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Verkehrsmittel Mit dem Bus in die Ferne

 ·  Von Januar 2013 an wird der Fernbusverkehr in Deutschland vollständig liberalisiert. Nicht nur die Bahn bekommt mehr Konkurrenz, sondern auch das Auto. Mehrere neue Busunternehmen gehen an den Start.

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© Archiv Vergrößern Neue Fernbusanbieter: Statt Kaffeefahrten und Kegelclub-Touren gibt es feste Fahrten zwischen Großstädten

Aus dem Urlaub in Ländern wie England, Portugal und Spanien kennt man ihn längst: den Fernbus, der die Reisenden von einer größeren Stadt zur nächsten bringt. Auch in Osteuropa und Südamerika ist er als Verkehrsmittel der Schlechterverdiener gang und gäbe. Nur in Deutschland fehlte er bisher gänzlich. Der Grund war ein uraltes Monopol der Deutschen Bahn im Fernverkehr über 50 Kilometer Entfernung. Nur wenn etwaige Konkurrenten nachweisen konnten, dass sie zugleich billiger, schneller und mit weniger Umstiegen dieselbe Strecke bedienen konnten, wurde ihnen eine Genehmigung erteilt, was nur äußerst selten der Fall war.

Damit ist jetzt Schluss: Am 1. Januar 2013 ist es soweit. Dann wird der Fernbusverkehr in Deutschland vollständig liberalisiert. Nicht nur die Bahn bekommt dann mehr Konkurrenz, sondern auch das Auto. Denn Fernbusse fahren billiger als die Bahn und umweltfreundlicher als das Auto. Allerdings brauchen sie meist auch länger als die Bahn - und im Unterschied zum eigenen Auto muss man sich an den Fahrplan halten.

Große Konkurrenz

Gleich ein halbes Dutzend Anbieter von Fernbuslinien stehen in den Startlöchern für die Liberalisierung und werden ab Januar ihr Geschäft stark ausbauen. Einige von ihnen haben schon jetzt damit begonnen - auf einzelnen Strecken, die sie besser bedienen können als die Bahn. Zu diesen Pionieren gehören unter anderem die beiden Start-ups namens Deinbus GmbH aus Offenbach und der ähnlich benannte Rivale MFB Meinfernbus GmbH aus Berlin. Sie konkurrieren nicht nur mit den hier und da lokal als Fernstreckenanbieter agierenden Busgesellschaften. Hinzu kommen noch viel größere und mächtigere Wettbewerber - wie der britische Reiseanbieter National Express oder der riesige französische Mischkonzern Veolia.

Auch die Deutsche Touring GmbH in Frankfurt hat etwa 40 ihrer Verbindungen ins europäische Ausland identifiziert, auf denen sie ab Jahresbeginn auch innerdeutsche Tickets ausstellen will. „Bisher mussten wir uns jede einzelne unserer sechs Linien mühsam genehmigen lassen. Dieses Hindernis fällt nun weg. Bis Ende 2013 wollen wir ein flächendeckendes Busfernverkehrsnetz in Deutschland aufbauen“, sagte Alexander Kuhr, Miteigentümer und Gründer des Start-ups Deinbus, dieser Zeitung. Bisher hatte sich Deinbus auf die Rolle einer internetbasierten Mitfahrzentrale für Busse beschränkt; man organisierte immer dann ein Fahrzeug, wenn es genügend Interessenten für eine Strecke gab. Jetzt sollen zahlreiche feste Linien zwischen Großstädten eingerichtet werden.

Neue Strecken kommen hinzu

Noch wirft das Unternehmen Deinbus, das ebenso wie der Wettbewerber Meinfernbus keine eigenen Busse besitzt, sondern mit kleinen Busunternehmern vor Ort kooperiert, keinen Gewinn ab. Aber es werden mit einem Dutzend Beschäftigten - bei Meinfernbus sind es sogar rund 50 Beschäftigte - Busfahrten für etwa 500 Fahrgäste am Tag organisiert. Bisher haben die insgesamt mehr als viertausend kleinen Busunternehmer in Deutschland fast nur Freizeitfahrten durchgeführt - die bekannten Kaffeefahrten, Wochenendausflüge Kegelclub-Touren. Jetzt können sie sich bundesweit agierenden Anbietern wie Deinbus und Meinfernbus anschließen, die sich dann ähnlich wie ein Franchise-Geber um die Marke, die Angebotsplanung sowie Marketing und Vertrieb kümmern.

Im Dezember 2009 ließ Deinbus die ersten Busse fahren - auf der Strecke zwischen Frankfurt und Köln, die mit dem Bus zweieinviertel Stunde braucht, wenn alles glatt läuft. Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Neben Deinbus macht auch der Konkurrent Meinfernbus die ersten Strecken in Hessen auf. Täglich bis zu sieben Busse fahren von Ende November an von Frankfurt nach Zürich und von Frankfurt nach Leipzig - mit jeweils mehreren Zwischenstopps. Für die gesamte Strecke von Frankfurt nach Zürich benötigt der Fernbus zum Beispiel sechseinhalb Stunden.

Zahlen sollen Umweltfreundlichkeit belegen

Das Geschäftsmodell funktioniert schon jetzt: „Mit unseren ersten Linien haben wir eine Auslastung von 75 Prozent erreicht, und wir planen einen schnellen Netzausbau in ganz Deutschland“, sagt Meinfernbus-Geschäftsführer Torben Greve. Das erst vor eineinhalb Jahren gegründete Unternehmen will noch in diesem Jahr acht Linien mit 30 Bussen bedienen. Bislang betreibt Meinfernbus zwei Linien ab München und plant eine weitere ab Köln/Düsseldorf nach Freiburg.

Auch auf diesen Linien ist nach Angaben der Betreiber eine Fahrt mit den stets apfelgrün angestrichenen Fernbussen von Meinfernbus „erheblich günstiger“ als eine Fahrt mit dem Auto oder der Bahn. Grundsätzlich gelte: Je eher die Fahrgäste buchten, desto günstiger sei der Preis. Die einfache Fahrt von Frankfurt nach Zürich sei ab 18 Euro buchbar, der maximale Preis bei kurzfristiger Buchung betrage 49 Euro. Auch für die Behauptung, dass der Fernbus umweltfreundlicher sei, legen die Betrieber Zahlen als Beleg vor: Während der Flugzeug-Passagier 356 Gramm Kohlendioxid je Kilometer verursache, seien es mit dem Auto immerhin noch 138 Gramm Kohlendioxid und mit der Bahn 46 Gramm. Den Fernreisebus taxieren sie dagegen auf nur 31 Gramm CO2 je Kilometer. Das entspricht gerade einmal 1,4 Liter Dieseläquivalent auf 100 Kilometer.

Vorfreude auf die Zukunft

Dennoch geht es einigermaßen komfortabel zu: Jeder der Fernbusse ist mit Klimaanlage und Toiletten ausgerüstet. Und jeder Passagier von Meinfernbus darf neben zwei Gepäckstücken auch noch Handgepäck mitnehmen. Außerdem können insgesamt bis zu fünf Fahrräder mitgenommen werden - zum Pauschalpreis von 9 Euro je Fahrrad. Überhaupt scheint das Motto des Fernbusreisenden Eile mit Weile zu sein: „Die Welt ist viel zu schön, um darüber hinwegzufliegen. Die Fernbus-Kunden werden von der schönen Schwarzwald-Landschaft und den malerischen Ausblicken entlang des Bodensees begeistert sein“, freut sich der Busunternehmer Frank Römer von den Avanti Busreisen auf die Zukunft.

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)

11.11.2012, 21:51 Uhr

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