Home
http://www.faz.net/-gqi-vcrm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Tourismus Arrivederci Italia

25.07.2007 ·  In Italien herrscht eine neue Angst vor der Leere an den Stränden. Die Tourismusindustrie klagt. Denn das Land wird für Reisende immer unattraktiver. Von Tobias Piller, Triest.

Von Tobias Piller
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Kritik an der italienischen Organisation des Tourismus galt viele Jahre lang als politisch inopportun und geschäftsschädigend. Doch zuletzt hat Italien so viel Wettbewerbsfähigkeit verloren, dass jetzt klare Worte für Veränderungen sorgen sollen. Luca di Montezemolo, Präsident des Unternehmerverbandes und zugleich als Ferrari-Chef Vorbild für Verkaufstalent und Lebensstil, packte auf einem Tourismuskongress in Triest die Probleme mit unitalienischer Direktheit an: „In den siebziger Jahren war Italien das Reiseland Nummer eins auf dem Weltmarkt. Jetzt sind wir auf Platz fünf. Wenn wir nicht reagieren, finden wir uns bald auf Platz sieben wieder.“

Am Forum Romanum, Venedig oder all den anderen Sehenswürdigkeiten des Landes könne es nicht liegen, wenn Italien weniger konkurrenzfähig sei. Die Touristenattraktionen gebe es schließlich noch immer. Zudem habe die Zahl der Reisenden zugenommen, ebenso die Bereitschaft zum Geldausgeben. Montezemolo folgert, dass sich damit die italienischen Sehenswürdigkeiten heute eigentlich noch mehr als früher zu Publikumsmagneten eignen müssten. Seine Folgerung war brüsk: „Hier wurde etwas falsch gemacht.“

Urlaubsgutscheine für sozial Schwache?

Dennoch gelangten auf dem Tourismuskongress des Unternehmerverbandes in Triest aus politischer Höflichkeit ein paar Vertreter der überkommenen Vision des Tourismus an das Rednerpult. Für die Regierungskoalition sprach der Vorsitzende einer Parlamentariergruppe für den Tourismus, der sich wie in früheren Zeiten nur für die lokal-populistische Seite des Reisemarktes interessiert. Es sei schlimm, wenn die Vermutungen stimmten, dass nur die Hälfte der Italiener in diesem Sommer Urlaub machen könnte und die anderen aus finanziellen Gründen zu Hause blieben. Man müsse sich dafür einsetzen, dass die Regierung an sozial Schwache Urlaubsgutscheine verteile, sagte der Abgeordnete Pierluigi Mantini. Er verlangte eine „wirklich europäische Tourismuspolitik von Brüssel“, finanzielle Zuschüsse für die Renovierung von Hotels und eine Klassifizierung der Qualität in Strandbädern mit Symbolen von einem, zwei oder drei Seepferdchen.

Ein zweiter Abgeordneter der Regierungskoalition, zugleich Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses im Abgeordnetenhaus, hatte ebenso wenig darüber zu berichten, was die neue Regierung für die Wettbewerbsfähigkeit der italienischen Tourismusbranche zustande gebracht habe.

Zersplitterung der politischen Kompetenzen

Die italienische Reisebranche selbst klagt vor allem über die Zersplitterung der politischen Kompetenzen für die Tourismuspolitik. Das alte Tourismusministerium, früher nur ein bedeutungsloser Verschiebebahnhof für Postengeschacher und Klientelwirtschaft der wechselnden Regierungen, war während der neunziger Jahre von Populisten zur Zielscheibe gemacht worden und wurde mit einer Volksabstimmung abgeschafft. Seit einer überhasteten Verfassungsreform der Mitte-links-Regierung von 2001 liegt die Kompetenz für Tourismuspolitik und Fremdenverkehrswerbung alleine bei den 20 Regionen Italiens, die unabhängig voneinander und unkoordiniert auftreten, dafür aber noch mehr Geld als früher benötigen. Wer Gelächter erzeugen will in der italienischen Reisebranche, verweist einfach nur auf eine große Werbetafel auf dem Flughafen Schanghai mit der Aufschrift „Visit Metaponto“. Wo dieser süditalienische Badeort der Region Basilicata liegt, wissen selbst viele Italiener nicht.

Der stellvertretende italienische Ministerpräsident und ehemalige römische Bürgermeister Francesco Rutelli schlug deshalb auf dem Kongress der Klagen über den Tourismus in die gleiche Kerbe: Er wolle keine Agenturnachrichten mehr lesen wie „Basilicata wird in Finnland lanciert“. Für Italien dürfe nicht die hemmungslose Konkurrenz um die Touristen im Mittelpunkt stehen, vielmehr gehe es um die Verbesserung des Angebots. „Hundert Kilometer von Triest entfernt kostet der Urlaub weniger und ist nicht notwendigerweise schlechter“, sagte Rutelli als der Minister, der neben dem Kulturministerium die wenigen übriggebliebenen Kompetenzen der Zentralregierung für den Tourismus verwaltet.

„Italien tritt auf wie ein ungeordneter Haufen“

Die Fachleute aus der Branche zeigten sich in der Diskussion noch kritischer. „Es fehlt die Strategie. Italien tritt auf wie ein ungeordneter Haufen“, sagte der Spanier Josep Ejarque, der vor einem Jahr für die Vermarktung der Region Friaul angeheuert wurde. Noch immer werde Italien oft als Wunschziel genannt, wenn reisewillige Ausländer ins Reisebüro kämen, doch gekauft werde dann oft eine Reise in andere Länder. „Die Italiener haben es nie gelernt, auf die Wünsche der Reisenden zu hören“, sagte Ejarque, „sie bieten ihnen einfach an, was sie immer schon hatten.“

Der Chef der großen spanischen Hotelkette „NH-Hoteles“, der Italiener Gabriele Burgio, kritisierte das Verhältnis von Preis und Leistung: „Wenn Urlaub in Italien wegen der Lohnkosten und aus vielen anderen Gründen immer teurer wird, dann muss auch die Qualität steigen.“ Italien habe zum Beispiel einen erstklassigen Ruf für sein Design, aber weder in den Restaurants und Hotels noch auf Straßen oder Eisenbahnen sei davon etwas zu sehen. Im Nebensatz wurde auch noch erwähnt, wie eine Küstenregion Spaniens in wenig mehr als zehn Jahren 60 Golfplätze einrichtete, während Italien noch immer über einzelne Projekte streitet. „Italiens Sehenswürdigkeiten sind ein wichtiger Rohstoff für den Tourismus“, sagte der italo-spanische Hotelchef. Doch die Italiener schafften es nicht, etwas daraus zu machen, fand eine Reihe von Rednern und Fachleuten: „Die Italiener reden nur auf den Kongressen über die Probleme, aber dann tut sich leider nichts.“

Quelle: F.A.Z., 25.07.2007, Nr. 170 / Seite 16
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1962, Wirtschaftskorrespondent für Italien mit Sitz in Rom.

Jüngste Beiträge

Böses Spiel

Von Holger Steltzner

Mit größter Selbstverständlichkeit und in unerträglichem Ausmaß zahlt die Elite Griechenlands keine Steuern und flüchtet mit Milliarden ins Ausland - und jede griechische Regierung lässt sie gewähren. In den Geberländern wächst die Wut der Steuerzahler. Mehr 6 62

28.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.323,19 −0,26%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.376,76 −0,07%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
EUR/USD 1,2541 −0,26%
Rohöl Brent Crude 107,26 $ +0,38%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.