Home
http://www.faz.net/-gqi-77j4p
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Thyssen-Krupp Es ist aus

 ·  Mit Gerhard Cromme ist kein Staat mehr zu machen an Rhein und Ruhr. Berthold Beitz hat ihn verstoßen. Die Rekonstruktion eines Rauswurfs.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (15)
© Dirk Hoppe Gnade verloren. Am 8. März hat Berthold Beitz (links), der Herrscher über Thyssen-Krupp, Aufsichtsratschef Gerhard Cromme verstoßen.

Am Ende tut so ein Sturz immer weh: Je weiter oben er beginnt, desto heftiger der Aufprall. Das sagen die Gesetze der Macht wie der Physik. Gemessen daran, muss das Leiden des Gerhard Cromme, des gestrauchelten Anführers der deutschen Industrie, immens sein.

Schwer zu ermessen nur, was ihn mehr schmerzt: die innere Enttäuschung, zu scheitern nach Jahrzehnten einer grandiosen Karriere - kurz vor deren Krönung, der offiziellen Ausrufung zum Ruhrbaron. Oder aber die feindseligen Reaktionen darauf: die offene Häme und heimliche Freude, mit der sein Abgang von außen quittiert wird. Mitleid gibt es nicht für den Mann, dazu hat er zu viele andere selbst ins Aus befördert. Mitleid gibt es nicht für Verlierer.

Für elf Uhr am Freitagmorgen wurde Gerhard Cromme in die Villa Hügel bestellt, Berthold Beitz, der 99 Jahre alte Patriarch, Vorsitzender des Kuratoriums der Krupp-Stiftung, erwartet ihn zu einem letzten Gespräch. Keine 15 Minuten dauert die Unterredung. Es gibt nichts mehr zu verhandeln, zwischen den Männern ist vorher schon klar: Es ist aus, das Vertrauen ist weg. Cromme muss gehen.

Der Ruhm ist verblichen

Keine Stunde später tickert die Nachricht über die Agenturen: Cromme tritt zurück. Er lege sein „Amt als Aufsichtsratsvorsitzender der Thyssen-Krupp AG nieder“, meldet der Konzern um 12.38 Uhr offiziell. Sofort reagiert die Börse, wie beflügelt schießt der Kurs nach oben. Die Investoren feiern Crommes Abschied. Am Abend ist die Aktie Tagessieger: Plus sechs Prozent. Höchststrafe für einen Manager, der abtritt.

Verblichen ist Crommes Ruhm, der frankophile Hüne und promovierte Volkswirt hatte einst die Schwerindustrie im Ruhrgebiet zerlegt und neu zusammengefügt und so ihr Überleben gesichert. Im Ergebnis entstand ein Gebilde namens Thyssen-Krupp, 170000 Mitarbeiter, 47 Milliarden Euro Umsatz - und seit Monaten in schweren Turbulenzen, erschüttert durch Skandale, Kartellstrafen und Milliardenverluste. Zum Gesicht der Misere wird Gerhard Cromme, der als Aufsichtsratsvorsitzender die Dinge geschehen ließ.

Mit ihm ist kein Staat mehr zu machen an Rhein und Ruhr. Und nicht nur dort: Selbst in München, bei Siemens, seinem zweiten Betätigungsfeld, wird er angezählt.

Das ist bitter für Cromme, der alles auf seinem Weg dem Ziel untergeordnet hat, Ruhrbaron zu werden, eines Tages Berthold Beitz zu beerben, den Mann, der die Villa Hügel regiert, seit sechs Jahrzehnten in Diensten des Konzerns, der einst den Nachfahren Krupps die Macht im Konzern entrissen hat.

Beitz war es, von dem Cromme sich die Macht nur geliehen hatte: Der Patron ist, die Anteile der Stiftung im Rücken, der Eigentümer von Thyssen-Krupp, Cromme nur der erste Angestellte. Sein ganzer Einfluss, seine Position hing stets an dem Vertrauensverhältnis zu Beitz. Nach ihm hatte er sich zu richten. Und so ist die Rekonstruktion seines Abstiegs die Geschichte einer Entfremdung zweier Männer. Als der Wind gegen Cromme schärfer wurde, entschuldigte er sein Tun auch mit dem Hinweis auf die Villa Hügel: Hätte er tun können, wie er hätte wollen, hätte er früher durchgegriffen, sollte das heißen. Er konnte Leute - namentlich seinen Gegenspieler Ekkehard Schulz, der die desaströsen Stahlwerke in Amerika baute - nicht rauswerfen, solange dieser einen Rest an Kredit in der Villa Hügel besaß.

Erst Anfang Dezember hat Cromme den halben Vorstand vor die Tür gesetzt. Ein Befreiungsschlag? Nein: Die Treppe müsse von oben gekehrt werden, hieß es nun, Cromme sei nicht länger zu halten. Ein Neuanfang muss her! Schließlich war Cromme immer mit dabei in den Zeiten, in denen Kartelle geschmiedet, Luxusreisen auf Firmenkosten gebucht und ruinöse Stahlwerke gebaut wurden: erst als Chef, später als Aufsichtsratschef. Und einen Aufseher, der zu wenig sieht, den wollen die Anteilseigner nicht.

Ein neuer Mann der Zukunft

Die Sehnsucht nach einem Aufbruch ist offenbar so überwältigend, dass nun der 66 Jahre alte Ulrich Lehner, der Cromme nachfolgen soll als Aufsichtsratsvorsitzender, als Mann der Zukunft verkauft wird. Gewiss, Lehner, ehemals Chef von Henkel, ist ein honoriger Manager. Er sitzt aber auch seit fünf Jahren im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp; von einem Protest gegen die Fehlentwicklungen dort ist nichts überliefert. Wohl aber erregte er in der Schweiz jüngst Aufsehen, als er - in seiner Funktion als Novartis-Verwaltungsrat - dem Top-Manager Daniel Vasella zum Abschied 59 Millionen Euro zuschanzen wollte.

Nun ist Lehner der neue Favorit des Berthold Beitz, und Cromme Geschichte, aller Funktionen verlustig. Noch im Dezember sah es anders aus: „Cromme bleibt“, hatte Beitz gebrummt. Als alle riefen, der Mann müsse gehen, auf der Hauptversammlung am 18. Januar, da saßen die beiden noch einvernehmlich auf dem Podium. Cromme als Aufsichtsratschef, Beitz als Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats. Mochten die anderen Großaktionäre auch gegen Cromme stimmen, mit den 25,3 Prozent Stimmanteilen der Alfried Krupp zu Bohlen und Halbach Stiftung im Hintergrund schien Crommes Position im Aufsichtsrat sicher. So wies er jeden Gedanken an einen Rücktritt zurück, ließ stur die demütigenden Abstimmungen über sich ergehen.

Dass Beitz so lange zu ihm hielt, hat seine Gründe. Zum einen das fortgeschrittene Alter des Patriarchen. Mit 99 Jahren - im September wird er 100 - schwinden die Kräfte - auch die Kräfte dafür, einen neuen Nachfolger zu finden. Zum anderen aber auch der Fakt, dass Beitz selbst ähnlich viel wusste wie Cromme. Als Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats genießt er das Recht, die Aufsichtsratssitzungen zu besuchen, was er auch regelmäßig tut. Wenn Cromme sehr lange nichts gesehen hat von den Problemen, in die der Konzern schlitterte, dann muss man sagen: Beitz aber auch nicht.

Doch irgendwann hat auch Beitz begriffen, dass Cromme nicht zu halten ist. Spätestens auf der Hauptversammlung im Januar, vielleicht auch schon ein wenig früher. Genaueres weiß man nicht, denn die Villa Hügel ist ein verschwiegenes Imperium, das Beitz regiert wie ein König. Im Gästehaus gleich neben der Villa geht der Ruhrbaron immer noch täglich ab 9 Uhr bis mittags seinen Amtsgeschäften nach, was bedeutet: Er spricht mit seinen Getreuen. Denn - das sagte er schon in den 50er Jahren - „Ich lese nichts“.

„Der Gescheiterte“

Umso wichtiger ist der Hofstaat, den er um sich versammelt hat. Viele kennt er seit langer Zeit und hat sie dazu erzogen, die Öffentlichkeit zu scheuen. Kersten von Schenck, 61 Jahre alt, ist so einer. Er ist Anwalt, aber vor allem der Sohn des verstorbenen Krupp-Testamentsvollstreckers Dedo von Schenck und sitzt vielen Jahren in der Stiftung, seit 2004 auch im Aufsichtsrat von Thyssen Krupp. Beitz’ Tochter Susanne Henle ist eine weitere Getreue, ebenfalls im Kuratorium. Dazu kommen die drei Männer, die mit Beitz den Stiftungsvorstand bilden. Für sie ist er eine Vaterfigur, ein gestrenger Vater allerdings, der Wert auf Pünktlichkeit, Manieren und unbedingte Treue legt.

Mit ihnen hat Beitz sich vielleicht besprochen. Von Gerhard Cromme aber, der auch einmal dazugehörte zu diesem Zirkel, rückte er ab. Schon im Januar hieß es: Andere empfängt Beitz öfter. Und Cromme konnte die Entfremdung nicht verhindern. Da half es nichts, dass er höchstpersönlich den tonangebenden Wirtschaftsleuten hinterhertelefoniert, bis in Sitzungen und Flugzeuge. Er wollte mit Gewalt die Meinung drehen, um Beitz’ Gunst zu behalten.

Vergebens. Wann Cromme einsah, dass all seine Bemühungen nichts nützen, die Zeit abläuft? Dass Berthold Beitz ihn verstößt? Man weiß es nicht. Cromme redet nicht. Sicher ist, vor dem Rauswurf ließ Beitz noch einmal Gnade walten. Seinen 70. Geburtstag am 25. Februar ließ er Cromme im Amt überstehen, so wie der es sich wünschte. Die Würdigungen sollten nicht unter der Überschrift „Der Gescheiterte“ stehen. Gerade noch elf Tage länger reichte die Geduld von Berthold Beitz. Dann: Gnade verloren.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Deutscher Bus-Club

Von Henning Peitsmeier

Der ADAC will im Markt für Busverbindungen auf Anhieb einen Anteil von einem Drittel. Leisten kann er sich einen möglichen Flop allemal. Denn gut 18 Millionen Autofahrer zahlen mehr als 1 Milliarde Euro Beiträge im Jahr. Mehr 1


Wichtigste Werte
Name Kurs Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --