Für Investoren oder Konkurrenten lohnt sich ein Blick auf den Handyhersteller Nokia derzeit vor allem aus einem Grund: Das Unternehmen ist so billig zu haben wie schon lange nicht mehr. Einst war Nokia der größte Handybauer der Welt - doch Nokia konnte sich nicht gegen die neuen Smartphones behaupten und macht inzwischen Verluste. Mit knapp neun Milliarden Euro liegt der Wert, den die Börse der Firma noch zumisst, im einstelligen Milliardenbereich. Wie dramatisch wenig das ist, zeigt ein Vergleich mit Apple, das an diesem Montagabend mutmaßlich neue Produkte vorstellt. Der Smartphone-Konkurrent ist an der Börse rund 50-mal mehr wert.
Kein Wunder, dass in einem solchen Umfeld Übernahmegerüchte gedeihen. Zuletzt war der Kurs am Freitag um 6 Prozent gestiegen, die Aktie vollzog damit den kräftigsten Kurssprung seit Beginn des Jahres. „Eine Vielzahl von Namen kursieren als mögliche Bieter“, sagte Bo Nordberg, Analyst von Canaccord Genuity in London. „Ich bin sicher, dass jemand einen Blick darauf wirft“, fügte er hinzu, um im nächsten Atemzug Wasser in den Übernahmewein zu gießen: Das Unternehmen sei nicht sonderlich faszinierend.
Samsung dementiert Interesse
Dieser Ansicht ist offenbar auch ein gerne als potentieller Interessent gehandelter Wettbewerber. Der koreanische Konzern Samsung Electronics dementierte am Montag die Gerüchte über ein Interesse an den Finnen: „Solche Berichte sind reine Spekulation und nicht wahr.“ Einschätzungen dieser Art können sich natürlich schnell ändern oder als taktisch bedingt herausstellen, zumal ein allzu laut bekundetes Interesse die Preise treibt. Aber auch neutrale Branchenbeobachter äußern Zweifel. „Mir fällt kein einziger Grund ein, warum Samsung derzeit Nokia kaufen wollen sollte“, sagte Ben Wood von CCS Insight. Am Montag bröckelt der Kurs dann auch wieder und fällt um 1,6 Prozent.
Mit dem Softwarekonzern Microsoft steht nach Einschätzung der Gerüchtekocher noch ein weiteres Unternehmen bei Nokia in den Startlöchern. Diese Spekulationen freilich sind mindestens so alt wie die Kooperation der beiden Firmen. Die Amerikaner sind mit den Finnen über das Handy-Betriebssystem Windows Phone eng verbunden. Der frühere Microsoft-Manager und heutige Nokia-Chef Stephen Elop will seit dem vergangenen Jahr mit Handys, die auf Windows laufen, dem iPhone von Apple und den Smartphones mit Googles System Android Paroli bieten.
Ist Nokia gut für Microsoft?
Trotz der engen Verbindung wäre eine Übernahme Nokias jedoch für Microsoft wenig sinnvoll, argumentieren Branchenbeobachter. Schließlich verkauft Microsoft sein Betriebssystem auch an andere Lizenznehmer wie HTC oder Samsung. Interessenkonflikte wären programmiert, schließlich liegt die Sorge nicht fern, dass Microsoft eine „Tochtergesellschaft“ namens Nokia besser behandelt als die Konkurrenz. Ähnliche Vorwürfe hatte sich Google eingehandelt, als der Suchmaschinenkonzern das Mobilfunkunternehmen Motorola übernahm.
Strategisch scheint also weder für Samsung noch für Microsoft ein Nokia-Kauf sinnvoll zu sein. Doch für eine Aktie, die 2008 noch zehnmal so viel kostete wie heute und die allein im laufenden Jahr rund 40 Prozent ihres Wertes eingebüßt hat, gelten auch andere Regeln. Da stellt mancher die Frage, ob sich bei einem Kurs von etwas mehr als zwei Euro nicht ein schönes Schnäppchen machen lässt - schon der reine Buchwert von Nokias Besitz ist höher als der gesamte Börsenwert von Nokia.
Zudem kämpft der Konzern tapfer weiter. Auch wenn Nokia den Titel Weltmarktführer vor kurzem an Samsung abgeben musste, hofft der einstige Champion, wieder Boden gutzumachen. Neue Modelle der Oberklassereihe Lumia sollen in den Industrieländern punkten, neue Geräte aus der Billigserie Asha sollen in den Entwicklungsländern Kunden anziehen. Auf dem Papier sieht diese Doppelstrategie gut aus. Ob sie in der Praxis zieht, darüber entscheiden nicht zuletzt auch die Konkurrenten in einer schnellen und wettbewerbsintensiven Branche.
Bisher hat sie der Kursentwicklung nicht sonderlich viel Leben einhauchen können: Unter dem aktuellen Niveau hatte die Aktie zuletzt im Oktober 1996 notiert. Und trotz der Kursgewinne im Juni beträgt das Monatsminus knapp 6 Prozent. Analysten rechnen erst 2013 wieder mit Gewinnen, das aber nur auf um Faktoren wie Restrukturierungskosten bereinigter Basis. Selbst dann ist die Aktie aber mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 27 für das kommende Jahr und knapp 13 für 2014 nicht wirklich ein Schnäppchen.
Nokia hat hoch gepokert und - verloren.
Otto Meier (DerQuerulant)
- 12.06.2012, 12:52 Uhr
Nett gesagt
Alexander Neumann (alexnm)
- 11.06.2012, 17:00 Uhr