09.07.2009 · Nach der Schelte wegen des erneuten Zwischenfalls im Atomkraftwerk Krümmel geht Betreiber Vattenfall in die Offensive. In einer Pressekonferenz zeigte man sich zwar zerknirscht und räumte Fehler ein. Die Botschaft des Konzerns aber war eindeutig: „Krümmel ist sicher.“
Fünf Tage lang entlud sich nach den jüngsten Zwischenfällen im Atomkraftwerk Krümmel ein Gewitter von Anschuldigungen, politischen Forderungen und Häme über dem Betreiber Vattenfall. Am Donnerstag dann ging Europachef Tuomo Hatakka in die Offensive. Der Finne gab sich in Berlin zwar zerknirscht und räumte Fehler des Konzerns ein. Seine Botschaft aber war eindeutig: „Krümmel ist sicher.“
Nun soll der 25 Jahre alte Reaktor in Geesthacht in Schleswig-Holstein, der wegen der jüngsten Pannenserie still steht, so schnell wie möglich wieder ans Netz, wie Hatakka betonte. Damit erteilte er kategorisch allen Forderungen eine Absage, das störanfällige Kraftwerk endgültig stillzulegen und dafür einen anderen Atommeiler länger laufen zu lassen. „Abschalten ist keine Alternative“, sagte Hatakka. „Es gibt dafür keinen Grund.“
Vor zwei Jahren schon mal vom Netz gegangen
Manchem schienen die Ereignisse der vergangenen Tage wie ein Déjà vu. Vor genau zwei Jahren war Krümmel schon einmal wegen eines Schadens vom Netz gegangen und hatte danach stillgestanden - bis zum Wiederanfahren vor zwei Wochen. Ursache damals: Kurzschluss in einem Maschinentransformator. Ursache heute: dito. Damals wie heute gab es im Gefolge der eigentlichen technischen Panne weitere Probleme, was - ebenfalls in beiden Fällen - eine Grundsatzdebatte über die Atomkraft auslöste.
Als Hauptunterschied wollte der Vattenfall-Manager jedoch vermerkt wissen, dass man heute „schnell, umfangreich und transparent“ über die Vorgänge in Krümmel informiere. Außerdem habe er sich „persönlich um die Vorgänge gekümmert“, betonte Hatakka, der im Nachgang zum letzten Krümmel-Chaos bei Vattenfall auf seinen Posten kam. „Dieser Vorfall in Krümmel hat mich tief betroffen, aber hat mich nicht paralysiert, das schwöre ich Ihnen“, sagte der Konzernmanager ungewohnt dramatisch. „Ich stehe mit meinem eigenen Namen dafür, dass unser Unternehmen aus diesem Vorgang klare Konsequenzen zieht.“
Dem eigenen Anspruch nicht gerecht geworden
Im Detail legten Hatakka und sein zuständiger Atommanager Ernst Michael Züfle die Ereignisse seit Samstag noch einmal dar. Ein Kurzschluss im Transformator Samstagmittag um 12.02 Uhr führte dieser Darstellung zufolge dazu, dass die produzierten 1200 Megawatt aus dem Reaktor nicht mehr ins Stromnetz abgeleitet werden konnten. Folge: Reaktorschnellabschaltung. 18 Minuten später informierte das Kraftwerkspersonal die Polizei.
Der bereitschaftshabende Betriebsleiter, der die Atomaufsicht informieren sollte, war aber nicht im Kraftwerk. Bis er gegen 12.45 Uhr auf der Warte eintraf und sich durchgefragt hatte, rief die Atomaufsicht - informiert von der Polizei - bereits bei ihm an. Nach Züfles Darstellung hat sein Mitarbeiter aber nichts falsch gemacht. Die knappe Dreiviertelstunde Anreise sei nicht ungewöhnlich.
„Nach unserer heutigen Kenntnis ist das alles bestimmungsgemäß gelaufen“, sagte Züfle. Hatakka räumte allerdings ein, man sei „dem eigenen Anspruch nicht gerecht geworden“, die Atombehörde zuerst von sich aus zu informieren.
„Zu keinem Zeitpunkt irgendein Risikopotential“
Auch bei den meisten anderen Abläufen ist sich Vattenfall - nach den Ausführungen der beiden Manager zu schließen - eigentlich keiner Schuld bewusst. Den jetzt kaputten Transformator habe man vor dem Wiederanfahren des Reaktors vor zwei Wochen geprüft und keinen Fehler gefunden, sagte Züfle. Im übrigen handele es sich um ein Betriebsteil, das nicht sicherheitsrelevant sei. Die Schnellabschaltung sei genau das vorgesehene Prozedere gewesen. Es „bestand zu keinem Zeitpunkt irgendein Risikopotenzial“, beteuerte Züfle.
Die Tatsache, dass im Gefolge der Abschaltung auch noch Hinweise auf mindestens ein kaputtes Brennelement gefunden wurden, das nur wenige Tage vorher bei der Inbetriebnahme nicht aufgefallen war - auch das ist aus Sicht des Konzerns kein Grund zur Aufregung. Der Stillstand gebe jetzt Gelegenheit, nach dem defekten Element zu fahnden (siehe Vattenfall spricht von Schaden an Brennstäben).
Ratlos ließ die beiden selbstbewussten Manager eigentlich nur, dass der zugesagte Einbau eines zusätzlichen Überwachungssystem versäumt wurde. Dafür musste inzwischen der Kraftwerksleiter gehen. Aber auch hier gab sich Züfle recht nachsichtig. Auch dieses sei nur „für den Betrieb wichtig, aber nicht für die Sicherheit“. Dass man den Einbau zugesagt habe, beruhe auf „so einer Art Freiwilligkeit“.
Kompetenzen im Nuklearbereich
Unterm Strich bleibt für Vattenfall - ganz anders als für die Kieler Landesregierung und auch für Bundesumweltminister Sigmar Gabriel - nicht der geringste Zweifel, dass man als Betreiber alle Wechselfälle der Atomtechnologie beherrsche. „Wir haben keinen Grund, unsere Kompetenzen im Nuklearbereich infrage zu stellen“, hielt Hatakka der erneuten Zuverlässigkeitsprüfung durch die Atomaufsicht entgegen. „Das Sicherheitssystem von Krümmel hat gut funktioniert.“
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