10.01.2009 · In den Skigebieten ist von der Krise derzeit wenig zu spüren. In Italien, Österreich und der Schweiz sind die Hotels gut ausgelastet. Schnee wie aus dem Bilderbuch - das freut die Liftbetreiber. Ob die Sonderkonjunktur Bestand hat?
Von Tobias Piller, Michaela Seiser und Jürgen DunschIn den Alpen trotzt der Wintertourismus der Krise. Für Italiens Hotellerie hat die Wintersaison besser als erwartet begonnen, nicht nur wegen der ausgiebigen Schneefälle, sondern auch wegen einer unerwartet guten Buchungslage. Traditionell sind die Tage über Neujahr der Saisonhöhepunkt und ohnehin immer ausgebucht, analog zum sommerlichen "Ferragosto". Die in Rimini ansässigen Spezialisten der Agentur Trademark Italia sehen aber auch nach den Feiertagen ihre Voraussage bestätigt, dass Italiens Skitourismus keinen krisenbedingten Einbruch erleben werde. Im Vergleich zur besonders guten Vorjahressaison wird ein Umsatzrückgang von 5 bis 9 Prozent für die Saison 2008/2009 vorausgesagt.
Auch die Liftbetreiber sind bisher mit der Saison zufrieden: Das Konsortium Dolomiti Superski, das zwölf Skigebiete mit 450 Liften und 1200 Pistenkilometern vereint, begann das Jahr mit einer Preiserhöhung von 5 Prozent, kann aber trotzdem einen um etwa 5 Prozent gestiegenen Verkauf von Skipässen vermelden. Bei Dolomiti Superski wie auch bei den Experten von Trademark Italia zeigt man sich dennoch vorsichtig. Denn bisher sei nur etwa ein Viertel der Saison gut überstanden. Entscheidend werde die Auslastung der Skiorte im Januar und Februar sein. Bisher wird für die Saison erwartet, dass die Zahl der Skiurlauber, etwa 2,1 Millionen, im Großen und Ganzen gleich bleibt, ebenso deren Ausgaben von rund 5 Milliarden Euro für Hotel und Skipässe.
„Bisher spüren wir die Krise nicht“
Einen Rückgang erwarten die Fachleute dagegen bei den indirekten Umsätzen der Wintersaison, etwa in Sportgeschäften oder Restaurants, ebenso in der Zahl der gesamten Winterurlauber von geschätzten 12 Millionen. Trademark Italia sieht dabei das Tourismusgeschäft im Aostatal (Courmayeur, Cervinia) oder im Trentino und in Südtirol stabil. Dagegen wird für die teure Modedestination Cortina ein Einbruch vorausgesagt, weil dort das Verhältnis von Preis und Leistung nicht mehr stimme und weil sich dieser Ort zu sehr auf altem Lorbeer ausgeruht habe. Der Bericht von Trademark Italia kritisiert, dass die Hotels und die Skiorte zu wenig tun, um die Urlauber auch abseits der Pisten zu unterhalten. Doch Investitionen in mehr "Wohlfühlfaktor" würden wohl leider in dieser Saison unterlassen, weil derzeit niemand längerfristige Investitionen wage.
Auch in Österreich zeigt sich die Tourismusbranche zuversichtlich. "Bisher spüren wir die Krise nicht", sagt ein Sprecher der Tirol Werbung. Die Buchungslage entspreche der des Vorjahres, als es ein Rekordergebnis gab. Tirol ist ein Kernland des österreichischen Fremdenverkehrs, auf dieses Bundesland entfallen 40 Prozent der Übernachtungen. Ebenso positiv äußert sich Sepp Schellhorn, Präsident der Österreichischen Hotelvereinigung (ÖHV). "Ich glaube, dass wir die Krise relativ glimpflich überstehen." Erst in der Sommersaison würden die Auswirkungen mit Verzögerung ankommen.
„Wenn es in Deutschland kriselt, steigen die Übernachtungszahlen in Österreich“
Er prognostiziert zwar einen Rückgang in der bis April dauernden Wintersaison von bis zu 3 Prozent an Übernachtungen gegenüber dem Vorjahr und einen gleichbleibenden Umsatz. Damals gab es für die Branche einen Höchststand von erstmals mehr als 60 Millionen Übernachtungen. Den Knick in den Übernachtungen führt er aber vor allem auf die im Vergleich zum Vorjahr für die Saison nicht so günstigen Ferienzeiten in Europa zurück. Schellhorn will seine Branche nicht als Krisengewinner sehen, auch wenn er seitens der deutschen Gäste, der bedeutendsten Zielgruppe unter den Touristen, keine Einbußen befürchtet.
Eher das Gegenteil stimme, wie er die Beobachtungen der Branche zusammenfasst: "Immer wenn das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland sinkt, steigen die Übernachtungszahlen in Österreich." Diesen Zusammenhang begründet der Hotelier zum einen mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Zum anderen könne man in Österreich - anders als bei Flugpauschalreisen - flexiblere Urlaubszeiten buchen, und dies auch kurzfristig. Überdies sei Österreich für viele Deutsche auch mit dem Auto gut erreichbar.
Walter Gerhard, Tourismusverantwortlicher für die Region Lech-Zürs, merkt in diesem traditionsreichen Skigebiet auf dem Arlberg ebenfalls noch keine Krise. "Bis Mitte Januar sind wir sehr gut gebucht." Die Buchungslage sei auf dem Stand des Vorjahrs, als die Region eine ihrer besten Saisons verzeichnete.
Letztlich ist die Schneelage aber wichtiger als die Konjunktur
Auch in der Schweiz herrschen für die Branche optimale Bedingungen: viel Schnee allerorten, Wetter meist wie aus dem Bilderbuch, zufriedene Gäste, Bergbahnbetreiber und Hoteliers. Die Auslastung liege auf dem hohen Niveau des Vorjahres, die Restaurants seien gut besucht, und das Geld sitze locker, lautete die Feiertagsbilanz von Urs Zenhäusern, Tourismuschef im Wallis. Von Zahlen ähnlich hoch wie im Vorjahr sprach auch Christen Baumann, Direktor der Zermatt Bergbahnen, und einen "Saisonstart nach Maß" konstatierte Thomas Gurzeler von den Bergbahnen in Arosa. Jetzt herrscht bis Ende Januar Zwischensaison. Im darauffolgenden Monat jedoch gehen die Buchungszahlen mit untrüglicher Sicherheit wieder in die Höhe: In der Schweiz beginnen dann die sogenannten "Sportferien", in denen die Kantone zeitlich gestaffelt schulfrei geben. Und dieses Vergnügen lassen sich die Eidgenossen mit ihren Kindern als Letztes nehmen. Mehr noch: Die Anzeichen für eine weiterhin starke Saison sind gut, der Großverteiler Migros zum Beispiel berichtete in dieser Woche über ein "boomendes Sportgeschäft". Die Nagelprobe dürfte erst im März kommen. Aber - so der Eindruck - Erfolg oder Misserfolg in den Skiorten hängt mehr von der Schneelage ab als von der Konjunktur. Und die bleibt vorläufig abfahrtssicher. Damit könnte sich die Vorhersage eines Rückgangs der Übernachtungszahlen von 2,4 Prozent in diesem Winter durch die Konjunkturforscher von BAK Basel Economics als zu pessimistisch erweisen.
Auf eine kleine Sonderkonjunktur dürfen sich derzeit noch die Sportgeschäfte freuen. Die Minustemperaturen lassen die vielen Seen in der Schweiz allmählich gefrieren. Damit denken so manche an eine Schlittschuhpartie in der freien Natur oder an ein spontan vereinbartes Eishockeymatch. Die "Seegfrörni" ist stets ein großes Ereignis im Land, zumal sie, bedingt durch den Klimawandel, immer seltener wird. Im Waadtland, im Kanton Freiburg und im Jura sind einzelne Seen schon für das Eisvergnügen freigegeben. Dasselbe gilt für den Sihlsee im Einzugsgebiet von Zürich. Am Zürichsee wird man länger warten müssen. Dort fand die letzte Gfrörni im Winter 1962/63 statt.
Michaela Seiser Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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Jürgen Dunsch Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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