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Trotz Brexit : Jaguar Land Rover kündigt 5000 neue Arbeitsplätze an

JLR-Werk in Solihull, Großbritannien Bild: Reuters

Wie es für den Wirtschaftsstandort Großbritannien weitergehen wird, ist völlig unklar. Trotzdem stellt der Autohersteller tausende neue Mitarbeiter ein. Damit steht das Unternehmen nicht alleine da.

          Der größte britische Autobauer will binnen eines Jahres rund 5000 neue Mitarbeiter einstellen. Die Ingenieure und Informatiker würden benötigt, um die Entwicklung von selbstfahrenden und elektrischen Autos voranzutreiben, teilte der Hersteller Jaguar Land Rover (JLR) am Montag mit. Der Großteil der Arbeitsplätze soll in Großbritannien geschaffen werden, wo das Unternehmen bisher schon die meisten seiner mehr als 40.000 Mitarbeiter beschäftigt. Die Ankündigung kommt zu einem symbolträchtigen Zeitpunkt, denn zu Wochenbeginn begannen in Brüssel die Verhandlungen über den Austritt Großbritanniens aus der EU. Die Wirtschaft warnt seit langem, dass ein „harter“ Brexit, wie ihn die Regierung in London bisher angepeilt hat, dem Standort Großbritannien schaden werde.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die neuen Arbeitsplätze sind deshalb eine gute Nachricht in unsicheren Zeiten. Der Autobauer JLR war in den vergangenen Jahren eine der größten Erfolgsgeschichten in der britischen Industrie. Zwischen 2009 und 2016 hat das Unternehmen seine Jahresproduktion auf 583.000 Fahrzeuge fast vervierfacht. Bis 2020 will JLR jährlich eine Million Autos herstellen. Zu verdanken hat der Hersteller diesen Aufschwung vor allem seinen Geländewagen der Marke Land Rover. 2016 brachte auch die Schwestermarke Jaguar mit dem neuen Modell F-Pace erstmals einen Geländewagen auf den Markt.

          Historischer Tag : Brexit-Verhandlungen haben begonnen

          JLR-Chef Ralf Speth, sieht den für 2019 geplanten EU-Austritt Großbritanniens mit Sorge: „Ein harter Brexit würde uns stärker treffen als die meisten Konkurrenten“, sagte der deutsche Automanager im März in einem Gespräch mit der F.A.Z. Zölle und andere Handelshürden durch den Brexit würden JLR doppelt treffen, warnte Speth. Einerseits ist Kontinentaleuropa ein wichtiger Absatzmarkt für das Unternehmen, andererseits beziehen die britischen Fabriken von JLR viele Bauteile vom Kontinent.

          Die Brexit-Ungewissheit lässt die Manager in Großbritannien vorsichtiger werden: 2016 sind die Unternehmensinvestitionen erstmals seit der Weltfinanzkrise vor acht Jahren gesunken. Zugleich aber haben seit dem überraschenden Austritts-Votum der Briten beim EU-Referendum vor einem Jahr auch eine Reihe von Großunternehmen angekündigt, neue Arbeitsplätze auf der Insel zu schaffen. So gab der amerikanische Onlinehändler Amazon im Februar bekannt, seine Belegschaft in Großbritannien in diesem Jahr um 5000 Mitarbeiter aufzustocken. Bisher hat Amazon im Königreich rund 19.000 Beschäftigte.

          Auch andere amerikanische Technologieunternehmen stellen ein: Facebook will 2017 weitere 500 Mitarbeiter in Großbritannien einstellen und damit die Belegschaft dort um die Hälfte ausbauen. Google wiederum bekräftigte, dass am geplanten Bau eines Technologiezentrums am Londoner Bahnhof Kings Cross trotz Brexit festgehalten werde.

          Die deutschen Discounter Aldi und Lidl wiederum dürften indirekt sogar vom Brexit profitieren: Die Abwertung des Pfunds seit dem Referendum verteuert viele Waren des täglichen Bedarfs – und die Konsumenten kaufen deshalb mehr bei den günstigeren Discountern aus Deutschland ein als bisher. Aldi hat angekündigt, in diesem Jahr 4000 neue Stellen in Großbritannien zu schaffen und 70 weitere Geschäfte zu eröffnen.

          Ambivalent sind die Kommentare von Apple zum Brexit: Konzernchef Tim Cook versicherte im Februar nach einem Treffen mit der britischen Premierministerin Theresa May, der iPhone-Hersteller sei „sehr optimistisch“ für Großbritanniens Zukunft außerhalb der EU. Das Unternehmen will 2021 eine neue Niederlassung in der umgebauten Battersea Powerstation in London beziehen. Aber der Apple-Chefdesigner Jonathan Ive, der selbst Brite ist, warnte kürzlich, die von der Regierung angestrebte drastische Reduzierung der Einwanderung schade dem Wirtschaftsstandort: Es sei für Apple sehr wichtig, auch in Zukunft problemlos internationale Mitarbeiter in Großbritannien einstellen zu können.

          Offene Grenzen nicht nur für Güter und Dienstleistungen, sondern auch für Arbeitskräfte – das ist für den britischen Autobauer JLR ebenfalls ein wichtiges Kriterium. „Wir haben sehr klar gesagt, dass wir auch nach dem Brexit in der Lage sein müssen, Fachkräfte im Ausland zu rekrutieren“, sagte ein Sprecher am Montag. Nach den neuen Ingenieuren und Technikern, die JLR jetzt anheuern will, sucht das Unternehmen nicht nur in Großbritannien, sondern international.

          Quelle: F.A.Z.

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