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Thyssen-Krupp Der Hügel bebt

In den vergangenen Jahren ist bei Thyssen-Krupp vieles schief gelaufen. Für den Stahlriesen ist der „Rücktritt“ des Aufsichtsrats Gerhard Cromme eine gute Nachricht. Eine Analyse.

© dpa Vergrößern Die Villa Hügel ist der Sitz der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, des Großaktionärs von Thyssen-Krupp.

Bis Donnerstag war er der einflussreichste Aufsichtsrat in Deutschland. Nun ist Gerhard Cromme entthront. Fast drei Jahrzehnte hat er mit teilweise waghalsigen Manövern im Sinne des Stifters Alfried Krupp von Bohlen und Halbach maßgeblich den Untergang des Krupp-Konzerns verhindert. Der umtriebige, ideenreiche und unkonventionelle Manager Cromme ist jahrelang durch Dick und Dünn gegangen mit Berthold Beitz, dem allmächtigen Vorsitzenden der Krupp-Stiftung in der Essener Villa Hügel. Aber in den vergangenen Jahren ist bei Thyssen-Krupp unter Crommes Aufsicht dann vieles schief gelaufen.

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Der von desaströsen Fehlinvestitionen in amerikanische Stahlwerke ausgehöhlte Konzern erlebt die schwärzesten Stunden seit der Fusion von Thyssen und Krupp im Jahr 1999. Genauso bedrohlich ist ein von Seilschaften und Eigeninteressen geprägter Führungsstil, der Kartellverstöße und Korruptionsskandale eher verdeckte als sanktionierte.

Am Ende hat auch Berthold Beitz seinem langjährigen Frontkämpfer das Vertrauen entzogen. Gesichtswahrend haben sich der Vorsitzende der Stiftung und Cromme auf eine einvernehmliche Trennung verständigt. Damit zerplatzt Crommes Lebenstraum von der Beitz-Nachfolge.

Beitz handelt ohne Rücksicht im Sinne des Unternehmens

Es war eine überfällige Entscheidung. Aber Beitz hat nach dem Rausschmiss von drei der sechs Vorstände im vergangenen Dezember zunächst die Weichen für die Zeit nach Cromme neu gestellt. Nach der Zusage, dass der von Cromme bei Siemens abgeworbene Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger auch unter einem neuen Chefaufseher die komplette Neuausrichtung von Thyssen-Krupp fortsetzen wird, wurde Cromme ins Aus komplimentiert.

Nur Monate vor Vollendung des hundertsten Lebensjahres blieb Beitz damit seiner Linie treu: Ohne Rücksicht auf langjährige enge Verbindungen handelt er im Sinne des Unternehmens. So nützlich der kreative Stratege Cromme lange für Krupp war - sein selbstherrlicher Stil wurde zuletzt zur Belastung.

Während der Konzern immer tiefer in die Krise trudelte, brachte der vermeintliche Kronprinz mit seiner persönlichen Krisenresistenz allmählich fast die gesamte wirtschaftliche Führungselite gegen sich auf. Selbst im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp und im Stiftungskuratorium, wo er stellvertretender Vorsitzender ist, hatte Cromme keinen geschlossenen Rückhalt mehr. Er war für die dringliche Neuaufstellung des Konzerns zum Hindernis geworden.

Cromme konnte sich nicht aus der Schusslinie bringen

Niemand außer Cromme selbst glaubte noch daran, dass der Kulturwandel im Unternehmen unter Crommes Aufsicht gelingen könnte. Selbst wenn es weitere radikale Veränderungen im Inneren gegeben hätte, wäre doch in der äußeren Wahrnehmung der Störfaktor Cromme bestehen geblieben.

Zwar hatte er einst selbst in der ursprünglich nach ihm benannten Corporate Governance Kommission der Bundesregierung neue Regeln für Transparenz und gute Unternehmensführung geschaffen. Doch seit damals hat sich der Eindruck verfestigt, dass der einflussreiche Aufseher gern Wasser predigt und Wein trinkt.

Mit dem im Dezember verkündeten Neustart des Konzerns, bei dem drei von Cromme bestellte Vorstände gehen mussten, wollte Cromme anderen die Verantwortung aufbürden, um sich aus der Schusslinie zu retten. Das gelang ihm nicht mehr. Der Ruf nach seinem Rücktritt schwoll zu einem gewaltigen Chor an.

Chancen auf Kulturwandel gestiegen

Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger hat wahrlich alle Hände voll zu tun, um die amerikanischen Standorte ohne weiteren Verluste zu verkaufen, die unter schwierigen Marktbedingungen leidenden europäischen Stahlaktivitäten krisenfest zu machen und die erfolgversprechenderen Arbeitsgebiete wie die Aufzüge oder den Anlagenbau auf höhere Rentabilität zu trimmen.

Der ganze Konzern mit mehr als 150000 Beschäftigten muss in eine neue, dauerhaft tragfähige Struktur gegossen werden. Theoretisch ist nun auch der geeignete Zeitpunkt, um eine neue, leistungs- und erfolgsorientierte Unternehmenskultur zu etablieren. Aber in der Praxis ist die kulturelle Revolution wohl schwieriger als der wirtschaftliche Neubeginn. Die Chancen auf einen Kulturwandel sind mit Crommes Rückzug aber gestiegen.

Pikanterweise ist der gewiefte Stratege und Überlebenskünstler jetzt an einem Instrument gescheitert, mit dem er sich lange unangreifbar wähnte. Anfangs war Cromme von der Hauptversammlung in den Aufsichtsrat gewählt worden, er war damit auch für einen Großaktionär nicht beliebig ersetzbar.

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Aber seit einigen Jahren ist Cromme mit dem von ihm 2007 bei den Aktionären durchgesetzten Entsendungsmandat von der Krupp-Stiftung in das Kontrollgremium berufen. Damit war den anderen Aktionären, die immerhin drei Viertel des Kapitals halten, der Einfluss auf Crommes Mandat verwehrt.

Mit diesem Instrument freilich konnte Berthold Beitz Cromme jetzt von einer Minute auf die andere abberufen. Für das Unternehmen jedenfalls ist dieser „Rücktritt“ die beste Nachricht des Jahres.

Quelle: F.A.Z.

 
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