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Unruhige Finanzmärkte Stresstest für die Weltwirtschaft

06.08.2007 ·  Droht eine große Bankenkrise? Spielt nun das Geld völlig verrückt? Die Pessimisten malen - wie immer in Finanzkrisen - die Gefahr eines ansteckenden Virus an die Wand. Doch die Optimisten haben bessere Argumente - bislang jedenfalls. Von Rainer Hank.

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Spielt das Geld verrückt? Eine relativ kleine Düsseldorfer Mittelstandsbank bricht zusammen, von der die meisten Deutschen bislang noch nie gehört haben, und der Chef der Finanzaufsicht fühlt sich an die schwere Bankenkrise von 1931 erinnert. Wenig später fleht der Präsident der Europäischen Zentralbank die Anleger an, Ruhe zu bewahren und sich nicht zu ängstigen. Kein Wunder, dass nach solchen Äußerungen erst recht Nervosität aufkommt.

Damit nicht genug. Üblicherweise zu Optimismus neigende Investmentbanker sprechen von einer Zäsur, welche dem Kurseinbruch der New Economy nach dem Jahr 2000 in nichts nachstehe. Hatten die Börsen auf der ganzen Welt nicht noch vor wenigen Wochen ihr Allzeithoch gefeiert? Sonnen sich nicht die meisten Länder mindestens seit zwei Jahren in der Wärme wohligen Wirtschaftswachstums?

Nur das Symptom

Natürlich geht es nicht um eine isolierte deutsche Bank. Ihre Schieflage ist nur das Symptom. Ursache der die ganze Welt tangierenden Finanzkrise ist ein neu entfachter Streit über den Preis des Risikos, das immer dann gegeben ist, wenn Menschen einander Geld leihen und dabei nie ganz sicher sein können, ob und wann sie es auch zurückbekommen. In den vergangenen Jahren meinten viele, ein solches Risiko vernachlässigen zu können.

Sehr viel Geld wurde ziemlich billig und ohne große Fisimatenten und Bonitätsprüfungen an viele Menschen ausgeliehen. Das nützte den amerikanischen Vorstadtbürgern, die sich immer schönere und teurere Häuser auf Pump gebaut haben. Das nützte den millionenschweren Beteiligungsgesellschaften (Private Equity), die sich Firmen mit Kredit quer durch alle Branchen einverleibt haben, um sie später ertragreich wieder zu veräußern. Und gewiss kamen auch die Gläubiger - Banken und Broker - auf ihre Kosten: Sie haben prächtig am Geldleihen verdient. Alles lief rund, und die Wirtschaft kam in Schwung.

Plötzlich leiden viele

Dass über die Kreditwürdigkeit der Schuldner zu wenig nachgedacht wurde, liegt nicht zuletzt an einer Spezialität des Geschäfts, welche in den vergangenen zehn Jahren international ziemlich Mode geworden ist: Die Gläubiger haben ihre Forderungen gegenüber den Kreditnehmern flugs an andere Banken oder Hedge-Fonds weitergereicht, die sie ihrerseits mit Methoden der höheren Finanzalchemie auf der ganzen Welt verhökert haben. Das ist im Prinzip eine gute Idee. Denn sie verfolgt die Absicht, das Risiko breit zu streuen. Doch es gibt einen verführerischen negativen Effekt: Das Risikoempfinden der Finanzakteure wurde nicht nur von ihrer Gier betäubt, sondern auch von der realen Aussicht darauf, die mit der Gewinnerwartung verbundenen möglichen Schmerzen andere erdulden zu lassen.

Jetzt leiden plötzlich viele. Denn die Zinsen steigen wieder seit geraumer Zeit. Und amerikanische Hausbesitzer zweifelhafter Bonität können ihre Schulden nicht mehr bedienen. Niemand mehr hat Lust darauf, irgendjemandem Kreditforderungen abzukaufen. Das Geschäft steht still, was (bislang) vor allem der Private-Equity-Branche große Schwierigkeiten bereitet. Die Investmentbanken schieben Milliardenkredite vor sich her, die sie nicht mehr los werden. Das Geld haben sie längst Beteiligungsunternehmen zur Finanzierung von Übernahmen versprochen.

Ein ansteckendes Virus?

Was wir gerade erleben, ist der Stresstest auf die Stabilität der Weltwirtschaft. Wie groß kann der Schaden noch werden? Die Pessimisten malen - wie immer in Finanzkrisen - die Gefahr eines ziemlich ansteckenden Virus an die Wand. Denn alles hängt mit allem zusammen. Was passiert, wenn ein großes Unternehmen aufgrund schlechten Ratings sich nicht mehr über Anleihen refinanzieren könnte? Das Misstrauen könnte von den Anleihen und Krediten zu den Aktien springen. Immerhin ist der Risiko-Index der Schweizer Bank UBS, der Risikofreude und Risikoaversion der Finanzakteure abbildet, im Juli 2007 auf den Stand vom September 2001 gefallen. Damals war gerade die New Economy beendet worden.

Doch die Optimisten haben (noch) die besseren Argumente. Die Neubewertung der Risiken sei überfällig und gesund, sagen sie. Lieber eine kleine Kreditklemme als eine große Kreditblase. Dass, verteilt über die ganze Welt, jetzt ein paar Banken zusammenbrechen, ist im Einzelfall betrüblich, aber im großen Ganzen gut und vom System gewollt. Denn so wird gerade ein Dominoeffekt verhindert. Auch wenn dabei der ein oder andere brave Kunde erst entdeckt, in welch spekulative Geschäfte seine Bank verstrickt war, von der er eigentlich nur ein Sparkonto wollte.

Das stärkste Argument der Optimisten ist die robuste Verfassung der Weltwirtschaft. Das ist der große Unterschied zum Jahr 1931. Europa geht es gut, China und Indien wachsen prächtig. Behalten die Optimisten recht, wird die Kreditkrise dieses Sommers als ein weiterer Beleg für die Lernfähigkeit von Märkten in die Geschichte eingehen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.08.2007, Nr. 31 / Seite 10
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