Home
http://www.faz.net/-gqi-qwpe
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Verflechtungen Die Rückkehr der Japan AG

02.07.2007 ·  Überkreuzbeteiligungen haben in Japan eine lange Geschichte. Erst 1999 macht sich die japanische Regierung daran, die Industriekonglomerate zu entflechten. Doch um feindliche Übernahmen abzuwehren, bauen viele Unternehmen seit dem vergangenen Jahr bauen abermals Überkreuzbeteiligungen auf.

Von Stephan Finsterbusch, Tokio
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)

Toyota tut es, Nippon Steel tut es, und nun zieht auch Matsushita mit. Mitsubishi machte es schon immer, Honda erst seit neuestem. Die großen Unternehmen Japans setzen mit milliardenschweren Einsätzen auf die Tradition der Überkreuzbeteiligung. Damit zeichnet sich eine Neuformierung der Japan AG ab. Sahen doch die Analysten der Investmentbank Nomura im gerade beendeten Geschäftsjahr erstmals seit anderthalb Jahrzehnten die Summe der von den Firmen gegenseitig und im Einvernehmen gehaltenen Anteile wieder steigen.

So befanden sich 11,2 Prozent aller ausstehenden Aktien japanischer Unternehmen in gegenseitigen Beteiligungsverhältnissen. Im Jahr 2005 waren es noch knapp 11, im Jahr 2004 kaum 10 Prozent. Doch dieser Tiefpunkt ist nun durchschritten. Denn die Quote werde von jetzt an steigen, ließ sich Kengo Nishiyama von Nomura zitieren. Auf diesem Weg peilen viele Unternehmen stabile Eigentümerstrukturen und Absicherungen gegen feindliche Übernahmen durch ausländische Gesellschaften an. Nissan-Präsident Carlos Ghosn erklärte schon vor einem Jahr, grundsätzlich sei an Überkreuzbeteiligungen nichts auszusetzen, solange die Unternehmen flexibel und gewinnreich blieben.

„Zurückstellen der Uhr“

Dagegen meinte Shigenobu Nagamori, Präsident des Präzisionsmotorenbauers Nidec, die Wiederbelebung der Praxis gegenseitiger Anteilsbeteiligungen käme einem „Zurückstellen der Uhr“ gleich. Dem stimmte Yoshinori Nagano von Daiwa Asset Management zu. Die jüngsten Entwicklungen in Japans Unternehmenssektor seien für viele Anleger an der Börse kein gutes Zeichen. Während die Aktienindizes an den Börsen Europas im bisherigen Jahresverlauf satte Steigerungen verbuchten, legte der Topix-Index kaum 3 Prozent zu. In Zeiten der großen Entflechtung alter Kapitalseilschaften während der Jahre 1999 und 2004 zeigte das Tokioter Börsenbarometer jeweils eine Verdopplung der Aktienwerte an.

Kein Wunder: In jenen Zeiten hatten viele Firmen ihre oft aus den fünfziger und sechziger Jahren stammenden Überkreuzbeteiligungen rasch verringert. Ende der achtziger Jahre lag noch weit mehr als ein Drittel aller Aktien japanischer Börsengesellschaften in den Anlagedepots anderer heimischer Unternehmen. Dann kam der Kursverfall an der Tokioter Börse, schließlich das große Aufdröseln alter Seilschaften. Um aus der schwersten Krise der Nachkriegszeit herauszukommen und der Wirtschaft neuen Schwung zu geben, hatte die Regierung in Tokio Ende der neunziger Jahre die Insolvenz- und Bilanzierungsvorschriften geändert, den Kapitalmarkt reformiert, Fusionsrichtlinien gelockert und den Zugang ausländischer Investoren erleichtert.

Japaner aler Schule

Das zeigte Wirkung. Die alte Japan AG wankte. Amerikanische Fonds stiegen zu Großaktionären japanischer Banken auf. Durch die Glaspaläste von Japans Finanzhäusern wehte ein frischer Wind. Europäische Autobauer wie Renault banden Japans angeschlagene Traditionsmarken an sich. Sie brachten Unternehmen wie Nissan wieder auf Erfolgskurs. Nach Angaben der Tokioter Börse halten Anleger aus Übersee mittlerweile 28 Prozent aller japanischen Aktien. Anfang der neunziger Jahre waren es kaum 4 Prozent. Junge japanische Internetfirmen wie Livedoor machten sich an die Übernahme traditionsreicher Gesellschaften wie Tokyo Broadcasting.

Nun aber stößt das weitere Vordringen frischer Kräfte beim unternehmerischen Establishment des Inselreiches auf harte Widerstände. Vertreter der Japan AG machen mobil. Ausländische Konzernchefs wie Carlos Ghosn von Nissan Motor oder Howard Stringer von Sony haben einen schweren Stand. Daimler-Chrysler zog sich aus Japan zurück. Vodafone schmiss das Handtuch. Firmen wie das Pharmaunternehmen Takeda oder der Kamerahersteller Canon zählen zwar jeden zweiten ihrer Aktionäre als Ausländer. Allein die Führungsriege der Unternehmen ist von Japanern alter Schule geprägt - und das soll auch so bleiben.

Industrieunternehmen als Kerne

Im Jahr 2002 bilanzierten die drei größten Banken Japans Unternehmensaktien im Wert von 137 Milliarden Euro, 2005 lag die Summe nur noch bei 55 Milliarden Euro. Spielten die Institute einst die Schlüsselrolle bei Aufbau und Pflege von Überkreuzbeteiligungen, machen sich heute japanische Industrieunternehmen daran, diese Stelle einzunehmen. Gerade verbandelte sich der Autobauer Honda mit den Zulieferern Kikuchi, Sanoh Industries und Daido Steel. Nippon Steel tauschte mit Sumitomo Metal und Kobe Steel milliardenschwere Aktienpakete. Die Eisenbahngesellschaften Keihin und Nankai taten mit Kinki Nippon Tourist das Gleiche. Der Motorradbauer Yamaha Motor stärkt die Verbindungen zum einstigen Mutterhaus und Klavierbauer Yamaha Corp.

Einer der größten Aktionäre von Yamaha ist Toyota. Das passt ins Muster. Denn Japans gewinnstärkster Autobauer ist mit zahlreichen Hochtechnologie-, Immobilien- und Mobilfunkfirmen verbunden. Gerade erwarb Toyota Motor für eine viertel Milliarde Euro 20 Millionen Aktien von Matsushita. Im Gegenzug kaufte Matsushita 20 Millionen Anteilscheine von Toyota. Damit untermauerten zwei der größten Konzerne Japans auf der Kapitalseite, was sie im operativen Geschäft seit Mitte der neunziger Jahre praktizieren. Sie gründeten 1996 den Batteriehersteller Panasonic EV Energy, der für die Hybrid-Autos von Toyota die Batterien liefert.

Alte Seilschaft wiederbelebt

Konkurrent Mitsubishi Motors zieht mit. Nachdem die deutsche Daimler-Chrysler AG vor drei Jahren beim skandalumwitterten japanischen Autobauer ausgestiegen war, belebte dieser die alte Seilschaft. Vor zwei Jahren knüpfte der Vorstand um Mitsubishi-Veteran Osamu Masuko ein Netz gegenseitiger Verpflichtungen und Beteiligungen, dessen Knotenpunkte jene 160 Gesellschaften sind, die schon früher dem Konglomerat angehört hatten. Dennoch gilt Mitsubishi weiterhin als Übernahmekandidat. Japanische Hersteller wie Honda und Toyota winkten bereits ab. Denn wer in das Gestrüpp von Mitsubishi greift, holt sich leicht blutige Finger. Das Management von Daimler leckt noch heute die Wunden.

Eine lange Tradition

Überkreuzbeteiligungen haben in Japan eine lange Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte das Anti-Monopol-Gesetz der ausländischen Besatzungsmacht zunächst zur Entflechtung von Industriekonglomeraten. Diese sogenannten Zaibatsus waren in den zwanziger Jahren entstanden und hatten Industriellen erst als Organisations- und dann als Investitionsvehikel gedient. Von 1935 an heizten sie die Kriegsproduktion an, finanzierten sich fortan über Hausbanken und nicht mehr an der Börse. 1945 verlor Japan den Krieg. Die Amerikaner ordneten die Besitzverhältnisse im Kaiserreich neu. 1949 lagen 70 Prozent aller Unternehmensaktien bei Kleinaktionären. Um massive Spekulationen zu unterbinden, revidierte Tokio 1953 das Anti-Monopol-Gesetz. Es erlaubte Überkreuzbeteiligungen von Unternehmen und ebnete alten Konglomeraten wie Mitsui oder Mitsubishi neue Wege. Diese nannten sich nun Keiretsus, rückten ihre Banken ins Zentrum des Geschehens und erhöhten während der Börsenturbulenzen in den sechziger sowie der Ölkrisen in den siebziger Jahren ihre Einsätze. 1989 lag die Hälfte aller Firmenaktien bei den Banken. Im Gegenzug hielten die Unternehmen ein Viertel der Anteile der Finanzhäuser. Kleinaktionäre kamen auf weniger als 20 Prozent. Washington nahm die Japan AG ins Visier.

In Handelsgesprächen forderten die Amerikaner Reformen. 1990 brachen an der Tokioter Börse die Kurse ein. Banken und Firmen mussten riesige Aktienpakete wertberichtigen. Erst 1999 machte sich die Regierung an den Umbau alter Strukturen. Banken und Unternehmen verkauften nun Aktien im Wert dreistelliger Milliarden-Euro-Beträge. Das gab ihnen neue Spielräume. Seit 2006 bauen viele Unternehmen abermals Überkreuzbeteiligungen auf, um feindliche Übernahmen abzuwehren.

Quelle: F.A.Z., 02.07.2007, Nr. 150 / Seite 14
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 12 18

30.05.2012 12:12 Uhr
  Vortag
Dax 6.320,96 −1,19%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.377,97 −1,16%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2440 −0,39%
Rohöl Brent Crude 105,25 $ −1,50%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.