buch lebt - aber wer kann davon noch leben?
Von Georg GiersbergDas Buch lebt. Wenn man der Statistik glaubt, dann war es trotz aller Konkurrenz durch Fernsehen und Internet nie so lebendig wie heute. Zehn Bücher kauft jeder Deutsche im Jahresdurchschnitt. Die Buchindustrie hat ihren Ausstoß im vergangenen Jahr abermals ausgeweitet auf fast eine Milliarde Exemplare. Der Umsatz der Branche ist gestiegen. Und in diesem Jahr werden Harry Potter, die Papst-Bücher und die Zeitungseditionen dafür sorgen, daß die Umsätze das hohe Niveau mindestens halten. Trotzdem jammern viele Buchhändler und Verleger - und haben ihre Gründe dafür.
Zum einen ist die Bücherflut nicht so groß, wie die Statistik sie ausweist. Für die Zähler in Wiesbaden ist ein Roman oder ein Lexikonband das gleiche wie ein Adreßbuch oder eine Broschüre. Zwar zeigt sich auch das traditionelle Buch quicklebendig - mit 86.500 Erst- und Neuauflagen sind im vergangenen Jahr so viele Bücher erschienen wie nie zuvor. Aber der Zuwachs ist bescheiden. Zum zweiten beruht der Zuwachs zum Teil auf den in dieser Massierung erstmals aufgetretenen Zeitungseditionen. Die "Süddeutsche Zeitung" verkaufte zehn Millionen Romane, die Kooperation der "Bild"-Zeitung mit dem Weltbild-Verlag brachte es auf sechs Millionen, das mit Brockhaus erarbeitete Lexikon der Wochenzeitung "Die Zeit" auf mehr als zwei Millionen und die Hörbücher der Frauenzeitschrift "Brigitte" auf eine Auflage von mehr als einer Million Exemplaren. Die Buchreihen waren so erfolgreich, daß fast alle Zeitungsverlage neue Reihen nachgeschoben haben wie die Comicbücher von "Bild" und Frankfurter Allgemeiner Zeitung oder die Kinderbücher der "Süddeutschen Zeitung".
Neue Käufer angesprochen
Diese Buchreihen haben für den Buchhandel den Vorteil, daß sich davon auch neue Käufer angesprochen fühlen, die bisher wenige oder keine Bücher gekauft haben. Der Erfolg der Buchreihen beruht zu einem großen Teil aber auf ihrem niedrigen Preis. Das freut die Verbraucher, schmälert aber den Gewinn des Buchhandels. Dieser steht insgesamt unter Druck, weil sich im Handel immer stärker die Buchhandelsketten breitmachen, die ebenfalls mit niedrigen Preisen locken. Dazu gehört in erster Linie die Buchhandelskette Weltbild plus, die demnächst ihr 300. Geschäft in Deutschland eröffnen wird. Das Ziel sind 350 Läden. Die Dresdner Konkurrenz Elbeteam will gar mehr als 450 Filialen eröffnen. Die Ketten binden immer mehr Nachfrage. Schon heute wird jedes zehnte Buch in Deutschland im Augsburger Medienhaus Weltbild gekauft, entweder in den Läden, die man gemeinsam mit Hugendubel betreibt, oder per Bestellung im Versandhaus Weltbild.
Wie stark das Buchgeschäft vom Preis dominiert wird, zeigt das Beispiel des Frankfurter Versenders Zweitausendeins, der aus Kostengründen sein kleines Filialnetz noch ausdünnen mußte. So geht es auch manchem Buchhändler um die Ecke, der aus Kostengründen sein Geschäft aufgeben muß. Das wiederum hat Rückwirkungen auf die Verlage, jedenfalls die kleinen und mittleren. Die Großkonzerne der Buchindustrie kommen mit ihren Bestsellern weiterhin in die Schaufenster und auf die Aktionsflächen. Durch weitere Konzentration sichern sie sich auch immer mehr Rechte für die Zweit- und Drittverwertung in Form von Taschenbüchern, Hörbüchern, Filmen und anderen Lizenzprodukten.
Blick hinter die vielfältigen Namen
Wie stark dieser Konzentrationsprozeß schon vorangeschritten ist, wird erst klar, wenn man sich die Besitzverhältnisse hinter der nach außen noch immer herrschenden Vielfalt der Verlagsnamen bewußtmacht. Der größte deutsche Publikumsverlag ist die Bertelsmann-Gesellschaft Random House mit ihren Marken Bertelsmann, Goldmann, Blanvalet, Blessing, btb, Siedler, Heyne, DVA und Manesse. Es folgt die Holtzbrinck-Gruppe mit ihren Buchverlagen Rowohlt, Fischer und Droemer vor dem schwedischen Verlagshaus Bonnier, das in Deutschland über seine Marken Ullstein, Piper, Carlsen (Harry-Potter-Verlag), ars-Edition und Thienemann bekannt ist. Gegen diese Riesen, die jeweils mehrere hundert Millionen Euro umsetzen, haben es kleine und mittlere Verlage immer schwerer. Sie schlüpfen daher vermehrt unter das Dach eines Konzerns. Das ist bei den Publikumsverlagen, wo zuletzt die DVA, Kösel und Manesse bei Bertelsmann landeten, nicht anders als bei wissenschaftlichen Verlagen, wo vor allem der Wissenschaftsverlag Springer Media (Springer, Gabler, Vieweg, Birkhäuser) weitere Übernahmen im Blick hat. Der Wissenschaftsverlag Springer, heute im Eigentum englischer Finanzinvestoren, gehört zu den wenigen deutschen Verlagen, die auch international eine wichtige Rolle spielen. Die internationale Rangliste der Buchverlage wird aber angeführt von Reed Elsevier aus Holland, Thomson aus Kanada, McGraw Hill aus den Vereinigten Staaten, Pearson aus England und Wolters Kluwer aus den Niederlanden, die alle auch in Deutschland vertreten sind. Die Länder- und Sprachgrenzen überschreitende Konzentration wird noch gefördert durch die Zunahme der elektronischen Kanäle, über die Buchinhalte vermarktet werden. Gerade im wissenschaftlichen Bereich wird das Abonnement des Zutritts zu einem Internetangebot des Verlages immer wichtiger - ein Vertriebsweg, der ebenso am Handel vorbeigeht wie die zunehmende Direktvermarktung der Bücher durch viele Verlage.
Wenn sich in dieser Woche wieder Verleger, Buchagenten, Buchhändler und Leser aus aller Welt in Frankfurt zur Buchmesse treffen, dann geht es nicht nur um Inhalte. Dann wird auch um Umsätze und Verkaufsflächen, um Wettbewerbspositionen und Vertriebskanäle gekämpft. Das Buch lebt - aber vom Buch können gerade die traditionellen Verlage und Buchhändler immer weniger leben.
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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