09.06.2005 · Große Krisen sind für die amerikanischen Autohersteller nichts Unbekanntes. Der Stellenabbau von 25.000 Arbeitsplätzen bei General Motors bedeutet eine Beschleunigung der Einschnitte.
Von Roland LindnerDer gerade angekündigte Abbau von 25.000 Stellen oder mehr als einem Fünftel aller amerikanischen Mitarbeiter in der Fertigung ist nur die jüngste Hiobsbotschaft des weltgrößten Autoherstellers General Motors (GM). Im Zuge einer dramatischen Abschwächung des Geschäfts auf dem amerikanischen Heimatmarkt ist GM in diesem Jahr in eine schwere Krise gerutscht.
GM steckt tief in der Verlustzone und muß im Moment zusehen, wie die Liquidität dahinschmilzt. Allerdings steht das Unternehmen mit seinen Schwierigkeiten nicht alleine da: Auch beim zweitgrößten amerikanischen Hersteller Ford hat sich die Lage in diesem Jahr wieder verschlechtert. Chrysler, die amerikanische Tochtergesellschaft des Stuttgarter Daimler-Chrysler-Konzerns und Nummer drei im Markt, hat sich zwar stabilisiert, muß aber beweisen, daß die jüngsten Erfolge keine Eintagsfliegen waren.
Die Autostadt Detroit ist eine der trostlosesten Städten Amerikas
Krisen in der amerikanischen Autoindustrie sind nichts Neues, in regelmäßigen Abständen befinden sich einer oder mehrere der "Großen Drei" in einer Schieflage. Chrysler stand zum Beispiel im Jahr 1980 kurz vor der Pleite, der damalige Chief Executive Officer Lee Iacocca brachte in einer legendären Aktion die amerikanische Regierung dazu, Geld für die Rettung der Gesellschaft bereitzustellen.
Auch GM war der Insolvenz im Jahr 1992 schon einmal ganz nahe. Damals wurde in der sogenannten "Palastrevolution" CEO Robert Stempel gestürzt, der heutige GM-Chef Rick Wagoner rückte schon zu diesem Zeitpunkt zum Finanzchef auf. Ford hat im Jahr 2001 einen Rekordverlust von 5,45 Milliarden Dollar ausgewiesen, Bill Ford aus der Gründerfamilie entmachtete damals den CEO Jacques Nasser und leitete ein tiefgreifendes Restrukturierungsprogramm ein.
Krisen wie diese haben in der Autostadt Detroit, wo die drei Unternehmen ansässig sind, tiefe Spuren hinterlassen. Detroit gilt als eine der trostlosesten Städte Amerikas, mit einem hohen Anteil einkommensschwacher Menschen. Die Einwohnerzahl in Detroit hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren auf 900.000 mehr als halbiert. GM hat seit Anfang des Jahrzehnts bereits mehr als 20.000 Stellen abgebaut. Insofern ist der angekündigte Stellenabbau nur eine Beschleunigung der Einschnitte.
In ihrer Heimat haben die „Großen Drei“ an Boden verloren
Im Laufe der neunziger Jahre hatte sich das Bild für die amerikanischen Autohersteller zwischenzeitlich wieder etwas aufgehellt, insbesondere aufgrund eines florierenden Geschäfts mit hochlukrativen Großraumautos wie den wuchtigen Sportwagen - den Sport-Utility-Vehicle oder kurz SUV. Mittlerweile haben die Amerikaner in ihrer Heimat aber wieder deutlich an Boden eingebüßt. Im Jahr 2000 hatten die "Großen Drei" zusammen noch einen Marktanteil von 68 Prozent, mittlerweile sind es nur noch 57 Prozent.
Seit Jahresbeginn hat sich nun die Lage besonders zugespitzt, vor allem bei GM, aber auch bei Ford. Beide Unternehmen meldeten Monat für Monat zum Teil deutliche Absatzrückgänge. Im März schockte zuerst GM die Märkte mit einer drastischen Korrektur seiner Gewinnprognose, wenig später verabschiedete sich das Unternehmen ganz von jeglichen Vorhersagen für das Gesamtjahr. Einen Monat später nahm auch Ford seine Vorhersagen zurück, wenn auch etwas weniger deutlich. Ford trennte sich außerdem von seinem während der Krise im Jahr 2001 ausgegebenen Ziel, bis zum Jahr 2006 einen Vorsteuergewinn von 7 Milliarden Dollar zu erwirtschaften.
Kunden greifen lieber zu kraftstoffsparenderen Autos
Gerade bei den SUVs mußten die beiden Unternehmen erhebliche Absatzrückgänge hinnehmen. Viele Amerikaner kaufen wegen der hohen Benzinpreise lieber kleinere und kraftstoffsparende Autos, zum Beispiel sogenannte Crossover-Modelle auf Personenwagenbasis, die häufig von japanischen Herstellern stammen. Die Japaner haben ihren Marktanteil in Amerika in den vergangenen Jahren stetig ausgebaut. Dagegen sind die regelmäßig angekündigten Produktoffensiven von GM und Ford zumeist verpufft. Ford hat mit seiner neuen Version des Sportwagens Mustang im vergangenen Jahr einen Erfolg gefeiert, der aber den Abwärtstrend nicht stoppen konnte. Darüber hinaus gilt die künftige Produktpalette von Ford als vergleichsweise wenig attraktiv.
Die Probleme auf der Absatzseite bringen die Hersteller in eine prekäre Lage, weil viele Fixkostenblöcke wachsen. Das gilt vor allem für die Gesundheitsversorgung der Mitarbeiter und Pensionäre, die von den Unternehmen wegen großzügiger Vereinbarungen mit den Gewerkschaften in hohem Umfang übernommen werden. GM leidet darunter als größte der drei Gesellschaften am meisten, aber auch Ford machte diese Aufwendungen für seine Ergebniswarnung verantwortlich. GM erwartet in diesem Jahr Gesundheitsausgaben in Höhe von 5,6 Milliarden Dollar, Ford rechnet mit 3,5 Milliarden Dollar.
Nur Chrysler konnte den Marktanteil steigern
GM und Ford haben beide noch genügend Liquidität, um einen Zusammenbruch zu vermeiden. Vor allem bei GM schmelzen die Barreserven aber dahin, allein im ersten Quartal von 23,3 Milliarden Dollar auf 19,8 Milliarden Dollar. Ford steht etwas besser da: Hier ging der Bestand an liquiden Mitteln von 23,6 Milliarden auf 22,9 Milliarden Dollar zurück.
Chrysler ist der einzige der drei amerikanischen Hersteller, der im vergangenen Jahr seinen Marktanteil ausgebaut hat. Dies war an erster Stelle auf den überraschenden Erfolg der neuen Limousine 300 zurückzuführen. In der Bilanz von Daimler-Chrysler stand Chrysler im vergangenen Jahr mit einem positiven Betriebsergebnis von 1,4 Milliarden Euro, auch im ersten Quartal dieses Jahres war die Gesellschaft klar in der Gewinnzone.
Trotzdem sind die defizitären Zeiten auch bei Chrysler noch in frischer Erinnerung - noch im Jahr 2003 gab es einen Verlust von 506 Millionen Euro - und das Unternehmen muß neue Erfolgsmodelle nachlegen. Auch Chrysler-Chef Dieter Zetsche will bislang noch nicht davon sprechen, die Wende schon endgültig geschafft zu haben. Selbst der langfristige Erfolg des 300 ist nicht gesichert: Erstmals gab es im Mai beim 300 im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang der Verkaufszahlen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,97 | −1,16% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2440 | −0,39% |
| Rohöl Brent Crude | 105,25 $ | −1,50% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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