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Vattenfall-Chef Hatakka „Reaktor Krümmel könnte 2011 ans Netz gehen“

23.06.2010 ·  An diesem Mittwoch trifft Bundeskanzlerin Angela Merkel die Chefs der vier großen Energieversorger. Es geht um die Kernenergie, den Streit über Laufzeiten und die Brennelementesteuer. Vattenfall-Chef Hatakka hofft im F.A.Z.-Gespräch auf schnelle Entscheidungen.

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Herr Hatakka, die Bundeskanzlerin hat Sie und die Chefs der anderen Stromkonzerne mit Kernkraftwerken heute eingeladen. Vorher hatte das Kabinett beschlossen, eine Steuer auf Brennelemente einzuführen, die 2,3 Milliarden Euro einbringen soll. Was werden Sie Frau Merkel sagen?

Ich werde der Kanzlerin nicht über die Medien mitteilen, was ich ihr sagen werde. Trotzdem möchte ich feststellen, dass wir eine Vereinbarung aus dem Jahr 2001 zum Atomausstieg haben. Dabei ist festgelegt, dass es keine zusätzlichen Belastungen in Form von Steuern für Kernkraftwerke geben wird. Diese Vereinbarung will die Regierung jetzt einseitig aufkündigen. Wenn es dabei bleibt, müsste geprüft werden, ob das juristisch haltbar ist.

Im Koalitionsvertrag ist von einer Sonderabgabe die Rede, aber im Zusammenhang mit längeren Laufzeiten.

Darauf hatten wir uns eingestellt und immer betont, dass wir bereit sind, unseren Beitrag zu leisten. Ich gehe davon aus, dass wir in den anstehenden Beratungen mit der Regierung eine Lösung finden.

Wo gibt es Kompromissmöglichkeiten?

Ich werde hier nicht darüber spekulieren. Wir warten ab, wie die Gespräche laufen. Wir haben unterschiedliche Szenarien analysiert. Es gibt Extrem- und es gibt Kompromissszenarien. Die Regierung muss schnell Klarheit schaffen, wir brauchen Planungssicherheit.

Der Umweltminister wird 28 Jahre Laufzeitverlängerung kaum als Kompromissszenario werten.

Wir wollen möglichst lange Laufzeiten. Rein technisch betrachtet, sind 28 Jahre machbar. Volkswirtschaftlich macht eine Laufzeitverlängerung viel Sinn, auch für die Industrie. Auch aus Gründen des Klimaschutzes. Deutschland hat einen vernünftigen Stromerzeugungsmix mit hocheffizienten Grundlastkraftwerken auf Basis von Kernkraft und Kohle. Eine Laufzeitverlängerung für die Kernkraftwerke und die neue Technologie des Abscheidens und Speicherns von CO2 (CCS) für Kohlekraftwerke sind wichtige Entscheidungen, um den Industriestandort zu sichern. Aber noch mal: Wir brauchen Planungssicherheit. Sonst werden Investitionen in anderen Ländern realisiert. Das ist nicht unser Ziel.

Was kostet Sie die Brennelementesteuer?

Die würde uns weit über 100 Millionen Euro im Jahr kosten.

Wie viel würden Sie davon an die Kunden weitergeben?

Wir können die Steuer kaum abwälzen. Die mehr als 100 Millionen Euro müssten wir von unserem Gewinn abziehen.

Konkurrenten heben gerade die Strompreise an. Was tut Vattenfall?

Über welchen Preis reden wir? Beim reinen Großhandelspreis, der durch Angebot und Nachfrage an der Strombörse entsteht, gehen wir davon aus, dass er die nächsten zwei, drei, vielleicht vier Jahre eher auf dem heutigen Niveau von 50 bis 55 Euro je Megawattstunde bleiben wird.

Und für die Haushaltskunden?

Die können auf lange Sicht nicht mit stabilen Preisen rechnen. Denn auf den Börsenpreis werden die Kosten für den Netztransport und die Umlage für die stark wachsenden erneuerbaren Energien aufgeschlagen. Da gibt es schon Preisdruck durch den Gesetzgeber. Dennoch haben wir 500 000 neue Kunden außerhalb der stabilen Kernmärkte Berlin und Hamburg gewonnen. Wir haben unseren Marktanteil seit 2009 ausgebaut.

Wann steigen die Haushaltsstrompreise?

In diesem Jahr werden wir unsere Preise nicht mehr erhöhen. Der 1. Januar 2011 ist theoretisch der früheste Termin für eine Anpassung der Preise wegen der Umlagen für erneuerbare Energien durch den Gesetzgeber.

Ihre Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel stehen nach Pannen inzwischen seit mehr als zwei Jahren still. Wann gehen sie wieder ans Netz?

Ich gehe davon aus, dass wir bis Jahresende in der Lage sein werden, einen Antrag auf das Wiederanfahren von Krümmel zu stellen. Das würde bedeuten, dass Krümmel Anfang 2011 ans Netz gehen könnte, Brunsbüttel im Laufe des Jahres.

Warum legen Sie Brunsbüttel nicht still und verkaufen die Reststrommenge?

Solche Überlegungen haben wir nicht. Wir haben den technischen Stand von Krümmel wie auch von Brunsbüttel von externen Fachleuten überprüfen lassen. Sie haben bestätigt, dass beide Anlagen technisch in gutem Zustand sind. Aus den Ereignissen in Brunsbüttel und vor allem Krümmel resultiert ein Image- und Vertrauensproblem. Wir arbeiten hart daran, dieses Vertrauen zurückzugewinnen.

Nicht nur die Kernenergie ist umstritten. Das gilt auch für die Kohleverstromung. Viele Projekte sind abgesagt. Hat Kohle in Deutschland noch eine Chance?

Deutschland, Europa und die Welt sind abhängig von Kohle. Braun- und Steinkohle haben einen Anteil von 45 Prozent an der Stromerzeugung in Deutschland. Kohle ist nicht das Problem. Das Problem sind die CO2-Emissionen. Dafür müssen wir eine Lösung finden und die Kohleverstromung sauber machen. CCS ist eine Lösung. Jetzt müssen wir die Rahmenbedingungen dafür schaffen. Mit CCS hat Kohle eine Zukunft. Wir haben bewiesen, dass die Technologie funktioniert. Es kommt darauf an, dass Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zusammen daran arbeiten, Akzeptanz zu schaffen.

Einen Gesetzesentwurf, der den Rechtsrahmen liefern sollte, gibt es immer noch nicht. Wie lange können Sie warten?

Wir brauchen das Gesetz so schnell wie möglich. Wenn es nicht mehr in diesem Jahr verabschiedet wird, dann können wir den Zeitplan für unsere Demonstrationsanlage in Jänschwalde nicht mehr realisieren und die zugesagten EU-Fördermittel nicht bekommen.

Sie investieren viel in Windanlagen. So sind sie am Nordsee-Testfeld Alpha Ventus beteiligt. Doch kaum eröffnet, sind die ersten Mühlen ausgefallen. Wie schwer wiegt der Rückschlag?

Zwei von zwölf Windturbinen stehen still. Die Ursache hierfür ist ermittelt, und unser Auftragnehmer arbeitet an der Lösung des Problems. Natürlich werden wir alle Anlagen dieses Typs genau überprüfen. Das zeigt, dass es noch technische Herausforderungen gibt, aber die werden wir meistern. Das Glas ist halbvoll – es ist nicht halbleer. Natürlich bedeutet das für die Investoren, dass sie ihre technischen und wirtschaftlichen Annahmen noch genauer überprüfen werden. Der Anteil von Offshore-Wind wird langsamer wachsen, als viele denken. Wir selbst glauben jedoch an Offshore. Wir sind heute die Nummer zwei in Europa, haben 400 Megawatt an Offshore-Windkapazitäten in Betrieb, weitere 450 im Bau und mehrere Tausende in Planung.

In Zukunft wird Vattenfall weniger in Kohle, mehr auf Regenerative setzen?

Wir investieren sehr viel in Erneuerbare, aber wir verabschieden uns nicht von der Kohle. Es werden neue Kohlekraftwerke mit CCS in Europa entstehen. Wir bauen zwei Kohlekraftwerke. Die 675-Megawatt-Anlage in Boxberg, die auch mit Braunkohle befeuert wird, soll 2011 fertig sein, die Doppelblockanlage Hamburg-Moorburg mit 1600 Megawatt im Jahr 2012. Dann kommen Ersatzinvestitionen für Kraftwärmeanlagen in Berlin mit Gas und Biomasse. Moorburg ist nicht die letzte Investition Vattenfalls in Deutschland.

Sie haben das Hochspannungsnetz und Beteiligungen verkauft, Ihren Anteil an dem Berliner Gasversorger Gasag wollen Sie verkaufen. Wo soll Vattenfall Europe in fünf Jahren stehen?

Wir bleiben ein integrierter Teil der Vattenfallgruppe. Wir sind heute, wenn es um Erzeugung geht, Nummer drei in Deutschland. Diese Position wollen wir ausbauen. Die Desinvestments bezogen sich nicht auf unser Kerngeschäft, die Erzeugung und den Handel mit Strom.

Der Gewinn der Muttergesellschaft hat sich 2009 auf 210 Millionen Euro fast halbiert. Vattenfall Europe hat Umsatz und Gewinn gesteigert. Was sind Ihre Erwartungen für dieses Jahr?

2010 ist kein einfaches Jahr, da Ebit und Cash-Flow aufgrund der Entwicklung der Großhandelspreise an der Strombörse unter Druck sind. Der Börsenpreis für Strom ist binnen zwei Jahren von 90 auf 50 Euro zurückgegangen. Das spürt man. Hinzu kommt: Wir investieren mehr als 8 Milliarden Euro allein in Deutschland, um unsere Position in der Erzeugung zu verstärken. Leider sind diese Investitionskosten nicht mit dem Strompreis gesunken.

Wo streichen Sie?

Wir müssen jährlich 340 Millionen Euro streichen, je zur Hälfte bei Investitionen und den operativen Kosten.

Wie viele Ihrer knapp 20.000 Stellen streichen sie?

Wir reden von 1500 im Laufe mehrerer Jahre. Darüber führen wir konstruktive Gespräche mit den Gewerkschaften. Ich glaube, das schaffen wir im Rahmen unseres Konzerntarifvertrags und ohne betriebsbedingte Kündigungen.

Das Gespräch führten Jan Hauser und Andreas Mihm.

Quelle: F.A.Z.
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