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Thyssen-Krupp zieht nach Essen : Der letzte Triumph des Berthold Beitz

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Berthold Beitz, 1913 in Vorpommern geboren, ist Vorsitzender der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung Bild: Barbara Klemm

Krupp kehrt heim nach Essen. Die Konzernzentrale bezieht ein neues Quartier. Damit schließt sich symbolisch ein historischer Kreis für die Firma, über der seit 1953 ein Mann thront: Der 96 Jahre alte Berthold Beitz.

          Die Symbolkraft von Ereignissen verrät oft mehr über historische Zäsuren als gelehrte Bibliotheken. Und manche Menschen verkörpern sie in einer Weise, die es leicht macht, sie nachzuvollziehen. Es ist diese Konstellation, die aus der Eröffnung des neuen Hauptquartiers der Thyssen-Krupp AG durch Berthold Beitz etwas Besonderes macht.

          Fast könnte man meinen, die Rückkehr des größten deutschen Stahl- und Technologiekonzerns zu seinen historischen Wurzeln in Essen-Altendorf sei als Clou der vielschichtigen Präsentation der europäischen Kulturhauptstadt gedacht. Jedenfalls wäre die Wiedergeburt der Konzernzentrale an genau der Stelle, wo Alfred Krupp vor 192 Jahren seine Gussstahlfabrik errichtet hat, ein guter Anlass, eine der kühnsten Metamorphosen der Wirtschaftskultur zu feiern. Aus der alten Stahlindustrie, deren Denkweise lange Zeit das Bild der deutschen Wirtschaftskultur geprägt hat, erhebt sich etwas Neues, das postmodernen, nachindustriellen Regeln folgt und damit erfolgreich ist. Es ist selten, dass ein Unternehmen diesen Kulturschock überlebt. Wenn sich nun in Essen symbolisch ein historischer Kreis schließt, muss dies Ausdruck einer besonderen Leistung sein. Sie verkörpert sich in dem 96-jährigen Berthold Beitz, der seit 1953 an der Spitze des Krupp-Konzerns stand und als Vorsitzender der Krupp Stiftung nach wie vor auch den Kurs von Thyssen-Krupp prägt.

          Unter den Unternehmern, die zu Ikonen des Wirtschaftswunders geworden sind, nimmt Berthold Beitz in vieler Hinsicht eine Sonderstellung ein. Er gehörte nicht zu den Repräsentanten des alten Establishments, die nach 1945 mit wenigen Ausnahmen in leitenden Funktionen geblieben waren. Obwohl er ebenfalls mit beiden Beinen im Sumpf der Kriegswirtschaft steckte, ist er darin nicht untergegangen. Opportunismus, dessen Gift den Charakter seiner Generation von Wirtschaftsführern zersetzte, war ihm fremd. Im Gegenteil: Er nutzte seine Tätigkeit, um möglichst vielen Zwangsarbeitern das Überleben zu ermöglichen - eine Haltung, von der er wenig Aufhebens machte, die aber nach und nach von allen gewürdigt wurde. Er gehört deshalb zu den wenigen Managern, die nach 1945 den Neuanfang der deutschen Wirtschaft glaubhaft verkörpern konnten.

          Beitz intensivierte, teils im Alleingang für die Deutsche Wirtschaft, den Osthandel, hier 1963 mit dem russischen Staatschef Nikita Chruschtschow

          Sein Aufstieg vom kaufmännischen Leiter eines Rüstungsbetriebes, der im besetzten Ostgalizien nach Öl bohrte, zum Generaldirektor der Hamburger Iduna-Germania Versicherung ließ schon ahnen, dass er seine Befähigung zum Wirtschaftskapitän nicht der fachlichen Ochsentour des Managements, sondern vor allem den persönlichen Qualitäten verdankte. Beitz besitzt die seltene Fähigkeit, unter Unsicherheit richtige Entscheidungen zu treffen, und verfügt über Charisma, das ihm hohe Durchsetzungsfähigkeit verleiht.

          Als Alfried Krupp von Bohlen und Halbach den gerade vierzigjährigen Beitz 1953 zu seinem Generalbevollmächtigten berief, machte er ihn zum Herrscher über Deutschlands weltweit bekanntestes und zeitweise auch größtes Industrieunternehmen. Die Kunst, als Unternehmer richtige Entscheidungen zu treffen, lag während der langen fünfziger Jahre in der gleichzeitigen Bewältigung kurz- und langfristiger Herausforderungen. Ein Dilemma, das nach Strategien verlangte, die sich zu widersprechen schienen. Einerseits war klar, dass Deutschland zu den Pionieren der nachindustriellen Neuen Wirtschaft gehörte. Deren Erfolg beruhte auf wissenschaftlich fundierter Wertschöpfung und offener Weltmarktorientierung. Auf diesen Entwicklungspfad mussten die Unternehmen zurückkehren.

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