Herr Baker, was kostet in Ihrer Tauschbörse das Ticket für das Finale der Champions League in München, das ausverkauft ist?
Zwei Tickets für den Oberrang kosten beispielsweise 4720 Euro.
Sie kassieren davon 600 Euro Gebühr. Ist das nicht Wucher?
Wucher? Nein. Viagogo ist ein Marktplatz: Jeder Ticketbesitzer kann dort seine Tickets wieder verkaufen - zu dem Preis, den der Käufer zu zahlen bereit ist.
Wo ist da der Unterschied zum Schwarzmarkt?
Auf dem Schwarzmarkt müssen Sie in irgendwelchen dunklen Ecken zwielichtigen Gestalten vertrauen, wenn es für ein Fußballspiel oder ein Rockkonzert offiziell keine Karten mehr gibt. Sie wissen nicht ob das Ticket echt ist. Sie wissen nicht, ob Sie gleich zusammengeschlagen oder ausgeraubt werden. Bei uns ist alles sicher: Wir registrieren jeden Verkäufer mit seinen Daten und verfolgen den Versand der Tickets. In den seltenen Fällen, dass etwas schiefgeht, erhält der Käufer sein Geld zurück und der Verkäufer wird nicht bezahlt. Das garantieren wir.
Garantieren Sie, dass jedes Ticket Einlass findet? Vor einem Jahr wurden Tausende deutscher Take-That-Fans wegen fremder Namen auf ihren Tickets abgewiesen - alles Tickets von Viagogo.
Das Problem mit dem Take-That-Konzert war, dass der Veranstalter zu jedem Ticket den Personalausweis sehen wollte. Wenn Sie den nicht dabeihatten, wurden Sie auch abgewiesen, wenn Sie Ihr Ticket bei einer offiziellen Vorverkaufsstelle gekauft hatten.
Ein Gericht hatte Viagogo den Weiterverkauf von Take-That-Tickets doch zuvor verboten.
Ich kann nur sagen, dass das ganze System der Veranstalter, die Tickets zu personalisieren, nicht funktioniert hat, auch für Kunden, die nicht bei Viagogo gekauft hatten. Es gab einige wenige Betrugsfälle mit wenigen Take-That-Tickets, und in diesen Fällen haben wir den Kaufpreis erstattet.
Die Veranstalter wollen Viagogo-Tickets nicht. Müssen Ihre Kunden nicht immer damit rechnen am Ende im Regen zu stehen?
Seit ich das Geschäft in Amerika im Jahr 2000 gestartet habe, gibt es interessierte Kreise, die dem Fan den Weiterverkauf von Tickets verbieten wollen - weil die Veranstalter so nicht noch ein zweites Mal verdienen. Aber niemand aus der Musikindustrie, niemand aus dem Sportbereich hat es geschafft, unser Geschäft kaputtzumachen. Wir sind offizieller Ticketpartner der Tour von Madonna geworden. Das zeigt, dass man dem Fan seine Rechte nicht nehmen kann.
Welche Rechte?
Das Recht, das eigene Ticket weiterzuverkaufen. Wenn ich einen Mercedes kaufe und den dann weiterverkaufe, kriegt Mercedes doch auch nicht ein zweites Mal Geld. Auch wenn Mercedes sicherlich nichts dagegen hätte!
Für Madonna werden auf Viagogo Tickets zu über 1000 Euro angeboten - obwohl die Konzerte nicht ausverkauft waren und der offizielle Preis bei einem Zehntel lag. Ist das in Ordnung?
Viagogo ist ein Marktplatz. Auf ihm regieren Angebot und Nachfrage. Wenn ich darauf Tickets verkaufe, kann ich jeden irren Preis fordern - die Frage ist doch nur, ob mir dafür irgendjemand die Dinger abnimmt. Es ist doch vielmehr so: Der Marktmechanismus drückt irre Preise von selbst: Es steht Ihnen frei, Ihren alten gebrauchten Mercedes statt für 50 000 Euro für eine Million zu annoncieren - aber niemand wird ihn kaufen.
Warum auch, es gibt genug Mercedes-Händler mit Neuwagen. Wer „Madonna“ und „Tickets“ googelt, landet bei Viagogo - und denkt, Ihre Preise wären die offiziellen. Keine Irreführung?
Das Problem bei Google ist doch vielmehr: Jeder, der Lust hat, kann dort auf eine täuschend echte Website verlinken und den Leuten falsche Madonna-Tickets andrehen. Deshalb müssen wir unser Portal mit den echten Madonna-Tickets auf Google angemessen präsentieren. Und dann ist es doch so, dass in Deutschland der offizielle Ticketverkauf über die üblichen Veranstalter organisiert wird, zum Beispiel über Eventim. Da müssen die Leute nur drauf gehen oder direkt auf die Internetseite des Künstlers.
Alles kein Problem?
Ja. Wissen Sie: Als wir 2007 nach Deutschland gekommen sind, gab es Leute, die behauptet haben, die Deutschen würden das System des Wiederverkaufs von Tickets niemals akzeptieren. Und es gab Leute, die behauptet haben, ich als Amerikaner könnte mich niemals gegen Ebay und gegen Eventim durchsetzen. Tja, und heute sind wir hundertmal so groß wie damals. Die Menschen haben schon immer Tickets weiterverkauft, seit den Gladiatorenkämpfen im alten Rom, und das wird sich nie ändern.
Wie viel Umsatz machen Sie denn?
Das sagen wir nicht. Aber wir verkaufen jedes Jahr in Europa Tickets mit einem Gesamtwert von bis zu einer halben Milliarde Euro. Deutschland und Großbritannien spielen mit Abstand am meisten ein.
Was verdient Viagogo daran?
Wir nehmen vom Käufer eine Gebühr von 15 Prozent der Kaufsumme, vom Verkäufer 10 Prozent.
In der Konsequenz forcieren Sie hohe Preise?
Keine Frage: Natürlich sind wir an möglichst hohen Ticketpreisen interessiert. Das Problem ist nur: Sind sie zu hoch, kauft sie niemand. Deshalb bin ich am Stärksten daran interessiert, möglichst viele Tickets zu verkaufen - zu einem Preis, der Angebot und Nachfrage ausgleicht.
Eine britische TV-Reportage behauptet, genau deshalb kauften Ihre Angestellten haufenweise offizielle Tickets vom Markt weg, um das Angebot zu verknappen.
Was wir traditionell tun, ist folgendes: Wir kaufen eine kleine Anzahl von Tickets als Reserve auf - damit der Käufer auf jeden Fall zu seiner Eintrittskarte kommt, falls die erste in der Post hängen geblieben ist.
Wie oft kommt das vor?
In weniger als einem Prozent der Fälle.
Der britische Journalist, der sich unter falschem Namen unter die Viagogo-Angestellten mischte, berichtet von Tausenden aufgekauften Tickets.
Das betraf Fälle, in denen wir mit Künstlern offiziell zusammenarbeiten und auch Erstverkäufer der Tickets sind. In solchen Fällen erhalten wir natürlich größere Mengen.
Der Reporter zeigte, dass Viagogo-Mitarbeiter verschiedene Namen und verschiedene Kreditkarten benutzen, um Tickets aufzukaufen. Alles legal?
Wir haben in der Vergangenheit eine geringe Anzahl von Tickets als Reserve gekauft, um unsere Garantie einzuhalten. Für einige Events bekommen wir Tickets direkt von den Veranstaltern. Zu den genauen Vertragskonditionen darf ich leider keine Auskunft geben.
Verzerren professionelle Kartenhändler mit Massenkäufen nicht die Preise?
90 Prozent der Verkäufer auf unserer Internetseite verkaufen weniger als zehn Tickets. Nur zehn Prozent der Händler verkaufen mehr. Was für uns am wichtigsten ist: Wir garantieren, dass 100 Prozent der angebotenen Tickets echt sind und beim Käufer sicher ankommen.
Trotzdem dürfen Sie offiziell nur die Fußballtickets von Bayern München und Kaiserslautern verkaufen. Die anderen Vereine wollen ihre Fans vor den hohen Preisen bei Viagogo schützen?
Aber Viagogo ändert doch nicht den offiziellen Preis am Kartenschalter. Wenn 500 000 Menschen in die Allianz-Arena zum Champions-League-Finale wollen, aber nur 70 000 hineinpassen, was machen Sie dann? Bevor es Viagogo gab, hatten Sie zwei Möglichkeiten: Zu Hause bleiben oder bei einem Fremden im Biergarten kaufen. Wir sagen nur: Wer seine Karte selbst nicht nutzen kann, soll sie auf unsere Internetseite stellen - dort ist es immer noch billiger als auf dem Schwarzmarkt.
Warum dann der Widerstand von Vereinen wie dem HSV?
Wir müssen unser Modell eben mehr erklären. Wenn die Vereine sehen, dass wir beständig sind und dass unser Modell funktioniert, werden wir sie überzeugen können. Ich denke, bis zum Ende des Jahres werden wir in der Bundesliga mit mindestens zwei weiteren Vereinen offiziell kooperieren.
Fürchten Sie nicht, Politiker könnten Viagogo verbieten?
In Großbritannien hat das Parlament sich bereits einige Male mit dem Weiterverkauf von Tickets beschäftigt. Warum haben sie es dann doch nicht verboten?
Weil sich die Labour-Politiker nicht durchgesetzt haben?
Weil es keinen Sinn macht, einem Kartenbesitzer den Weiterverkauf zu untersagen - der würde sein Ticket stattdessen doch auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Die Folge: Die Preise steigen, der Betrug nimmt zu. Die Deutschen sind doch intelligente, logisch denkende, verantwortungsvolle Menschen. Ich bin sicher, sie werden das verstehen.
Das Gespräch führte Hendrik Ankenbrand.
Der Zweitmarkt Viagogo In der Internetbörse Viagogo verkaufen Besitzer ihre Tickets für ausverkaufte Popkonzerte und Fußballspiele weiter - nicht selten für Tausende von Euro. Ein Viertel der Summe streicht Viagogo ein. Das seien Schwarzmarkt-Methoden, werfen Kritiker Viagogo-Chef Eric Baker vor. Der Amerikaner hat die Plattform 2006 gegründet und kooperiert mit Bayern München und Kaiserslautern. Baker muss sich oft verteidigen: Als Tausende von Viagogo-Kunden im Sommer 2011 mit ihren Tickets nicht ins Take-That-Konzert kamen; und zuletzt gegen einen verdeckt recherchierenden britischen Reporter, der Viagogo vorwarf, selbst große Mengen an Karten anzubieten.
