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Unternehmen Der tiefe Fall von Thyssen-Krupp

 ·  Viele Gründe tragen zur Situation der Thyssen-Krupp bei. Auf der Hauptversammlung werden die Aktionäre die Verursacher der Misere zur Verantwortung ziehen. Doch die Zukunft liegt in den Händen des neuen Vorstands.

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© dpa Vergrößern Thyssen-Krupp: Nur ein Neuanfang kann noch helfen

Der 14 Jahre junge Stahl- und Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp ist wirtschaftlich und in der öffentlichen Wahrnehmung am tiefsten Punkt der Unternehmensgeschichte angelangt. Da werden die Aktionäre auf der Hauptversammlung am Freitag wissen wollen, in welche Richtung es nun weitergehen wird. Pikanterweise steht auch der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme am Scheideweg.

Das Kernproblem ist die aus verschiedenen Gründen völlig missratene Großinvestition in zwei neue amerikanische Stahlstandorte. Der amerikanische Fehltritt hat in die ohnehin nicht pralle Eigenkapitaldecke ein Loch von fünf Milliarden Euro gerissen. Und er kostet die Aktionäre erstmals in der Geschichte von Thyssen-Krupp die Dividende. Auch intern hat der neue Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger erschütternde Missstände aufgedeckt: eine Unternehmenskultur, in der Seilschaften und blinde Loyalität oft wichtiger waren als unternehmerischer Erfolg, Abweichungen lieber vertuscht als offen korrigiert wurden und Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gleich galten.

Nur ein Neuanfang kann noch helfen

Nach dieser nüchternen Bestandsaufnahme erscheint das Desaster in Amerika in einem anderen Licht. Auch war diese schlechte Führungskultur auch der Nährboden für Verstöße gegen das Wettbewerbsrecht und die geltenden Regeln guter Unternehmensführung. Die Zusammenführung selbstbewusster, dennoch sehr unterschiedlicher Firmenkulturen nach der Fusion von Thyssen und Krupp war schwierig.

Erst in der 2010 bezogenen neuen Hauptverwaltung in Essen spürt man, dass die Verwaltung zusammenwächst. Geblieben ist die Rivalität zwischen den Sparten, die um des eigenen Erfolges willen die übergeordneten Konzerninteressen vernachlässigten. Mithin ist auch schädliche Unternehmenskultur in das neue Quartier umgezogen. Hiesinger hat den einzig richtigen Schluss gezogen: Nur ein kompletter Neuanfang kann diesen Konzern mit noch rund 150000 Arbeitsplätzen und etwa 40 Milliarden Euro Umsatz wieder in normale Bahnen führen.

Dieser Prozess ist angelaufen, mit dem vorzeitigen Abgang von drei schon länger im Unternehmen tätigen Führungskräften aus dem Vorstand, mit der intensiven Aufarbeitung der Kartellverstöße und der Einführung neuer Regeln. Neue Verhaltens-, Leistungs- und Führungsregeln sowie scharfe Sanktionen bei Compliance-Verstößen werden die alten Strukturen stürzen. Wie man hört, findet dies im ganzen Konzern starke Unterstützung. Gleichwohl muss es unter den gut 1000 Führungskräften auch einige Verlierer geben, die für Unruhe sorgen könnten.

Jahre des Wachstums verspielt

Auf jeden Fall stehen dem Konzern noch bewegte Zeiten bevor. Aber während diese innere Unruhe zum Umbauprogramm gehört, braucht das Unternehmen für die Verwirklichung der neuen Regeln und des rigiden Sparprogramms sowie für das Aufpäppeln der lange vernachlässigten künftigen Kerngeschäfte wahrlich mehr Ruhe im Umfeld als in den vergangenen Monaten.

Danach sieht es im Augenblick nicht aus. Die Aktionäre werden auf der Hauptversammlung mit den Verantwortlichen für diese Missstände scharf ins Gericht gehen. Das ist ihr gutes Recht. Nach dem jüngsten Rekordverlust, dem Dividendenausfall und erst recht nach Hiesingers Feststellung, dass vieles schiefgelaufen sei, ist eine kontroverse Debatte absehbar. Der Aufsichtsratsvorsitzende und Versammlungsleiter wird gewiss am schärfsten attackiert werden.

Auch Berthold Beitz, der Vorsitzende des Großaktionärs Krupp-Stiftung, wird einiges über die Entsendemandate des Großaktionärs zu hören bekommen. Aber eine Aufarbeitung und Abrechnung mit der Vergangenheit allein kann die Schäden nicht heilen. Der Konzern hat in Amerika einige Jahre des Wachstums verspielt. Das ist für die Mitarbeiter und Eigentümer gleichermaßen bitter. Ebendeshalb müssen die geschädigten Aktionäre auch nach vorn schauen. Thyssen-Krupp hat selbst im Niedergang ein Potential bewahrt, das es nun stärker zu entfalten gilt. Hiesinger hat mit der Erneuerung von Thyssen-Krupp als Industriekonzern mit den Sparten Stahl, Anlagenbau/Werften, Aufzüge und Komponenten schon begonnen.

Wie geht es weiter?

Auf der Hauptversammlung stehen keine Entscheidungen an, mit denen opponierende Aktionäre die Pläne des neuen Vorstandes stoppen könnten. Warum auch? Hiesinger wird seinen Kurs fortsetzen können. Die Frage ist nur: in welchem Umfeld?

Für Cromme ist die Lage brisant. Er gilt als der Kronprinz für die Beitz-Nachfolge, er hat sich diese Ehre in Jahrzehnten als kreativer Krupp-Chef erarbeitet. Das rechnet ihm Beitz zwar hoch an. Aber die Sanierung des Unternehmens sieht er bei Hiesinger in besten Händen. Und das Wohlergehen der Firma stellt der betagte Stiftungsvorsitzende über alles andere. Wenn also trotz des Neubeginns das Thema Corporate-Governance-Verstöße mit vertraulichen Informationen aus dem Konzern weiterhin angefacht wird und dadurch auch dem Ruf der neuen Führung Schaden droht, sollte Cromme sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender niederlegen.

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17.01.2013, 08:56 Uhr

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