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Verbraucherschutz Transparente Mogelpackung

15.03.2010 ·  Wie viele Nudeln sind in der Spaghettipackung? Wie viel Tütensuppe in der Suppentüte? Füllmengen in Lebensmittel-Packungen sind seit einem Jahr unreguliert. Einige Produkte sind seitdem verdeckt teurer geworden. Insgesamt blieben die Preise aber stabil. Eine Bilanz.

Von Jan Grossarth
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Lustig blicken bunte Kühe von der Weingummi-Tüte. Mit „frischer Milch“ sei diese Süßigkeit hergestellt, wirbt die Firma Trolli. Unerwähnt bleibt, dass die Kühe in der Tüte, bildlich formuliert, abgemagert sind: Der Inhalt sank bei einem gleich gebliebenen Preis von 250 von 225 Gramm. Das ist eine verdeckte Preiserhöhung von immerhin rund 10 Prozent und damit eines der milden Beispiele für eine verbreitete Praxis: Lebensmittelmärkte knüpfen Verbrauchern, die Wichtigeres im Kopf haben als sich die Füllmengen und Preise von Trolli-Milchkuhtüten zu merken, unmerklich mehr Geld durch eine Reduzierung des Inhalts ab. Gleichzeitig werden Butterpäckchen immer dünner, Kekstüten enthalten mehr Luft und weniger Keks.

Noch vor einem Jahr galten in Deutschland für wichtige Warengruppen wie Milch, Wasser, Säfte, Zucker und Schokolade Vorschriften, die Verpackungsgrößen reglementierten. Doch seit Deutschland im April 2009 eine EU-Richtlinie umsetzte, ist möglich, was selbst in den Albträumen der penibelsten Preisvergleicher nicht vorkam: Schokoriegel von 41,5 Gramm, ein Fruchtsaft von 355 Millilitern, eine Milchtüte mit einer Füllmenge von 900 Millilitern. „Verbraucherunfreundlich“, „eine Lizenz zum Mogeln“, „drohendes Preis-Chaos im Supermarkt“, kritisieren seither Verbraucherschutzverbände und sehen Handlungsbedarf.

Die Verbraucherzentrale Hamburg veröffentlicht auf ihrer Internetseite eine akribisch erstellte Liste fotografisch dokumentierter Fälle verdeckter Preiserhöhungen. Diese Liste gibt es bereits seit fünf Jahren – schließlich wurden die Vorschriften in Deutschland schon seit dem Jahr 2000 Produktgruppe für Produktgruppe liberalisiert. Die Liste jedenfalls wird ständig länger und zeigt, dass es viele und teils dreiste Fälle sinkender Füllmengen bei konstant bleibendem Preis gibt. Neue Beispiele daraus: Penaten-Pflegetücher (enthalten nur noch 56 statt 64 Stück), Bertolli-Grillgemüse (schrumpfte von 500 auf 400 Gramm), Brandt-Schokolinsen (schrumpfte von 250 auf 150 Gramm). Besonders die Süßwarenindustrie tut sich mit „Verpackungsinnovationen“ hervor.

Milch wurde kein einziges Mal nachweislich verdeckt verteuert

Auch besonders dreiste Begründungen der Unternehmen sind aufgeführt: Man habe bloß Kundenwünsche nach einer Mengenreduzierung berücksichtigen wollen, man habe auf chemische Farbstoffe verzichtet –die aber, wie sich auf Nachfrage herausstellte, auch vor der Schrumpfkur nicht im Lebensmittel steckten. „Seit einem Jahr bekommen wir mehr Meldungen von verärgerten Verbrauchern als zuvor“, sagt Silke Schwartau, die bei der Verbraucherzentrale Hamburg die Ernährungsabteilung leitet und nur zufällig so heißt wie einer der Marmeladenhersteller, der Frau Schwartau nachgewiesen haben will, verdeckt die Preise anzuheben.

Die Liste der heimlichen Preissteigerungen bringt allerdings zweierlei zutage: Zum einen, dass Handelsketten und Hersteller tatsächlich sehr gern an der Stellschraube der Verpackungsgröße drehen, um ihre Gewinne zu erhöhen. Zum anderen zeigt sie aber auch, dass dieses aus Verbrauchersicht ärgerliche Vorgehen nicht aufgrund der neuesten Liberalisierung der deutschen Verpackungsvorschriften zugenommen hat. Denn nur sehr wenige der seitdem von den Verbraucherschützern akribisch dokumentierten Fälle betrifft die Warengruppen, deren Verpackungsnormen vor einem Jahr abgeschafft wurden.

Selbst die Verbraucherschützer gestehen ein, dass etwa Milch kein einziges Mal nachweislich verdeckt verteuert wurde. Schließlich sind die Verbraucherschutzorganisationen wachsam, jeder Fall wird im Internet dokumentiert, und die Konsumenten haben sich längst angewöhnt, auf den Grundpreis der Ware zu schauen, nicht mehr auf den Packungspreis. Der Gesetzgeber schreibt Geschäften vor, diese Grundpreise anzugeben.

Verpackungstricksereien zahlen sich offenbar langfristig nicht aus

Auch die offiziellen Zahlen zur Preissteigerung legen nahe, dass einzelne verdeckte Preiserhöhungen aufgeregtere öffentliche Reaktionen auslösen, als dass es tatsächlich begründet wäre. Die Preise für die jeweiligen Lebensmittelgruppen sinken sogar, nachdem sie im Mai 2009 nur leicht angestiegen waren. Es scheint, als ob die Verpackungstricksereien den Händlern und Herstellern zwar kurzfristig Umsatzsteigerungen bringen, sich aber langfristig nicht auszahlen. Schon bald zieht der Mitbewerber nach, und der Markt reguliert sich von selbst.

„Wir konnten seit Mai zwar sehen, dass sich viele Füllmengen geändert haben“, sagt der Leiter der Verbraucherstatistik des Statistischen Landesamtes Hessen, Hans Herbert Krieg. „Doch die Preise für Nahrungsmittel sind in den letzten Monaten wieder zurückgegangen. Es gibt keinen langfristigen Trend.“ Die Statistischen Landesämter, die Daten zur Berechnung der Inflationsrate erheben, erfassen die Grundpreise – also etwa den Preis für 100 Gramm Schokolade, und nicht den für eine Tafel oder einen Schokoriegel. Damit verzerren die Mengenänderungen der Hersteller die gemessene Inflationsrate nicht.

Die Hamburger Verbraucherzentrale wird ihre Aufklärungsarbeit trotzdem fortsetzen, denn häufig melden Verbraucher neue Fälle, die sie empören. Um die gemeldeten Fälle fotografisch dokumentieren zu können, fahren die Verbraucherschützer dann von Tante-Emma-Laden zu Tante-Emma-Laden, bis sie irgendwo eine Packung finden, auf der die alte Füllmenge zu finden ist. „Es ist Detektivarbeit“, sagt Silke Schwartau. Dafür ist die Medienresonanz gewaltig. Einen Erfolg konnten die Verbraucherschützer kürzlich feiern: Das „Iglo-Schlemmerfilet á la Bordelaise“, dessen Fischanteil von 70 auf 52 Prozent gesenkt worden war, gibt es nun zusätzlich auch wieder nach der alten Rezeptur.

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