07.07.2009 · Als „Gutmensch“ von Schweden hat man Vattenfall-Chef Lars Göran Josefsson schon verspottet, als „Öko-Ikone“ unter den Industriebossen. Immer wieder aber sind Josefsson und sein Energiekonzern in aller Munde - wegen der schier endlosen Pannen bei den Kernkraftwerken des Konzerns.
Von Siegfried ThielbeerSeit dem Jahr 2000 ist Lars Göran Josefsson Vorstandschef des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall. Unter seinem Regime expandierte Vattenfall, dessen Hauptaktionär der schwedische Staat ist, gewaltig in Deutschland und Polen. Das Unternehmen stieg zu einem der größten Energiekonzerne in Europa auf und entwickelte sich angesichts der stetig steigenden Strompreise zu einer Gewinnmaschine ohnegleichen.
Als Vattenfall-Chef engagierte sich der stille, stets offen und freundlich wirkende Josefsson immer stärker für den Umweltschutz und in Klimafragen, warb in einer Fülle von Artikeln und Redeauftritten für eine massive Begrenzung des CO2-Ausstoßes. Selbst wenn man nicht genau wisse, wie sehr man das Klima belaste, müsse man jetzt handeln, forderte er. Globale Emissionsgrenzen müsse man für die nächsten hundert Jahre schaffen. Das Kyoto-Protokoll genüge bei weitem nicht. Auch in der Finanz- und Wirtschaftskrise müsse man sich auf den Klimaschutz konzentrieren. Gerade in einer Krise müsse man in Infrastruktur investieren. Dies predigte er nicht nur den Konzernchefs anderer Elektrizitäts- und Energiegesellschaften, sondern auch Politikern und einer breiten Öffentlichkeit.
Für Umweltschützer mag das selbstverständlich anmuten, keineswegs für einen Energie-Boss. Aber Josefssons missionarischer Einsatz für den Umweltschutz, dessen Ernsthaftigkeit sich kaum bestreiten lässt, hatte für Vattenfall den schönen Nebeneffekt einer Imageaufbesserung. Das Magazin „Time“ zeichnete Josefsson als „Europäischen Held 2005“ aus. Im Dezember 2006 wurde Josefsson Klimaberater der Bundeskanzlerin. Im Juni 2009 wurde er gar von den Vereinten Nationen an die Spitze eines hochkarätig besetzten Expertengremiums gewählt, das in Klimaschutz- und Energiefragen direkt an UN-Generalsekretär Ban Ki Moon berichten soll.
Umweltschützer und Hauptverantwortlicher eines Energiekonzerns
Als „Gutmensch“ von Schweden hat man den 58 Jahre alten Vater von vier Kindern schon verspottet, als „Öko-Ikone“ unter den Industriebossen. Vielerorts wurde ihm jedoch Doppelmoral vorgehalten, denn Vattenfall erwarb Braunkohlekraftwerke und baut bei Hamburg neue Steinkohlekraftwerke. Zudem plädiert Josefsson selbst für einen Ausbau der Kernenergie. Zwei Hüte trägt Josefsson – den des Umweltschützers und den als Hauptverantwortlicher des Vattenfallkonzerns. Im Februar dieses Jahres konnte er zufrieden sein: Schweden, das doch eigentlich den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen hatte, beschloss den Bau neuer Kernkraftwerke, die alte Anlagen ablösen sollen.
Immer wieder aber sind Vattenfall und Josefsson in aller Munde wegen der schier endlosen Pannen bei deutschen, aber auch schwedischen Kernkraftwerken des Konzerns. Josefsson musste schon 2007 nach der damaligen Panne im Atomkraftwerk Krümmel einräumen, dass es schwere Kommunikationsversäumnisse bei der deutschen Tochtergesellschaft während und nach den Pannen gegeben habe. Mit umfangreichen Berichten über die Abläufe des Störfalls versuchte er damals die Flucht nach vorn anzutreten.
Vattenfall ist aus Sicht der öffentlichen Meinung fast schon zum Synonym für Pannenanfälligkeit geworden. Josefsson und sein Konzern haben sich sogar den Zorn der anderen Kernkraftwerkbetreiber zugezogen, denn die Pannen haben dem Ansehen der gesamten Branche geschadet. In Schweden ist der Beinahe-GAU vom Sommer 2006 im Kernkraftwerk Forsmark unvergessen, den der Konzern zeitweise in Kooperation mit der staatlichen Kernkraftinspektion lange zu vertuschen, dann zu verharmlosen suchte.
„Langjähriger Verfall der Sicherheitskultur“
Damals hatte Vattenfall weder die schwedischen Katastrophenstellen informiert noch deutsche Aufsichtsbehörden, die doch interessiert sein mussten, wie es zu dem 20 Minuten langen Ausfall mehrerer Notstromaggregate kommen konnte. Im Januar 2007 wurde dann ein interner Untersuchungsbericht bekannt, in dem es um den „langjährigen Verfall der Sicherheitskultur“ bei den schwedischen Kernkraftwerken von Vattenfall ging, der irgendwann zu einer Katastrophe führen müsse. Damals hätte man eigentlich auch außerhalb Schwedens aufmerken müssen.
Josefsson ließ daraufhin umgehend eine neue strikte Sicherheitspolitik ankündigen. Aber die Frage blieb, ob nicht er selbst mit seiner zielstrebigen Politik der Gewinnmaximierung für die Entwicklung verantwortlich war? Im Fall Vattenfall ist anscheinend über dem moralisierenden Klima-Engagement des Chefs das Frühwarnsystem vernachlässigt worden, so dass sich eine fatale Unternehmenskultur entwickeln konnte. Es fehlt eine bis aufs Äußerste getriebene Sicherheitskultur, wenn es um Kernkraftwerke geht.
Jetzt musste Krümmel, gerade erst nach zweijähriger Pause wieder am Netz, nach mehreren Pannen am Wochenende abermals abgeschaltet werden. Wieder wurden die Behörden zu spät informiert. Josefsson hätte sich statt auf indirekte Propaganda für Kraftwerke durch seine ausufernde Umweltschutzpropaganda besser auf deren Sicherheit konzentrieren sollen.
Hier ist nur mal wieder der Kopf zu schütteln
Kay Schmelzer (weitererfazleser)
- 07.07.2009, 09:52 Uhr
Das Springen zwischen unvereinbaren Zielen fuehrt zur Unglaubwuerdigkeit
Horst Trummler (Vandale6906)
- 07.07.2009, 11:03 Uhr
"Gutmenschen"
Ralf Schneider (ralf61)
- 07.07.2009, 11:54 Uhr
Krümmel
Paul Bimler (Loginpaulwalter)
- 07.07.2009, 13:14 Uhr
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