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Transport Die Bahn geht in Großbritannien auf Einkaufstour

18.03.2010 ·  Bahn-Chef Rüdiger Grube bereitet seinen ersten großen Coup vor: Er will den britischen Verkehrskonzern Arriva für 1,4 Milliarden Pfund kaufen. Zudem hat die Bahn Interesse am Tunnelverkehr auf die britische Insel. Über eine Beteiligung am Eurotunnel-Betreiber wird nachgedacht.

Von Kerstin Schwenn und Ulrich Friese
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Trotz spürbarer Gewinneinbußen in der Wirtschaftskrise und hoher Verschuldung geht die Deutsche Bahn wieder auf Einkaufstour. Der Bahn-Vorstandsvorsitzende Rüdiger Grube bereitet nach einem Dreivierteljahr an der Bahnspitze seinen ersten großen Coup vor: Er will den britischen Verkehrskonzern Arriva für 1,4 Milliarden Pfund kaufen. Einschließlich der Übernahme der Netto-Verbindlichkeiten von 850 Millionen Pfund belaufe sich der Wert der Transaktion auf rund 2,3 Milliarden Pfund (2,6 Milliarden Euro), hieß es in Bankenkreisen. Wann eine Entscheidung über das Angebot fällt, ist offen.

Die Übernahme des Unternehmens, das an der Londoner Börse rund 1,2 Milliarden Pfund wert ist, würde die Stellung der Deutschen Bahn in Europa deutlich verbessern. Für den Erzrivalen, die französische Staatsbahn SNCF, wäre das ein schwerer Schlag. Sie verhandelte über ihre Tochtergesellschaft Keolis bis vor kurzem ebenfalls über eine Übernahme. Zudem zeigte auch der asiatische Transportkonzern Comfort-Delgro aus Singapur an einem Kauf von Arriva Interesse (siehe Kaufofferte für Bahnkonzern Arriva). Dem Vernehmen nach ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass SNCF/Keolis mit einem verbesserten Angebot wieder in das Rennen um Arriva einsteigt. Auch der asiatische Mitbieter, dem in Großbritannien der Busbetreiber Metroline gehört, werde sein weiteres Vorgehen in einer Auktion überprüfen.

Der europäische Personenverkehrsmarkt auf der Schiene, der seit Anfang dieses Jahres liberalisiert ist, kommt langsam in Schwung. Fachleute rechnen mit einer Phase der Konsolidierung. Sie erwarten, dass bald nur noch eine Handvoll großer Betreiber übrig sein wird. Deutsche Bahn und SNCF, die auf den grenzüberschreitenden Strecken Frankfurt–Paris und Stuttgart–Paris seit mehreren Jahren erfolgreich im Gemeinschaftsunternehmen Alleo zusammenarbeiten, kämpfen dabei um die Vorherrschaft. Mit Arriva, das in 13 europäischen Ländern tätig ist, bekäme die Bahn Zugang an neuen Standorten.

Die französische Staatsbahn, die Wettbewerber in ihrer Heimat nur sehr zögerlich auf die Gleise lässt, überraschte die Bahnführung im vergangenen Herbst mit der Ankündigung, auf den lukrativen Strecken wie Hamburg–Berlin oder Hamburg–Köln fahren zu wollen. Konzernchef Grube reagierte auf den Vorstoß verärgert und sagte, er werde den Franzosen das „Feld nicht kampflos überlassen“. Von dieser Strategie, die den ohnehin mit mehr als 15 Milliarden Euro verschuldeten Staatskonzern einen weiteren Milliardenbetrag kosten würde, hat Grube inzwischen auch den zuständigen Verkehrsminister Peter Ramsauer überzeugt. Der CSU-Politiker hatte sich erst kürzlich, bei der Vorstellung des neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Utz Felcht, offen für eine Stärkung des grenzüberschreitenden Geschäfts der Bahn gezeigt und dabei an die Bahnmanager appelliert, das Kerngeschäft in Deutschland wieder in Ordnung zu bringen, das zuletzt vor allem durch technische Pannen Schlagzeilen machte.

Langfristig wird sich eine starke Position in Europa nach Einschätzung der Bahnspitze für das gesamte Unternehmen und damit auch für die deutschen Beschäftigten auszahlen. Allerdings wäre Widerstand vom Bundeskartellamt zu erwarten. Die Bahn müsste, um marktbeherrschende Stellungen zu vermeiden, womöglich regionale Bus-Aktivitäten in Deutschland veräußern. Dabei ist der Konzern aus Berlin schon heute nicht nur im Logistikgeschäft (Schenker), sondern auch im Personenverkehr im Ausland tätig. Unter der Regie des ehemaligen Bahnchefs Hartmut Mehdorn erwarb das Unternehmen Beteiligungen an Bus- und Bahngesellschaften, etwa in Schweden. In Großbritannien übernahm sie den Anbieter Chiltern Railways. In Berlin wird auch das Interesse am Tunnelverkehr auf die britische Insel bekräftigt. Dabei könnte das Engagement sogar mit einem Einstieg in die französische Betreibergesellschaft Eurotunnel unterlegt werden.

Arriva ist neben der französischen Veolia einer der wenigen Verkehrskonzerne in Europa, die nicht staatlich kontrolliert sind. Käme das 1938 gegründete Unternehmen tatsächlich unter das Dach der Deutschen Bahn, würde es vermutlich von der Börse genommen werden wie schon der 2002 erworbene Logistikkonzern Stinnes/Schenker. Im vergangenen Geschäftsjahr setzte die Arriva-Gruppe, die seit 2004 in Deutschland mit Regionalbahnen und Busunternehmen in zehn Bundesländern präsent ist, mit seinen 44.000 Beschäftigten insgesamt 3,15 Milliarden Pfund um. Dabei erwirtschaftete der britische Konzern einen operativen Gewinn von rund 160 Millionen Euro.

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