Der Jugendchor in seinen grellblauen Hemden wiegt sich harmonisch im Rhythmus. „Danke, Areva, dass wir Hoffnung für unsere Zukunft schöpfen können“, singen die namibischen Mädchen und Jungen, begleitet von Trommlern und Xylophonspielern. Zwei Minister Namibias und die Chefin des französischen Nuklearkonzerns Areva, Anne Lauvergeon, sind an die Atlantikküste des südwestafrikanischen Staates gereist, um die erste Meerwasserentsalzungsanlage des südlichen Afrikas einzuweihen. Die Minister testen das Endprodukt aus einem Glas auf seine Trinkwasserqualität und sind zufrieden.
Areva hat die Anlage gebaut und übergibt sie demnächst an einen Betreiber aus der Region. Der französische Nuklearkonzern will mit der Entsalzungsanlage nicht nur den Betrieb seiner 48 Kilometer entfernten Uranmine in Trekkopje sichern, sondern auch die knappen Grundwasservorräte Namibias schonen, um sich langfristig als Partner des Landes unentbehrlich zu machen. Die Anlage produziert mehr Wasser, als die Uranmine braucht, so dass Namibia jedes Jahr mit rund sechs Milliarden Litern Wasser zusätzlich rechnen kann.
Der berühmte „yellow cake“
Das bevölkerungsarme Namibia, einst eine deutsche Kolonie, hat neben seinen Diamantenminen kaum mehr zu bieten als den Rohstoff Uran. Die Gesellschaft Rössing Uranium, die zu 69 Prozent Rio Tinto und zu 15 Prozent dem iranischen Staat gehört, betreibt seit drei Jahrzehnten unweit vom Areva-Standort die drittgrößte Uranmine der Welt. Vor einigen Jahren drohten hier wegen der geringen Uranpreise noch Schließungen. 2001 dümpelte der Spotpreis bei 8 Dollar je Pfund. Dann aber schoss er wegen der erwarteten Renaissance der Kernkraft auf fast 140 Dollar Mitte 2007, bevor er infolge der Wirtschaftskrise wieder auf gut 40 Dollar fiel.
Die Wasserknappheit hat sich in Namibia unterdessen verschlimmert, so dass auch Rio Tinto unter Druck gerät. Der Uranbergbau braucht ungeheure Wassermengen - in Namibia umso mehr, als der Rohstoff dort nur in sehr geringer Konzentration vorhanden ist. Die Konzerne graben auf Dutzenden von Quadratkilometern das nahe der Oberfläche liegende Gestein ab, zerbröseln es und lagern es auf großen Haufen, die dann mit viel Wasser und chemischen Lösungen begossen werden. Der unter den Haufen mit Granitschichten und Membranen aufgefangene Extrakt wird in kleinen chemischen Fabriken so behandelt, dass sich das Uran vollständig herauslöst und der berühmte „yellow cake“, der gelbe Kuchen, entsteht, aus dem später die Brennelemente für die Kernkraftwerke werden.
Größter Uranförderer der Welt
„Von 2016 an ist mit verstärkten Knappheiten für Uran zu rechnen“, sagte unlängst Nurlan Ryspanov, Vizepräsident des staatlichen kasachischen Energiekonzerns Kazatomprom. Der Rohstoff, der aus ausrangierten amerikanischen und sowjetischen Atomwaffen gewonnen wird, geht langsam zur Neige. Gleichzeitig wird mit einer gestiegenen Urannachfrage gerechnet, wenn neue Reaktoren ans Netz gehen, auch wenn diese tendenziell etwas weniger Uran brauchen als die alte Generation. Der Rohstoff ist zwar in großen Mengen in der Erde vorhanden. Doch die Experten fragen sich, ob die Preise hoch genug sind, um in seine Entdeckung und Förderung zu investieren. Vor diesem Hintergrund hält es Areva für sinnvoll, im großen Stil Uranminen zu besitzen.
Wie kein anderer seiner Konkurrenten hat der Konzern expandiert. Für mehr als 2,5 Milliarden Dollar kaufte das Unternehmen 2007 den kanadischen Anbieter UraMine und bekam dazu Zugriff auf Trekkopje in Namibia sowie auf Reserven in Zentral- und Südafrika. Mit mehr als 8600 geförderten Tonnen wurde das französische Staatsunternehmen im vergangenen Jahr größter Uranförderer der Welt vor Cameco aus Kanada und dem multinationalen Konzern Rio Tinto. Die größten Uranabbauländer sind Kanada, Kasachstan, Australien, Namibia, Russland und Niger. Areva ist in fast allen diesen Ländern mit großen Minen vertreten. Die Ausnahme sind Russland sowie Australien, wo die Franzosen bisher nur Förderrechte besitzen.
„Ein kluger Schachzug, viele Minen zu besitzen“
In jedem Land lauern freilich spezifische Risiken. Nach einem Militärputsch in Niger ist Areva dort beispielsweise mit politischer Unsicherheit konfrontiert. Eine kanadische Mine litt unter Überschwemmungen. „Man darf sich nicht von einem oder zwei Ländern abhängig machen“, sagt Anne Lauvergeon vor Journalisten in Namibia. „Mit unserer Diversifizierung verringern wir die politischen, technischen und regulatorischen Risiken. Die Kunden schätzen das, denn damit maximiert sich ihre Versorgungssicherheit.“
Areva deckt die ganze Palette der Nuklearindustrie ab - von der Rohstoffförderung über die Anreicherung und den Reaktorbau bis zur Wiederaufbereitung in seiner Anlage im französischen La Hague. „Der Bau neuer Kernkraftwerke dürfte die Verfügbarkeit von Uran zu einem strategischen Vorteil machen“, sagt Ben Elias, Energieanalyst bei der amerikanischen Investmentbank Sterne Agee. „Es ist ein kluger Schachzug, viele Minen zu besitzen, darunter etliche, die nur geringe Kosten verursachen. Zusammen mit Cameco hat Areva das beste Portfolio in der ganzen Branche.“
Minengeschäft auf dem Wachstumspfad
Ob Areva seine aktuelle Aufstellung beibehält, ist freilich nicht sicher. Der Konzern besitzt 25 Prozent des französischen Bergbaukonzerns Eramet. Es gibt Überlegungen, das Minengeschäft von Areva mit dem von Eramet zusammenzuführen, um einen großen französischen Bergbaukonzern zu schmieden. Auch ein Börsengang des Areva-Minengeschäfts, dessen Wert bei einem Umsatz von 861 Millionen Euro auf sechs Milliarden Euro geschätzt wird, ist Gegenstand von Spekulationen. Klar ist auf jeden Fall, dass Areva neue Mittel braucht, um seinen Investitionsbedarf für die französische Anreicherungsanlage George Besse und die verspäteten Bauprojekte des Reaktors EPR zu decken.
Eine Kapitalerhöhung um rund 3 Milliarden Euro ist in Vorbereitung und wird voraussichtlich Mitsubishi sowie die Staatsfonds von Qatar und Kuweit als Minderheitsaktionäre mit insgesamt 15 Prozent ins Kapital einsteigen lassen. Areva-Chefin Lauvergeon hofft auf eine Einigung im Detail bis spätestens Anfang Mai, wie sie in Namibia sagte. Gleichzeitig ist der geplante Ausstieg von Siemens aus der Tochtergesellschaft Areva NP noch nicht vollzogen, weil sich die beiden Unternehmen über die Bewertungen und eine Konkurrenzausschlussklausel streiten.
Das Minengeschäft sieht Areva jedenfalls auf dem Wachstumspfad. Die Ausgaben von gut 1 Milliarde Dollar in Namibia - die größte Auslandsinvestition in der Geschichte des Landes - sollen dazu beitragen. „Bis 2020 rechnen wir mit einem Weltmarktanteil von 30 Prozent“, sagt Sébastian de Montessus, Chef des Minengeschäfts. Das wäre fast eine Verdoppelung gegenüber dem heutigen Stand.
