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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

TMD Friction Wie Phönix aus der Insolvenz

 ·  Arcandor ist kein Einzelfall. Alle 20 Minuten gibt in Deutschland ein Unternehmen auf. Anfang Dezember meldete der Autozulieferer TMD Friction Insolvenz an. Nach einer harten Sanierung ist der Hersteller von Bremsbelägen heute schuldenfrei. Die Chronik einer Wiedergeburt in fünf Schritten.

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Auch Weltmarktführer haben Sorgen. Die rund 3800 Mitarbeiter der TMD-Friction-Gruppe in aller Welt produzieren eine Million Bremsbeläge am Tag. Vom Dacia Logan bis zum Bugatti Veron - fast alle namhaften Autohersteller beliefert die Konzerngruppe mit Sitz in Leverkusen. Das war auch in der zurückliegenden Insolvenz nicht anders.

Werner Dierkes ist lange genug im Geschäft, um die Zeichen der Zeit richtig zu deuten. "Sie merken bei jeder Bezahlung, wie eng der Cash ist", schildert der Konzernbetriebsratsvorsitzende die Situation Ende des vergangenen Jahres. Wenn die Lieferanten, die der 61 Jahre alte Werkzeugmacher aus Essen schon seit Ewigkeiten kennt, plötzlich nur noch liefern wollen, wenn vorher die alten Rechnungen beglichen werden. Wenn sich die Schlinge um den eigenen Hals langsam zuzieht. Als Auslöser für diese Entwicklung kann die im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise seit Sommer 2008 drastisch rückläufige Automobilproduktion herhalten.

Der Gang zum Amtsrichter

Die Ursache dafür, dass diese Entwicklung TMD schneller und härter trifft als andere Zulieferer, hat ihren Grund jedoch in der Unternehmensgeschichte: Es sind Schulden in dreistelliger Millionenhöhe, die aus einem Management-Buyout im Jahr 2000 resultieren. Auch eine spätere Übernahme ist auf Kredit finanziert worden. Die kreditgebenden Banken haben die Forderungen später weiterverkauft - unter anderem an Hedge-Fonds von New York bis Singapur. Die Fonds-Manager sind zufrieden, solange die Zinsen fließen. Doch in der Krise erweist sich das Sammelsurium aus mehr als 25 Gläubigern als handlungsunfähig. Die Gespräche über eine Bürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen scheitern nicht zuletzt an mangelnder Abstimmung. Dierkes erntet Kritik der Kollegen, als er sich für "ein Ende mit Schrecken" ausspricht.

Am Freitag, dem 5. Dezember 2008, reicht Derek Whitworth, der Vorstandsvorsitzende von TMD, den Insolvenzantrag für die deutschen Standorte beim Amtsgericht Köln ein. Wenig später klingelt in einer Düsseldorfer Anwaltskanzlei das Telefon. Frank Kebekus, der kurz zuvor gerade die Sanierung der Modehauskette Wehmeyer abgeschlossen hat, wird zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. Viel Arbeit am Freitagnachmittag - was einige Arbeitnehmer als Zumutung empfinden mögen, finden Insolvenzverwalter praktisch. So bleibt das Wochenende zur Einarbeitung. Schließlich muss Kebekus am Montag Dutzende Entscheidungen treffen. Denn er hat von nun an faktisch das Sagen. Dem Vorstandschef Whitworth genehmigt er noch schnell den Wochenendflug nach London - aber am Sonntag muss er zurück in Leverkusen sein. "In der Insolvenz gibt es neue Spielregeln, an die sich jeder halten muss", sagt Kebekus.

Am Montagmorgen trifft Kebekus mit rund einem Dutzend Mitarbeitern - Juristen, Betriebswirte, Bankkaufleute - in Leverkusen ein. Das alte Management ist entmachtet. Ohne die Zustimmung von Kebekus kann es nicht einmal mehr Druckerpapier bestellen. Als Erstes muss das operative Geschäft aufrechterhalten werden, denn die Nachricht von der Insolvenz spricht sich herum. Vor dem Dresdner Werk stehen Lieferanten aus Osteuropa und wollen ihre Ware zurück. Kebekus stellt sich die Frage, ob er den Betrieb aus dem Cashflow, also aus dem laufenden Mittelzufluss heraus, am Leben halten kann. Denn über Kreditlinien verfügt er nicht mehr. Die ausländischen Standorte sind zwar nicht betroffen, brauchen aber weiter Geld aus Deutschland. Kebekus sieht trotzdem eine Chance. Entlastend wirkt, dass die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter drei Monate lang aus dem Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit gezahlt werden. Hunderte Deckungszusagen werden im Stundentakt an die Zulieferer herausgefaxt. Die wissen: Im Ernstfall haftet für neue Bestellungen der vorläufige Insolvenzverwalter - im Zweifel persönlich. Kebekus und der Betriebsrat versuchen, mit öffentlichen Auftritten die Belegschaft zu beruhigen. Auch die Kunden werden nach Leverkusen zu Gesprächen eingeladen. Die Botschaft lautet: Der Betrieb geht weiter.

Das Verfahren wird eröffnet

Währenddessen arbeitet der Anwalt auch an der Sanierung und Umstrukturierung. Ihm wird schnell klar, dass er dem Unternehmen das Finanzproblem aus dem Kreuz schaffen muss. Sein Plan ist eine sogenannte übertragende Sanierung: Das funktionierende operative Geschäft soll in einem neuen Unternehmen ohne die erdrückende Schuldenlast fortgeführt werden. Dafür sucht er einen Investor. Der Ballast verbleibt in der alten Unternehmenshülle, einer Art "Bad TMD". Die Zeit wird knapp, denn Ende Februar läuft das Insolvenzgeld aus. Vorher muss noch ein Sozialplan über den Stellenabbau ausgehandelt werden als Voraussetzung für den Einstieg eines Investors. In vier Tagen kommt die Einigung zustande, für die es normalerweise einen Monat braucht. "Man fühlt sich einfach getrieben", erinnert sich Betriebsratschef Dierkes. Immerhin kann er eine zehnmonatige Beschäftigungsgesellschaft für die 260 Betroffenen herausschlagen. In der Personalabteilung ist die Ohnmacht groß. "Da haben andere unseren Job gemacht", sagt Personalleiter Jörg Rehmert. Man habe keine Zeit gehabt, den Mitarbeitern die Gründe für ihr Ausscheiden persönlich darzulegen.

Am 1. März wird das Insolvenzverfahren vom Amtsgericht Köln eröffnet. Im Rahmen des geordneten Bieterverfahrens haben mehr als 80 Interessenten die günstige Gelegenheit genutzt, um einen Blick in die Bücher zu werfen. Unzählige Gespräche und Nachtsitzungen später ist der Kreis seriöser Kandidaten auf weniger als eine Handvoll zusammengeschrumpft. Darunter auch der Private-Equity-Fonds Pamplona aus London. Der Finanzinvestor sucht Anlagemöglichkeiten für ein Volumen von insgesamt 1,3 Milliarden Euro bei guten Nischenanbietern, wie Mitgesellschafter Martin Schwab sagt. Er sei positiv überrascht gewesen, dass Management und Belegschaft ihm gegenüber nicht in der Rolle des Bittstellers aufgetreten sind. "Die hatten ein Problem, das gelöst werden musste", sagte der 34 Jahre alte gebürtige Kanadier mit deutschen Wurzeln. Nachdem ein strategischer Investor sich mit seinen Forderungen verpokert hat, scheint alles auf einen Einstieg von Pamplona hinauszulaufen. Doch die Anspannung unter den Beteiligten auf der Zielgeraden ist hoch. "Bis die Tinte auf dem Vertrag trocken war, hatte ich Angst, dass wir keinen Käufer finden", sagt Dierkes.

Der Investor sitzt im Boot

Am 3. April ist die Tinte trocken. "Finanzinvestor Pamplona übernimmt TMD Friction" lautet die Überschrift der Pressemittelung. Der Einstieg wird vollständig mit Eigenkapital finanziert, über den Kaufpreis ist Stillschweigen vereinbart. Alle Werke und 90 Prozent der deutschen Arbeitsplätze werden erhalten. Dem alten und "exzellenten" Management spricht Schwab das Vertrauen für die Zukunft aus. Insolvenzverwalter Kebekus geht davon aus, dass TMD in die Erfolgsspur zurückfinden kann. "Wir konnten uns die Farbe der Postkutsche nicht aussuchen", kommentiert Betriebsrat Dierkes in Anspielung auf mangelnde Alternativen. Der Betriebsübergang nach Paragraph 613a des Bürgerlichen Gesetzbuches und damit die letzte Etappe des Umstrukturierungsprozesses wird vorbereitet.

Am 24. April wird die Übernahme abgeschlossen. Damit ist die Häutung von TMD vollendet. Entstanden ist ein neues Unternehmen, das unter dem alten Namen und mit den eingeführten Marken weiterhin am Markt auftreten kann - und das erstmals schuldenfrei. "Mit der sauberen Bilanz gewinnen wir viele neue Plattformen hinzu", schwärmt Investor Schwab, der vor allem in Asien und Amerika viel Potential erkennt. Abgestreift ist die alte Unternehmenshülle, in der sich auf der Habenseite die vom Investor nicht übernommenen Vermögenswerte sowie die Kaufsumme befinden. Aus dieser Insolvenzmasse wird Kebekus nun die Ansprüche der Gläubiger befriedigen. Eine solche Liquidierung kann Jahre dauern, weil jede Forderung, von der Putzfrau bis zum Großlieferanten, geprüft werden muss. Im Durchschnitt werden nicht einmal 5 Prozent der Ansprüche bedient.

Neustart ins Ungewisse

TMD Friction war eines von etwa 30 000 Unternehmen in Deutschland, das im vergangenen Jahr einen Insolvenzantrag stellte. Das war statistisch betrachtet alle 20 Minuten eines. Der Stellenabbau wäre wegen der Umsatzrückgänge auch ohne Insolvenz unausweichlich gewesen, sagt Personalchef Rehmert. Niemand wisse, ob die Einsparungen für die Zukunft ausreichten, vor allem, wenn die Abwrackprämie auslaufe. "Die Glaskugel hat keiner von uns", sagt Rehmert, aber die Insolvenz habe allen Beteiligten die Chance auf einen neuen Anfang ermöglicht. Insolvenzverwalter Kebekus ist mit Blick auf das Erreichte stolz. Dass in der politischen Diskussion gegen die Insolvenz Stimmung gemacht wird, hält er deshalb für eine Frechheit. Auch Investor Schwab kommt zu dem Schluss, "dass man in Deutschland pragmatischer mit dem Thema Insolvenz umgehen könnte". Sie sei eine gute Chance, die Bilanz zu bereinigen und sich neu aufzustellen. Zur Dauer des Investments will sich der Finanzmanager nicht äußern. Es könnten durchaus auch mehr als die kolportierten vier bis fünf Jahre werden.

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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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