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Unternehmen bei Bagdad Wie ein irakischer Industriebetrieb überlebt

Der Irak ist reich an Rohstoffen, doch die einst breite industrielle Basis ist Vergangenheit. Dafür sind amerikanische Fehlentscheidungen verantwortlich - und Produktionskosten, die wegen der Dauerkrise immer weiter steigen.

© REUTERS Vergrößern Eng verdrahtet: Alle Kabel hängen an einem einzigen Generator in Bagdad

Muhammad al Dulaimi kämpft gegen den Wind, aber er gibt nicht auf. Sein Betrieb zur Herstellung von Kunststoffplanen muss seine Elektrizität teuer mit Generatoren herstellen, die eingeführten Rohstoffe hat er bar zu zahlen, und billige Importprodukte überschwemmen den irakischen Markt. Allen Schwierigkeiten trotzt er. Vor mehr als zwanzig Jahren hatte er sein Unternehmen in einem Vorort von Bagdad gegründet. Nach wie vor beschäftigt er 20 Arbeitnehmer, für die er sich verantwortlich fühlt. Sein Marktanteil sinkt ständig. Aber er ist stolz darauf, dass er zu den zwei bis drei Prozent der irakischen Industriebetriebe zählt, die die schwierigen letzten zehn Jahre überstanden haben und noch immer produzieren.

Rainer Hermann Folgen:  

Die täglichen Schwierigkeiten, mit denen er sich konfrontiert sieht, zeigen, welch weiten Weg der Irak, der einmal die breiteste industrielle Basis aller arabischen Staaten gehabt hatte, noch vor sich hat. Nur wenige Länder besitzen größere Ölvorkommen als der Irak. Dennoch muss Muhammad al Dulaimi die Nylon-Dragees, ein Produkt der petrochemischen Industrie, das er benötigt, aus Saudi-Arabien einführen. Direkt geht das nicht, nur über einen Händler in Jordanien. Um ihn zu bezahlen, benutzt er keine Bank. „Zu denen habe ich kein Vertrauen“, gesteht er. Mehrfach sind sie seit 2003, dem Jahr von Saddam Husseins Sturz, ausgeraubt worden, und immer wieder werden Geldtransporte der Banken überfallen.

Mit kleinen Scheinen geben sie sich nicht ab

Daher wendet sich Muhammad al Dulaimi an einen privaten Devisenhändler, einen Sarraf. Ihm bringt er große Bündel irakische Dinar, und der informiert einen Devisenhändler in der jordanischen Hauptstadt Amman, den Gegenwert in Dollar auszuzahlen. Bringt ihm Dulaimi Dollar, die in Amman ausbezahlt werden sollen, zahlt ihm der Sarraf zuweilen sogar eine Prämie. Denn immer wieder sind Dollarscheine in Bagdad rar. Vorsicht aber: Die irakischen Geldwechsler akzeptieren in der Regel nur Dollarscheine im Wert von 50 und 100. Mit kleinen Scheinen geben sie sich nicht ab.

Der jordanische Händler sorgt dafür, dass die Ware direkt an die Fabrik in Bagdad geliefert wird. Die Scherereien mit dem Zoll und den Straßenkontrollen hat also der Lieferant. Erst lässt sich der Zöllner an der Grenze etwas kosten, dass er den Wert der Ware heruntersetzt, so dass die Zollgebühr sinkt. Dann fällt im Irak an jeder Straßenkontrolle eine Bestechungsgebühr an. Allein im Viertel der Fabrik gibt es sieben von ihnen.

„Leben ist im Irak erheblich teurer als in Jordanien“

Die Produktion selbst ist teuer, und sie ist immer teurer geworden. Da das staatliche Kraftwerk am Tag lediglich stundenweise Strom liefert, und das nur sporadisch, hat sich Muhammad al Dulaimi einen großen Generator angeschafft. Im Monat verbraucht er mehr als 10.000 Liter Diesel, und 1 Liter Diesel kostet ihn umgerechnet 50 bis 70 amerikanische Cent. Außerdem zahlt er höhere Löhne als in den arabischen Nachbarstaaten üblich. In Jordanien verdient ein einfacher Arbeiter in einer vergleichbaren Fabrik monatlich 300 Dollar. Muhammad al Dulaimi zahlt aber 700 bis 800 Dollar. „Denn das Leben ist im Irak erheblich teurer als in Jordanien“, sagt der Chef. Jeder einfache Iraker hat Mehrausgaben, sei es für seinen Generator oder für die Sicherheit. Weil der Irak fast nichts mehr selbst produziert, überschwemmen Importprodukte den Markt. Eine lokale Konkurrenz gibt es dazu nicht mehr, und auch die Preise für Lebensmittel sind hoch.

Zudem will er keinen Arbeiter verärgern. Da im Irak dem Gesetz kaum Geltung verschafft werde, dürfe er mögliche Racheakte erst gar nicht aufkommen lassen, sagt er. Das gilt auch für den Steuereintreiber. Nur wenn dieser kommt, hat Muhammad al Dulaimi zur Regierung Kontakt, und den muss er bestechen, weil der Eintreiber sonst zur Strafe eine völlig überhöhte Steuerlast einfordert. Also steckt er ihm Geldscheine zu, und die Steuerlast schmilzt dahin.

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Mehr als die lästige Korruption besorgt ihn die Konkurrenz. Denn der amerikanische Zivilverwalter Paul Bremer hatte 2003 die Importzölle faktisch abgeschafft, ohne dass die irakische Wirtschaft für die neue Konkurrenz gerüstet gewesen wäre. Andererseits sind die Preise von Muhammd al Dulaimi wegen der Beschwerlichkeiten des irakischen Alltags immer weiter gestiegen. Einige seiner Abnehmer sind ihm zwar treu geblieben, andere steigen jedoch auf billigere Produkte um. Betriebe in Syrien und Jordanien bieten das gleiche Produkt ein Drittel billiger an als er. Kapital für Investitionen bleibt da nicht übrig. Seinen Maschinenpark kann er nicht erneuern. Einst hatte er irakische Maschinen erworben. Die Fabrik gibt es nicht mehr, billigere chinesische Produkte beherrschen auch diese Branche.

Bezahlt wird Muhammad al Dulaimi in bar. Wenigstens die Absatzwege blieben erhalten. Vielfach liefert er an die Großhändler für die Landwirtschaft. Von ihnen beziehen die Landwirte die Waren und nehmen dafür bei ihnen einen Kredit auf, bei dem sie hoffen dass, sie ihn nach der Ernte zurückzahlen können. Muhammad al Dulaimis Produktion ist in den letzten Jahren auf ein Fünftel geschrumpft. Aufgeben will er aber nicht.

Alte Projekte haben im Haushalt Vorrang

Die irakische Regierung wird in diesem Jahr mehr Mittel für die Fertigstellung begonnener Projekte aufwenden als für neue Projekte. Die Vergabe neuer Projekte soll warten, bis sich von 2014 an die Menge des exportierten Erdöls auf 4 Millionen Barrel täglich verdoppelt. Neue Projekte werden aber dann genehmigt, wenn sie erst nach drei bis fünf Jahren bezahlt werden müssen. Die irakische Volkswirtschaft ist 2011 nach ersten Schätzungen der Regierung um 10 Prozent gewachsen. Damit nahm sie in den vergangenen vier Jahren im Durchschnitt um 6 Prozent zu. Allerdings stieg auch die Inflation von 4 Prozent auf 6 Prozent.

Der Staatshaushalt für das Jahr 2012 soll ein Volumen von umgerechnet fast 100 Milliarden Dollar haben. Davon werden rund 70 Prozent in laufende Ausgaben fließen, vor allem in Löhne und Gehälter. 20 Prozent sollen in begonnene Projekte gesteckt werden, die restlichen 10 Prozent in neue Projekte, erwartet Hak al Hakim, der Berater des Ministerpräsidenten Nuri al Maliki für Wirtschaft und Wiederaufbau. Die mit Abstand größten Ausgabenposten entfallen auf die vier Ministerien für Inneres, Verteidigung, Gesundheit sowie Energie und Elektrizität. Einige Projekte zur Verbesserung der Stromversorgung werden in diesem Jahr fertiggestellt. Erst von 2013 an werde die tägliche Stromversorgung von durchschnittlich zwei Stunden auf sechs Stunden steigen, erwartet al Hakim.

Ein zweiter Schwerpunkt ist der Wohnungsbau. Zum einen baut der Staat Wohnungen. So sind im Haushalt 2012 für Wohnungen für die ärmsten Familien 2 Milliarden Dollar vorgesehen. Zum anderen wirbt die irakische Regierung um Investoren, die Wohnraum schaffen sollen. Die Infrastruktur in den neuen Wohnvierteln, zum Beispiel Straßen, sollen sie gleich mit erledigen. Auf dieser Grundlage werden derzeit mehr als 50.000 Eigentumswohnungen gebaut. Sie sind schon zu gut 80 Prozent verkauft.

Größter Investor ist mit 36.000 Wohneinheiten Korea, gefolgt von Unternehmen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuweit. Die Türkei baut in einigen Provinzen knapp 10 000 Wohneinheiten. Mit Kuweit ist die irakische Führung im Gespräch, die ausstehenden Reparationszahlungen von 18 Milliarden Dollar als Folge der Invasion von 1990 in einen Investitionsfonds umzuwandeln.

Das deutsche Ingenieurbüro Dorsch verhandelt mit der irakischen Regierung über ein Wohnungsbauprojekt, ein Vorhaben des Bauunternehmens Bauer für einen Damm nahe Mossul für 1,8 Milliarden Dollar steht vor der Unterschrift. Viele deutsche Unternehmen haben in jüngster Zeit in der Hafenstadt Basra Büros eröffnet. Die Provinz Basra verfügt über ein höheres Budget als andere Provinzen, und die Ölförderung hat im Südirak einen Boom ausgelöst. (Her.)

Quelle: F.A.Z.

 
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