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Umwelt/Verkehr Feinstaub - Geschichte einer ganz normalen Hysterie

03.04.2005 ·  Feinstaub ist gefährlich, Feinstaub ist krebserregend, Feinstaub sorgt dafür, daß alleine in Deutschland 65.000 Menschen pro Jahr früher sterben. Um so schlimmer, daß die öffentliche Diskussion darüber innerhalb von nur zwei Wochen hysterisch wurde.

Von Thiemo Heeg
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Hier soll nichts verharmlost werden. Feinstaub ist gefährlich, Feinstaub ist krebserregend, Feinstaub sorgt dafür, daß alleine in Deutschland 65.000 Menschen pro Jahr früher sterben.

Um so schlimmer, daß die öffentliche Diskussion darüber innerhalb von nur zwei Wochen hysterisch wurde. Auch wenn die meisten Deutschen das Wort Feinstaub im März zum ersten Mal gehört haben - jetzt fühlt sich jeder als berufener Experte: Biologen, Philosophen, Kolumnenschreiber. Umweltverbände, Autoverbände, Handelsverbände. Filterfirmen, Autofirmen. Europapolitiker, Bundespolitiker, Kommunalpolitiker. Und Talkshows, Zeitschriften und Zeitungen bieten ihnen gerne die Bühne dafür, Tag für Tag.

Immer das gleiche Muster

Das hysterische Muster ist immer das gleiche. Die Aufregung über die Umwelt bietet seit vielen Jahren dafür beste Anschauung. Als Themen wie Waldsterben und Smog aus heiterem Himmel zur öffentlichen Aufmerksamkeit kamen, wurden sie stets lautstark erörtert. Stets wurde auch davor gewarnt, ja nicht hysterisch zu werden. Und nach einiger Zeit verschwand alles wieder sang- und klanglos. Als wäre nichts gewesen.

Droht der Feinstaub-Diskussion ein ähnliches Schicksal? Wissenschaftler wie der Bielefelder Umwelthistoriker Frank Uekötter sind davon überzeugt. „Die Rußbelastung wird bald abgehakt als eines der vielen Umweltprobleme, mit denen man eben leben muß“, fürchtet er.

Im Wettbewerb mit anderen Themen

Die Sorge ist berechtigt. In einer Studie stellten Forscher schon 1996 fest, daß manches Umweltthema nicht deshalb von der politischen Agenda verschwand, weil der Problemdruck geringer wurde. Sondern weil es von anderen Debatten überlagert wurde. „Im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Publikums treibt man gerne eine andere Sau durchs Dorf“, spottet ein Wissenschaftler. Die Konsequenz der wilden Jagd: Irgendwann ist selbst der eifrigste TV-Zuschauer oder Zeitungsleser umweltmüde. Nachdem er sich aufgeregt hat, will er sich ablenken - mit anderen Themen.

Die Treiber kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Sie eint der öffentlich immerzu bekundete Anspruch, nur am Thema Umweltschutz interessiert zu sein. Die wahren Interessen verschweigt man dezent.

Da ist die Industrie. Die deutschen Autobauer sperrten sich lange dagegen, Rußfilter in ihre Dieselmodelle einzubauen - zu teuer für ein unsichtbares Bauteil. Jetzt kündigten Volkswagen, Daimler-Chrysler und BMW plötzlich an, im Herbst Filter zum Nachrüsten anzubieten. „Dies ist ein wirklich wirksamer Schritt im Kampf gegen die Umweltbelastung“, lobt VW-Chef Bernd Pischetsrieder den eigenen Tatendrang. Nur: Warum ist man erst so spät so toll?

„Durchfahrt verboten für Dieselfahrzeuge ohne Rußfilter“

Die Aufregung kräftig zu befördern, das liegt im Interesse der Rußfilter-Hersteller. So schaltet das kleine Unternehmen Twin-Tec aus Königswinter bei Bonn seit einer Woche seitengroße Print-Anzeigen. Sie zeigen ein Verbotsschild mit dem Hinweis: „Durchfahrt verboten für Dieselfahrzeuge ohne Rußfilter“. Verständlich: Wann, wenn nicht jetzt mitten in der Aufregung, sollte Twin-Tec richtig trommeln? Zumal das Filter-Geschäft 2004 enttäuschend mau ausfiel.

Die Forschung gilt gemeinhin als neutral, doch auch Wissenschaftler sind nur Menschen, die sich gerne profilieren. Jetzt sieht mancher seine Stunde gekommen - und schafft es mit einer „sensationellen Lösung“ des Ruß-Problems sogar in die „Bild“-Zeitung. Der Berliner Meteorologe Eberhard Reimer schlug vor, Innenstadt-Straßen durchgehend zu Einbahnstraßen zu machen. Warum das? Im Gegenverkehr bildeten sich Wirbel, so die überraschende Begründung, und das halte den Staub in den Straßen fest. In Einbahnstraßen dagegen werde „der Staub aus der Straße hinausgeweht“.

Ein Thema für einen Tag und eine Schlagzeile - was Politiker nicht hindert, selbst kräftig mitzumischen. CDU-Verkehrsexperte Dirk Fischer etwa hielt den Reimer-Vorschlag für „wenig zielführend“. Schließlich müsse man dann längere Wege zurücklegen, um zum Ziel zu gelangen - was einen Ruß-Spareffekt wiederaufhebe. Hatte das der Wissenschaftler etwa nicht einberechnet?

Und die nächste Hysterie wartet...

Gerne glänzen Politiker auch mit eigenen Vorschlägen, wie dem Problem beizukommen sei. Sonntagsfahrverbote waren plötzlich wieder in Mode - unabhängig von der Tatsache, daß die schon zu Zeiten der Ölkrise 1973 wenig gebracht hatten, außer wunderbaren Bildern leerer Autobahnen.

Auch für Verbände, gleich welcher Couleur, ist der Feinstaub ein gefundenes Ziel. Die Deutsche Umwelthilfe stand im Mittelpunkt, hat sich mit Klagen profiliert gegen Kommunen, die die Feinstaub-Richtlinie der EU bereits verletzt haben. Auf der anderen Seite forderte Hans-Olaf Henkel, als früherer Chef-Lobbyist der deutschen Industrie nach wie vor unternehmerfreundlich veranlagt, „weniger Panik und mehr Vertrauen in unsere Technik“, den Rußfilter nämlich. Und der ADAC hatte ebenfalls für mehrere Tage sein Thema gefunden mit der Devise: „Der Pkw-Verkehr taugt nicht als Sündenbock.“

Inzwischen flaut die Aufregung wieder ab. Nach gerade zwei Wochen. Die Themen-Konjunkturwellen werden immer kürzer. Und die nächste Hysterie wartet.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.04.2005, Nr. 13 / Seite 42
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