27.12.2004 · Allen menschlichen Tragödien zum Trotz: Das Seebeben in Südasien wirkt sich wirtschaftlich bei großen deutschen Reiseveranstaltern kaum aus. Die Versicherer sind noch zurückhaltend.
Das Ausmaß möglicher finanzieller Belastungen für die Rückversicherer durch die Flutwellen-Katastrophe in Südasien ist vorerst offen. Die Touristikkonzerne TUI und Thomas Cook rechnen nach dem Erdbeben in Südasien nicht mit Einbußen bei Umsatz und Ergebnis. Analysten werten die Aktienkursverluste
als psychologischen Effekt, da die Katastrophe den Anlegern verdeutlich, daß die Reise- und Luftfahrtbranche nur schwer zu kalkulierenden Risiken unterliege.
„Wir erwarten keine signifikanten wirtschaftlichen Einbußen", sagte ein TUI-Sprecher am Montag. TUI gehe davon aus, daß sich die Situation binnen weniger Monate wieder normalisiere. Das Reisegeschäft mit der Region Südasien mache lediglich ein Prozent des TUI-Touristikumsatzes aus. Die anfallenden zusätzlichen Rückkholkosten seien überschaubar. Die Flugzeuge seien sowieso gebucht, flögen jetzt nur leer nach Asien, um die deutschen Urlauber zurückzuholen. Insgesamt sind rund 800 TUI-Gäste in den betroffenen Regionen unterwegs. Bei Bedarf will der Konzern seine Gäste auch mit Maschinen anderer Anbieter zurückfliegen. Neue Gäste sollen bis zum 16. Januar nicht in die Krisenregion geschickt werden. Die Kosten für die gebotenen Umbuchungen und Stornierungen werden ebenfalls als gering bezeichnet.
Kosten vor allem für zusätzliche Flüge
Thomas Cook nennt die wirtschaftlichen Auswirkungen ebenfalls nicht gravierend. Kosten fallen vor allem für die zusätzlichen Flüge an, die Montag und Dienstag und möglicherweise auch in den kommenden Tagen nach Asien gelenkt werden. Rund 4000 Gäste von Thomas Cook sind vor Ort von dem Unglück betroffen. Der Reiseveranstalter geht davon aus, daß in den nächsten Wochen Reisen in diese Region erst einmal zurückgehen. Wie lange dieser Trend anhälen wird, kann er noch nicht sagen.
Rewe Touristik macht indes noch keine Angaben über die wirtschaftlichen Folgen und verweist auf den frühen Zeitpunkt. In den betroffenen Regionen sind 1600 Gäste der drei Veranstalter ITS, Jahn Reisen und Tjaereborg unterwegs.
Rückschlag für Tourismus in Südasien
Für die Touristikwirtschaft in Südasien hingegen, die in den Regionen Haupteinnahmequelle ist und für die in den nächsten Jahre ein starkes Wachstum erwartet wurde, bedeutet das Beben einen schweren Rückschlag. Allein Thailand zählt jährlich rund zehn Millionen Urlauber aus aller Welt. Aus Deutschland reisten in diesem Jahr rund 400.000 Menschen nach Thailand, 78.000 auf die Malediven und 75.000 nach Sri Lanka. Die Welt-Tourismus-Organisation zählt Südasien zu den wichtigsten Touristikregion der Welt mit Wachstumsraten von gut sechs Prozent im Jahr. Bis 2020 sollte sich so die Zahl der Urlauber pro Jahr auf 19 Millionen fast verdoppeln. Ob diese Prognose nach dem stärksten Beben seit 40 Jahren aufrechterhalten werden kann, galt am Montag bei Touristikern als zweifelhaft.
Schadensvolumen geringer als bei einem Hurrikan
Der Rückversicherer Hannover Rück hält ungeachtet möglicher Schadensbelastungen durch die Flutwelle in Südasien an seinem Gewinnziel von 300 Millionen Euro im laufenden Jahr fest. „Wir gehen für das Ereignis von einem niedrigen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag aus", sagte eine Konzernsprecherin am Montag in Hannover. Hierbei handele es sich um eine konservative Schätzung. „Wir werden auch mit dieser Belastung unsere Planung 2004 nicht verändern müssen.“ Die Aktie von Hannover Rück verringerte ihre Verluste nach den Aussagen und notierte noch 0,2 Prozent schwächer bei 28,82 Euro.
Der Konkurrent Münchener Rück äußerte sich bis zum Nachmittag nicht zu möglichen Belastungen. Am Morgen hieß es: „Wir können das im Moment nicht seriös einschätzen." Grundsätzlich schätze der Konzern das Schadensvolumen eher geringer als bei einem großen Hurrikan ein. Hintergrund sei, daß bei Flutwellen lediglich die Küstenregion, nicht aber das Landesinnere betroffen sei.
Allianz gibt schon Entwarnung
Deutschlands größter Erstversicherer Allianz gab hingegen bereits Entwarnung. „Wir erwarten keine signifikanten Auswirkungen auf das Ergebnis der Allianz-Gruppe", sagte eine Sprecherin der Allianz am Montag in Singapur, wo das für Asien-Pazifik zuständige Hauptquartier ansässig ist. Die Region steuert ohnehin lediglich rund sechs Prozent zu den gesamten Beitragseinnahmen bei. Swiß Re und Zurich Financial erklärten, es sei noch zu früh, um sich zu möglichen Schäden zu äußern.
Die Aktien beider deutschen Rückversicherer führten jeweils die Verliererliste im Dax und MDax an. Am späten Vormittag notierten die Anteilsscheine der Münchener Rück mit 89,58 Euro 2,1 Prozent im Minus, die Papiere der Hannover Rück gaben ebenfalls 2,1 Prozent auf 28,26 Euro ab.
Durch die Flutwelle in Folge des schwersten Erdbebens seit vier Jahrzehnten sind nach bisherigen Schätzungen mehr als 16.000 Menschen ums Leben gekommen. Betroffen sind unter anderem Indien, Indonesien, Sri Lanka, Malaysia, Bangladesch, Thailand sowie das Taucherparadies Malediven.
Katastrophe nach einem schweren Jahr
Die Katastrophe trifft die Rückversicherungsbranche nach einem ohnehin schweren Jahr. So mußten die Assekuranzen im Herbst außergewöhnlich starke Wirbelstürme in Nordamerika, der Karibik und in Asien verkraften. Dennoch dürften sich die Belastungen nach Einschätzung von Experten in Grenzen halten. „Es trifft wirklich die Ärmsten der Armen, die nur selten versichert sind", sagte ein Analyst. „In den USA ist viel mehr versichert und die Sachwerte sind auf engerem Raum.“ Die Belastungen für die deutschen Assekuranzen sollten sich deshalb halbwegs in Grenzen halten. „Das Engagement in den betroffenen Ländern ist gemessen am Gesamtportfolio relativ klein.“
„Die größten Belastungen für die Versicherer könnten in den touristischen Zentren Thailands, den Malediven und einigen Bereichen Südindiens entstanden sein", sagte Konrad Becker von Merck Finck. „Das große Fragezeichen sind die Malediven, weil hier die Dichte versicherter Werte höher liegt. Außerdem stehen hier relativ teure Ferienanlagen.“ Er glaube aber nicht, daß die versicherten Schäden die Belastung der vier Hurricanes in der Karibik vor wenigen Monaten erreichten. Die Münchener Rück selbst hatte ihre Belastung durch die Hurrikans und Taifune im Herbst auf rund 500 Millionen Euro beziffert.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.372,61 | −1,55% |
| Dow Jones | 12.446,30 | −1,07% |
| EUR/USD | 1,2425 | −0,51% |
| Rohöl Brent Crude | 103,94 $ | −2,72% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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