http://www.faz.net/-gqe-75sbd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 16.01.2013, 17:46 Uhr

Thyssen-Krupp Das Corporate-Governance-Desaster

Thyssen-Krupp lädt an diesem Freitag seine Aktionäre zur Hauptversammlung. Das Unternehmen ist völlig aus der Spur. Drei Vorstände mussten gehen. Nur am Aufsichtsrat und seinem Vorsitzenden Cromme prallen alle Vorwürfe ab.

von , Berlin und , Düsseldorf
© REUTERS Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme: Ist er seiner Kontrollpflicht nicht nachgekommen?

Nie zuvor ist in Deutschland eine andere große Publikumsgesellschaft so stark aus der Spur geraten, dass allein ein völliger Neubeginn dem Konzern wieder zur Normalform verhelfen kann. Thyssen-Krupp mit zuletzt 40 Milliarden Euro Umsatz und 150.000 Arbeitsplätzen steht an diesem Punkt. Das ganze Desaster ist erst im Dezember bei der Vorlage des 5 Milliarden Euro betragenden Rekordverlustes im vergangenen Geschäftsjahr öffentlich geworden. Die Frage nach der Verantwortung wird im Mittelpunkt der Hauptversammlung am Freitag in Bochum stehen.

Joachim Jahn Folgen:

Diverse Vertreter von Finanzunternehmen, Kapitalmarktorganisationen und auch Aktionäre haben im Vorfeld der Hauptversammlung Opposition gegen die von der Verwaltung vorgeschlagene Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat angemeldet. Für den Zorn der geschädigten Aktionäre konkret greifbar sind die Investitionen in zwei neue Stahlstandorte in Amerika. Statt der vom Aufsichtsrat anfangs genehmigten rund 5 Milliarden Euro Investitionen hat der Konzern inzwischen rund 12 Milliarden Euro in die neuen Standorte gesteckt. Aber die Strategie ist gescheitert und zu einem Mühlstein für die Fortentwicklung des Konzerns geworden.

Von den Spitzenkräften, die seinerzeit das Projekt im Vorstand und Aufsichtsrat begleitet haben, ist nur noch der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme. an Bord. So wird nun vor allem ihm in den Gegenanträgen - mehr oder weniger scharf - vorgeworfen, er sei seinen Kontrollpflichten nicht gerecht geworden.

Aktionäre fordern Crommes Rücktritt

Cromme hat in diversen Rechtsgutachten feststellen lassen, dass der Aufsichtsrat die Entwicklung der Investitionen hinterfragt, aber vom Vorstand falsch informiert worden sei. Dessen ungeachtet, fordern Aktionäre, dass Cromme die Gesamtverantwortung übernimmt und zurücktritt. Die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz gibt sich pragmatischer. Sie will durch einen gerichtlich bestellten Sonderprüfer die Milliardenverluste in Amerika und die Verstöße im Unternehmen gegen Kartellrecht und Corporate-Governance-Regeln durchleuchten lassen. Die Schutzvereinigung schlägt die Vertagung der Entlastung des Aufsichtsrates und der drei Vorstände vor, deren Vertrag Ende 2012 vorzeitig aufgelöst wurde. Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Schutzvereinigung, fordert Cromme zu einer konsequenten Aufräumarbeit wie einst beim Schmiergeldskandal bei Siemens auf. „Wenn er aber in einigen Monaten nicht liefert, werden wir über diese Personalie reden müssen“, sagte Tüngler am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa. Oft ist kritisiert worden, dass Gerhard Cromme einst vom Chefposten im Vorstand auf jenen im Aufsichtsrat gewechselt ist. Nach den Buchstaben des Deutschen Corporate-Governance-Kodex war das zwar nicht verboten - dem Geist des freiwilligen Regelwerks entspricht es allerdings auch nicht: und das, obwohl ausgerechnet Cromme jahrelang Vorsitzender der Regierungskommission war, die den Kodex erarbeitet hat.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Stahl in der Krise Krupp-Stiftung erlaubt kompletten Konzernumbau

Europas Stahlbranche steckt in der Krise. Der deutsche Thyssen-Konzern muss entscheiden - sein größter Aktionär gibt ihm nun freie Hand auch für extreme Maßnahmen. Mehr

29.04.2016, 08:33 Uhr | Wirtschaft
Video Trübe Aussichten für die Commerzbank

Für das laufende Jahr hat die Commerzbank ein großes Fragezeichen hinter den erhofften Milliardengewinn gesetzt. Auf seiner letzten Hauptversammlung übte der scheidende Vorstand Martin Blessing abermals Kritik an der Geldpolitik der EZB. Mehr

21.04.2016, 09:04 Uhr | Finanzen
Gescheiterter U-Boot-Auftrag Vielleicht gab es Andeutungen, die wir nicht kennen

Thyssen-Krupp hat einen milliardenschweren U-Boot-Auftrag für Australien verpasst. Woran lag es? Der Konzernchef vermutet technische Gründe, doch anderes ist denkbar. Mehr Von Christoph Hein, Sydney

29.04.2016, 15:44 Uhr | Wirtschaft
Hauptversammlung Daimler blickt trotz Rekordergebnissen vorsichtig in die Zukunft

Mehrere Faktoren hätten das Wachstum von Januar bis März beeinträchtigt, erklärte Daimler-Chef Dieter Zetsche auf der Hauptversammlung in Berlin. Das zweite Halbjahr werde wie in der Vergangenheit jedoch deutlich besser laufen als das erste. Mehr

06.04.2016, 17:06 Uhr | Wirtschaft
Abgasskandal Sind jetzt alle Autofirmen Betrüger?

Fast die ganze Fahrzeugbranche hat beim Abgas getrickst. Aber nur Volkswagen hat betrogen. Dafür sichern sie sich dort jetzt ordentliche Boni. Das hat System. Mehr Von Rainer Hank und Georg Meck

23.04.2016, 19:58 Uhr | Wirtschaft

Der Sieger heißt Cryan

Von Gerald Braunberger

Der Chefaufklärer der Deutschen Bank geht. Thoma wird „zuviel Übereifer“ vorgeworfen. Davon profitiert vor allem der Chef des Geldinstituts, John Cryan. Mehr 2


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Sozialverband für mehr Rente „Wir schaffen mehr Reichtum mit weniger Arbeit“

Gerade die Sozialverbände warnen vor Altersarmut und prangern ein stabiles Rentenniveau an. Einer ihrer Chefs erklärt, wieso das möglich sei trotz der alternden Gesellschaft. Mehr 12 4