Home
http://www.faz.net/-gqi-6jykj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Unterhaltungselektronik Die wahrscheinlich teuersten HiFi-Anlagen der Welt

13.07.2010 ·  Dieter Burmester produziert Unterhaltungselektronik der besonderen Art: Seine Radios, Verstärker und Lautsprecherboxen sind handgefertigt. Die billigsten Produkte sind Fernbedienungen und Kabel, aber auch das Zubehör kostet schon dreistellige Euro-Summen.

Von Thiemo Heeg, Berlin
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)

Satt fallen die Türen des dunklen Porsche Panamera zu - und man sitzt allein mit Dieter Burmester und 500 Turbo-PS. Kurz zuvor hatte der Mann noch erklärt, wie schick sich mit diesem Sportwagen ein Lastkraftwagen auf der Autobahn überholen lässt. Ausscheren, vorbei, wieder rein - wie auf Schienen. Burmester fährt schon mal schnell, wenn es sein muss. Dieses Auto schafft laut Prospekt Tempo 303. Aber jetzt muss es nicht sein, also keine Bange.

Statt Probefahren ist Probehören angesagt. Und so lässt Dieter Burmester auf dem Fahrersitz den Porsche statt mit dem Achtzylinder mit dem „High-End Surround Sound-System“ erbeben. „Hören Sie die sauberen Bässe“, fragt er, während Deep Purple gegen Dach, Türen und Magenwände wummert. Ja, man hört sie, aus 16 Lautsprechern in einem Auto, mit einer „bislang unerreichten“ Membranfläche von 2400 Quadratzentimetern. Und auf den Blenden dieser Lautsprecher ist in schwungvoller Schreibschrift der Markenname zu lesen. Sein Name: „Burmester“.

Mitten im Berliner Bezirk Schöneberg führt Dieter Burmester ein Unternehmen, bei dem man sich wundern muss, dass es schon 33 Jahre überlebt hat. Die Firma Burmester Audiosysteme ist ausgerechnet in einem Wirtschaftsbereich aktiv, in dem die Deutschen zwar in den fünfziger und sechziger Jahren den großen Auftritt pflegten, der inzwischen jedoch zu einer Domäne von Chinesen, Taiwanern, Japanern und Koreanern geworden ist: die Unterhaltungselektronik.

„Koste es, was es wolle“

Ein Blick auf Burmesters Preisliste lässt die Verwunderung noch größer werden. Die billigsten Produkte sind Fernbedienungen und Kabel, aber auch dieses Zubehör kostet schon dreistellige Euro-Summen. Normal für Burmester-Verhältnisse sind vier- und fünfstellige Zahlen. Ein billiger CD-Player ist für 3750 Euro zu haben, ein besserer kostet 14.900 Euro. Wer es darauf anlegt, kann aber auch 36.900 Euro ausgeben oder knapp 50.000 Euro für ein Lautsprecherpaar des Typs B100. Auch ja, die Preise. „Auch wir wundern uns manchmal, welcher Preis am Ende rauskommt, den wir nehmen müssen“, meint Burmester. Und man weiß dabei nicht ganz genau, ob er es ernst meint oder ein wenig witzelt. Solche Preise entstehen, wenn man es sich wie Burmester zur Aufgabe macht, Qualität zu liefern - „koste es, was es wolle“. Burmesters Verstärker, Radios und Lautsprecher müssen nach den Vorgaben des gelernten Radio- und Fernsehtechnikers „wesentlich besser sein als alles andere“. In diesem Spruch scheint Marketing zu stecken, aber nur eine kleine Prise. HiFi-Experten und Kunden heben die Produkte aus Berlin auch so schon in den Himmel. „Luxus für die Ohren“, „besser als live“, „akustisch perfekt“ - das ist nur ein kleiner Teil der verbalen Lobeshymnen.

Burmester lädt zu einem Gang durch die Produktion ein. Schon dieser Begriff führt auf die falsche Spur: Elektrobastelstube wäre die angemessenere Beschreibung. Hier herrschen Arbeitsbedingungen wie aus einer längst vergangenen Epoche, als Massenproduktion noch ein Fremdwort war. Zwei Mitarbeiterinnen sitzen an einem langen Tisch direkt am Fenster und tun etwas, das selbst in China schon Roboter erledigen: Leiterplatten mit einzelnen Widerständen und Kondensatoren bestücken.

Die fertigen Platten laufen dann durch ein Lötbad. Das ist fast schon das Äußerste an Automatisierung, das sich im Hause Burmester finden lässt. „Handmade in Berlin“ steht auf den CD-Spielern und Verstärkern. Und das ist nicht gelogen: Burmester ist der Inbegriff einer Manufaktur.

Schön und gut - doch wer kauft die edel chromglänzenden Produkte? Wer kann sie sich leisten? Der Unternehmer zieht einen Ordner hervor. Hier sammelt er Formulare, in denen Kunden angeben, was ihnen an der Ware gefällt, und was nicht. Es sind normale gewöhnliche Namen. Der eine oder andere „Dr. med.“ ist dabei. Und tatsächlich meckern hier einige auch über den Preis, obwohl sie doch stets mehrere tausend Euro ausgegeben haben. „Die Leute kaufen erst ein Gerät, und nach ein paar Jahren noch ein weiteres“, sagt Burmester. „So entsteht im Lauf der Jahre eine Anlage.“

Die Exportquote liegt bei 75 Prozent

Andere Liebhaber des guten Klangs dürften sich die Produkte aus Berlins Edel-HiFi-Schmiede ohne Probleme auf einen Schlag leisten können. Auf Burmesters Kundenliste findet sich das thailändische Königshaus ebenso wie der Chef des koreanischen Elektronikriesen Samsung. Mancher Yachtbesitzer gehört dazu - jüngst habe man gerade wieder zwei Riesenyachten bestückt.

Namen will Burmester nicht nennen. Aber die Tatsache, dass Länder wie China zu Burmesters größten Wachstumsregionen gehören, lässt die Interpretation zu, dass sich so mancher Neureiche aus diesen Ländern gern mit einer Burmester-Anlage aus Deutschland schmückt. Tatsächlich hat sich der Ruf des gebürtigen Österreichers in 53 Ländern herumgesprochen: So viele Staaten werden beliefert, und selbst in Nationen wie Iran, Libanon und Aserbaidschan finden sich Burmester-Kunden. Die Exportquote liegt bei 75 Prozent.

Burmester ist Ingenieur, das liegt ihm mehr als Betriebswirtschaft. Dementsprechend ist die Preiskalkulation so simpel, wie sie nur simpel sein kann: Am Ende sollen 12 bis 14 Prozent Umsatzrendite herauskommen. Das sei „der Standard“ und ausreichend, um ein normales Wachstum zu finanzieren. Im Durchschnitt legt die Burmester Audiosysteme GmbH pro Jahr 10 Prozent zu. Die Wirtschaftskrise ließ die Berliner zwar nicht ungeschoren. Im ersten Halbjahr 2009 brachen die Erlöse um 20 Prozent ein. „Im zweiten Halbjahr wurde der Rückstand aber wieder aufgeholt.“ Der Umsatz der Firma mit ihren rund 50 Mitarbeitern bewegt sich bei 7 Millionen Euro. In zehn Jahren soll er sich verdoppelt haben.

Bei Porsche ist Burmester richtig dick im Geschäft

Zu diesem Wachstum trägt auch Porsche ordentlich bei. Der Panamera ist zwar nicht das erste Auto, in das Burmester seine Anlagen einbaut; schon den legendären Bugatti Veyron mit 1001 PS und 406 km/h Höchstgeschwindigkeit bestückte die Manufaktur. Im Vergleich zu den damaligen 300 eingebauten Systemen ist Burmester bei Porsche aber richtig dick drin im Geschäft. 25 bis 30 Prozent der Kunden, so schätzt ein Unternehmenssprecher in Stuttgart-Zuffenhausen, bestellen einen Panamera inklusive einer Anlage aus Berlin. Und seit dem Start des Modells im vergangenen Herbst sind bislang 25.000 Fahrzeuge produziert worden.

Branchenkenner meinen, das liege um den Faktor zwei bis drei über den Erwartungen. Letztlich wäre das aber kein Wunder, sei doch der Panamera die billigste Art und Weise, um an eine echte Burmester mit brillantem Klang zu kommen. Zum Anlagen-Aufpreis von 4000 Euro müssen Audiophile noch 94.575 Euro für das Auto in seiner Grundausstattung investieren. Für eine Burmester-Anlage im heimischen Wohnzimmer lassen sich ganz leicht mehr als 100.000 Euro ausgeben - ohne Porsche.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 12 18

30.05.2012 12:06 Uhr
  Vortag
Dax 6.321,64 −1,18%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.377,52 −1,19%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2437 −0,41%
Rohöl Brent Crude 105,19 $ −1,55%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.