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Lafarge unter Verdacht : Unterstützte ein französischer Zementriese den IS?

Produktionsstätte von Lafarge bei Paris (Archivbild vom November) Bild: AP

Der Zementhersteller steht unter Verdacht Terrorgruppen finanziert zu haben. Jetzt wird auch der ehemalige Konzernchef Lafont verhört. Doch Angst vor den Strafen scheint der Konzern nicht zu haben.

          Die Schlinge der französischen Justiz zieht sich in der Affäre um den Zementhersteller Lafarge und die Finanzierung syrischer Terrorgruppen immer enger. In dieser Woche dürfte der ehemalige Vorstandsvorsitzende Bruno Lafont von den Ermittlungsrichtern verhört werden, berichtet die Tageszeitung „Le Parisien“. Er könnte sogar in Polizeigewahrsam genommen werden. Diese Haft von 24 Stunden, die häufig auf das Doppelte verlängert wird, ist eine in Frankreich beliebte Ermittlungsmethode, um in langen Verhören den Druck auf die Verdächtigten zu erhöhen.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          In der vergangenen Woche saßen bereits drei hohe Lafarge-Manager für 48 Stunden in Polizeigewahrsam. Im Anschluss daran wurde ein formelles Ermittlungsverfahren gegen sie eröffnet. Ihnen wird vorgeworfen, für den Betrieb einer Zementfabrik in Nordsyrien verschiedenen Terrorgruppen, darunter die Organisation „Islamischer Staat“ (IS), Wegegeld für das sichere Geleit der Beschäftigten gezahlt zu haben sowie ihnen Öl abgekauft zu haben.

          Wurden auch Lösegelder gezahlt?

          Die Ereignisse gehen auf die Zeit zurück, bevor Lafarge mit dem Schweizer Zementhersteller Holcim fusionierte. Nach einem Bericht der amerikanischen Anwaltskanzlei Baker McKenzie, den Lafarge-Holcim in Auftrag gab, hat das französische Unternehmen an verschiedene bewaffnete Gruppen insgesamt eine Summe überwiesen, die sich dem Vernehmen nach auf rund 5,6 Millionen Dollar belief. Darunter soll sich auch Lösegeld von 200.000 Dollar für neun lokale Beschäftigte befunden haben, die 2012 entführt und dann wieder freigelassen wurden. Mehr als eine halbe Million Dollar soll an den IS gegangen sein.

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          Bei den in der vergangenen Woche angeklagten Lafarge-Managern handelt es sich um zwei Franzosen, die von 2008 an hintereinander die syrische Fabrik leiteten, sowie den Sicherheitschef in der Pariser Zentrale. Bruno Pescheux, der Fabrikchef zwischen 2008 und 2014, hat Überweisungen an verschiedene lokale Gruppen zugegeben. Ein ehemaliger syrischer Minderheitsaktionär, Fira Tlass, Sohn eines früheren syrischen Verteidigungsministers, soll die Gelder verteilt haben. Dass sich unter den Empfängern der IS befand, soll Pescheux gewusst haben. Er habe die Ausgaben unter dem Posten „allgemeine Spesen“ abgerechnet. Sie seien von einem stellvertretenden Generaldirektor in Paris, der für das operative Geschäft zuständig war, genehmigt worden, heißt es in der französischen Presse.

          Der Rückzug kam zu spät

          Die französische Zollverwaltung hat schon den ehemaligen Lafarge-Vorstandsvorsitzenden Lafont sowie den früheren Lafarge-Holcim-Chef, Eric Olsen, verhört. Wie es in einem Bericht der Justizabteilung der Zollverwaltung heißt, hat die Lafarge-Direktion in Paris die Zahlungen an Terrorgruppen genehmigt und dafür die Buchhaltung gefälscht. Das Auswärtige Amt Frankreichs sowie die französischen Geheimdienste hätten Lafarge ermutigt, die Zementproduktion in Syrien aufrechtzuerhalten. Frédéric Jolibois, der nach Pescheux die syrische Fabrik leitete, stand nach eigenen Angaben „in regelmäßigem Kontakt“ mit Verantwortlichen im Außenministerium und in den Geheimdiensten.

          Wird diese Woche verhört: der ehemalige Konzernchef Bruno Lafont. Auch er könnte in Gewahrsam genommen werden.
          Wird diese Woche verhört: der ehemalige Konzernchef Bruno Lafont. Auch er könnte in Gewahrsam genommen werden. : Bild: Reuters

          Die Ermittlungen beschleunigen sich nun sichtbar. Im vergangenen Monat wurden in Brüssel die Büros eines Lafarge-Aktionärs, der Holding des belgischen Investors Albert Frère, untersucht sowie das Wohnhaus des Lafarge-Verwaltungsratmitglieds Gérard Lamarche. Der Lafarge-Holcim-Verwaltungsratschef Beat Hess räumte in einem Zeitungsinterview „inakzeptable Fehler“ ein. „Die Gruppe hat sich ohne Zweifel zu spät aus Syrien zurückgezogen“, sagte er. Auch Eric Olson, der ehemalige Lafarge-Holcim-Vorstandschef und Lafarge-Personaldirektor in der fraglichen Zeit, sowie das Unternehmen selbst, die Lafarge SA, dürften in das Visier der französischen Ermittlungsrichter geraten.

          Urteil in Amerika könnte teuer werden

          Die Muttergesellschaft Lafarge-Holcim rechnet dennoch nicht mit größeren finanziellen Belastungen. Nach internen Schätzungen der Rechtsabteilung dürfte sich eine etwaige Geldbuße im Fall einer Verurteilung in Frankreich auf einen einstelligen Millionenbetrag belaufen. Teuer könnte es für den Konzern indes werden, falls der Fall in Amerika vor Gericht kommt. Schließlich hat Lafarge mit seinem Verhalten seinerzeit nicht nur gegen seine eigenen Regeln verstoßen, sondern offenkundig auch gegen geltende internationale Sanktionen. Nach Angaben eines Sprechers gibt es bislang aber keine Hinweise, dass die amerikanische Justiz gedenkt, Ermittlungen aufzunehmen.

          Lafarge hat sein syrisches Werk bis September 2014 betrieben. Die meisten ausländischen Mitarbeiter wurden im Juni 2012 abgezogen.

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