31.07.2010 · Bettwanzen werden zum Albtraum für Modeketten wie „Victoria's Secret“. Wegen des Ungeziefers mussten Läden zeitweise geschlossen werden. Die amerikanische Kammerjägerbranche hat ihren Umsatz mit Wanzenbekämpfung verdoppelt.
Von Roland Lindner, New YorkIn den Modefilialen von „Hollister“ und „Abercrombie & Fitch“ wird körperliche Perfektion zelebriert. Die Ketten, die beide zum Modekonzern Abercrombie & Fitch Co. gehören und sich vor allem an Teenager richten, postieren an den Eingängen ihrer Läden männliche Models, die ihre Waschbrettbäuche zur Schau stellen. Ausgerechnet in diesen Tempeln des Körperkults haben sich kürzlich aber unappetitliche Dinge ereignet: Vor wenigen Wochen wurde die New Yorker „Hollister“-Filiale von Bettwanzen heimgesucht und musste für zwei Tage geschlossen werden. Kurz danach wurden die Blutsauger auch in einer Filiale von „Abercrombie & Fitch“ gesichtet, und der Laden machte für fast eine Woche dicht. Wenig später tauchte das Ungeziefer bei der Dessouskette „Victoria’s Secret“ auf, die sonst ebenfalls eher für ein verführerisches Image bekannt ist. Hier war der Spuk etwas schneller vorbei, und das Geschäft wurde nur für wenige Stunden geschlossen. Nur eine kleine, isolierte Fläche sei von Wanzenbefall betroffen gewesen, teilte das Unternehmen mit. Das Geschäft sah sich aber gezwungen, Ware zu entsorgen.
In einer dichtbesiedelten Metropole wie New York gehört Ungeziefer zum Alltag. Bislang galten eher Ratten oder Kakerlaken als die auffälligsten Schädlinge in New York. Nun aber werden Bettwanzen zu einer immer größeren Plage, und das unterstreichen die gehäuften Fälle in namhaften Läden. Die Wanzen tauchen in privaten Haushalten auf, aber immer mehr auch in öffentlichen Gebäuden: Geschäfte, Hotels, Kinos, Waschsalons, Krankenhäuser, Kirchen oder Büros. Für Einzelhändler ist Wanzenbefall verheerend, zumal wenn sie ihre Geschäfte für längere Zeit schließen müssen und ihnen Umsätze entgehen. Abercrombie-Vorstandsvorsitzender Mike Jeffries schrieb in seiner Verzweiflung einen Brief an den New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg und forderte ihn auf, sich der grassierenden Wanzenplage anzunehmen.
Wanzen verbreiten sich leicht
Nicht nur in New York verbreiten sich Bettwanzen rasant. In ganz Amerika wurden im vergangenen Jahr 260 Millionen Dollar für die Bekämpfung der Insekten ausgegeben, sagt Missy Henriksen von der National Pest Management Association, einem Verband der Schädlingsbekämpfungsindustrie. Zwei Jahre zuvor war es noch halb so viel. Bettwanzen werden damit zu einem immer wichtigeren Geschäft der Kammerjägerbranche, deren gesamtes jährliches Umsatzvolumen bei rund 6,5 Milliarden Dollar liegt (noch bedeutender als Umsatzbringer für die Industrie sind zum Beispiel Ameisen, Termiten und Kakerlaken). Nach einer Umfrage des Verbandes hatten 95 Prozent der Schädlingsbekämpfungsbetriebe im vergangenen Jahr mit Bettwanzenbefall zu tun. Vor der Jahrtausendwende seien es 25 Prozent gewesen. Vor einigen Jahrzehnten galten die Tiere noch als weitgehend ausgerottet.
Bettwanzen sind winzige, nur etwa fünf Millimeter große Parasiten. Ihren Namen haben sie, weil sie vor allem nachts auf Nahrungssuche sind und im Bett schlafende Menschen beißen und anzapfen. Die rotbraunen Wanzen lassen sich in Matratzenritzen oder Nähten von Bettwäsche nieder, leben aber ansonsten auch überall, wo sie ein kleines Versteck finden können, etwa in Polsterungen von Sofas oder hinter Lichtschaltern und Bilderrahmen. Die widerstandsfähigen und sich schnell vermehrenden Winzlinge gelten als besonders tückische Plage, weil es sehr schwer ist, sie vollständig zu beseitigen, wenn sie sich einmal irgendwo breitgemacht haben. Ihre Bisse sind aber vergleichsweise ungefährlich: Sie können zwar Juckreiz und Hautreaktionen auslösen, die Tiere sind aber nicht dafür bekannt, Krankheitserreger zu übertragen.
Missy Henriksen vom Schädlingsbekämpfungsverband führt die rasante Verbreitung der Bettwanzen darauf zurück, dass die Menschen verstärkt reisen und die Insekten ungewollt mit sich herumtransportieren. Wer zum Beispiel in einem von Wanzen befallenen Hotel schläft, läuft Gefahr, dass sich die Tiere in seiner Kleidung oder seinem Koffer einnisten und dann mit nach Hause kommen. Wanzen verbreiten sich so leicht, dass ein Befall jeden treffen kann und kein Anzeichen von mangelnder Sauberkeit und Hygiene sein muss: „Ein Luxushotel ist genauso anfällig wie eine Billigadresse“, sagt Henriksen.
Insofern gibt es auch etliche Möglichkeiten, wie die Bettwanzen zu „Hollister“ und in die anderen Geschäfte gekommen sind. Viele New Yorker Läden waren nach diesen Vorfällen alarmiert und haben Spürhunde einsetzen lassen, um ihre Räume nach Wanzen zu untersuchen. Die National Pest Management Association rät Verbrauchern grundsätzlich zu äußerster Vorsicht beim Einkauf von Kleidung. Sie empfiehlt unter anderem, Ware in den Umkleidekabinen genau zu inspizieren, Handtaschen nie auf weiche Flächen in der Kabine abzustellen, gekaufte Kleidung vor der Rückkehr nach Hause auszuschütteln und sofort bei heißer Temperatur zu waschen oder in die Reinigung zu geben.
Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein
In ganz New York mussten sich nach einer Umfrage der Stadt fast 7 Prozent aller Einwohner im vergangenen Jahr mit Wanzenbefall auseinandersetzen, also fast jeder Fünfzehnte. Die Stadt hat auf die gehäuften Fälle reagiert und vor wenigen Tagen eine Initiative ins Leben gerufen, die vor allem für eine bessere Aufklärung der Menschen sorgen soll. Dafür stellt die Stadt 500.000 Dollar bereit.
Bettwanzen sind kein amerikanisches Phänomen. Auch in Deutschland haben sich die Tiere in den vergangenen zehn Jahren schnell verbreitet, sagt Rainer Gsell, der Vorsitzende des Deutschen Schädlingsbekämpfer Verbandes. Nach seinen Worten sind die Vorfälle in Deutschland nur nicht so gut dokumentiert wie in Amerika. Die Berliner Zweigstelle des Verbandes veröffentlichte aber kürzlich Statistiken, wonach sich die Zahl der Einsätze zur Bekämpfung von Bettwanzen in der Stadt zwischen 2007 und 2009 auf 471 mehr als verdoppelt hat. Die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher sein, da Bettwanzenbefall nicht gemeldet werden muss. Gsell schätzt, dass es allein in deutschen Hotels jedes Jahr zu einer vierstelligen Zahl von Einsätzen zur Wanzenvernichtung kommt. Anders als in den öffentlichkeitswirksamen Fällen im New Yorker Einzelhandel, wo die Geschäfte vorübergehend ganz zugemacht wurden, bleiben die Hotels im Regelfall offen, und der Einsatz beschränkt sich nur auf einzelne betroffene Zimmer. Somit werden die Fälle zumeist nicht publik: Die Gäste bekommen von dem Ungeziefer nichts mit, und die Hotelbetreiber bemühen sich nach den Worten von Gsell angesichts der Unappetitlichkeit solcher Episoden um äußerste Diskretion.
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