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Ehemaliger Spitzenmanager : Das Opfer Thomas Middelhoff

Thomas Middelhoff. Bild: dpa

Der einstige Star-Manager und Arcandor-Chef hat ein Buch über seinen Absturz geschrieben. Darin geht es vor allem um Opfer und Verantwortung. Ein Ko-Autor hätte dem Buch allerdings gutgetan.

          Opfer und Verantwortung: Diese Wörter sind in Thomas Middelhoffs Buch „A 115 – Der Sturz“, das an diesem Donnerstag erscheint, besonders wichtig. Alle, die Justiz, die Bundes- und Landespolitik und die Medien, haben sich gegen ihn verschworen, so steht es zumindest für den einstigen Spitzenmanager fest, der im Herbst 2014 vom Landgericht Essen wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt wurde.

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          Nicht um seine Verantwortung für die Insolvenz von Arcandor/Karstadt sei es in dem Prozess gegangen, schreibt Middelhoff – „wie immer gern behauptet wird“. Tatsächlich – denn letztlich wurden Middelhoff, der von 2004 bis 2009 Vorstandsvorsitzender des Warenhauskonzerns war, „nur“ 485.000 Euro für eine Festschrift und Flugreisen zum Verhängnis. Wären diese Positionen aber auch ohne ihn, den operativ Verantwortlichen, angefallen? Diese offenkundige Frage beantwortet Middelhoff seinen Lesern nicht. Was er sich wünscht, ist, dass sie großes Mitleid mit ihm haben, der in der Haft krank geworden ist.

          Middelhoff grenzt sich von seinen Taten ab. Das trägt zu seiner Aura der Arroganz bei, über die viele berichten, die ihn in den Verhandlungen in Essen erlebt haben. Er selbst beschreibt diesen Zustand in seinem Buch als „imaginäre Mauer“. Sie helfe ihm, emotional stabil zu bleiben. Das Buch stützt sich auf Middelhoffs Aufzeichnungen und Erinnerungen vom 14. November 2014, dem Tag des Strafurteils im Essener Gerichtssaal. Sie sind detailreich und kreativ. Er beschreibt Äußerlichkeiten der Juristen, Vollzugsbeamten und von Mithäftlingen. Und er schreibt ihnen Eigenschaften zu: Jörg Schmitt etwa, der Vorsitzende Richter der Großen Strafkammer, wird von ihm als gewissenloser, über die Stränge schlagender Mann geschildert. Zur Bestätigung wird sein Urteil, das Middelhoff jegliche Hoffnung auf einen Freispruch nimmt, zum zentralen Motiv des Buchs. Überwiegend rückt er sich in der Autobiographie seine Argumente zurecht. Ein Ko-Autor als einordnendes Korrektiv hätte dem Buch gutgetan. Dass der Bundesgerichtshof etwa die Revision gegen das Strafurteil verwirft und damit den gescholtenen Richter Schmitt bestätigt, ist dem Autor nur wenige Zeilen wert.

          Schuld sind die Anderen

          Mehr Platz erhalten seine Anwälte. Aus den Strafverteidigern sticht Sven Thomas heraus, hierzulande einer der Bekanntesten seines Fachs. Er kann Middelhoff nicht beistehen – weil ein anderes prominentes Mandat alle Kapazitäten einfordert: Statt Middelhoff bewahrt er Bernie Ecclestone vor dem Gefängnis. Winfried Holtermüller, Middelhoffs tatsächlicher Strafverteidiger im Essener Prozess, wird dagegen kräftig kritisiert. Die Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Anwalt bezeichnet Middelhoff als „Fehlentscheidung“, die ihn nicht nur über zwei Jahre seines Lebens gekostet, sondern ganz wesentlich zu dem Chaos um seinen Prozess herum beigetragen habe. Letztlich müsse er das verantworten, so Middelhoff, und entlarvt sich selbst: Denn tatsächlich weist er jede Verantwortung von sich, sowohl für das Scheitern bei Arcandor/Karstadt als auch für das Scheitern vor Gericht.

          Nicht mit sich, wohl aber mit den Medien und dem deutschen Strafvollzug geht Middelhoff hart ins Gericht. Den einen bescheinigt er eine unfaire Hetzjagd. Für die anderen stehe nicht etwa die Resozialisierung, sondern das Wegschließen im Mittelpunkt – eine „schmutzige Welt“, von der sich das Bildungsbürgertum abwende. Repressalien unter Mitgefangenen, Drogenhandel, überfordertes Personal, einen Sonderstatus für Deutschlands prominentesten Häftling gibt es nicht. „Deutsche Haftanstalten des geschlossenen Vollzugs sind in der öffentlichen Wahrnehmung wie ein großes schwarzes Loch, in dem vieles verschwindet und aus dem wenig wieder herausdringt“, beklagt Middelhoff – und fordert Reformen.

          Middelhoffs kritische Analyse, die mit jüngsten Forschungsergebnissen einen wissenschaftlichen Anstrich erhält, ist aber zu sehr diejenige eines erfolgreiches Machers: Der staatliche Strafvollzug ist eben keine Industriebranche, in die investiert wird. Es gibt keinen Innovationsdruck, und als Arbeitgeber ist der Justizvollzug ganz gewiss nicht sexy. Das Buch „A 115 – Der Sturz“ wird, anders als vom Autor erhofft, keinen Reformeifer in den Ländern auslösen. Dank seines Namens wird Middelhoff aber Leserschichten erreichen, denen erstmals der Alltag in deutschen Gefängnissen vor Augen geführt wird. Insoweit dürfte der Autor mit seinem Buch zumindest ein Anliegen erreichen. Und was die Medien betrifft, mag der eine oder andere Vorwurf vielleicht zutreffend sein, erhoben wird er aber von einem Manager, der zuvor nicht oft genug im hellen Schein der Öffentlichkeit stehen konnte. Middelhoff schreibt zwar, er habe das in seiner Haft auch selbst erkannt. Er sei „ein Narzisst geworden, dessen Handeln in vielerlei Hinsicht hedonistisch bestimmt gewesen“ sei. Schritt für Schritt habe er sich dabei selbst verloren. „Ich habe mich selbst vergiftet.“ Was aber ist nun Middelhoffs innerer Kern, den er in der Zelle freigelegt hat?

          Der einstige Star-Manager arbeitet einerseits in Bethel mit behinderten Menschen, und das ist etwas, für das er sich wahrlich nicht schämen muss. Andererseits schreibt Middelhoff, er kenne nun die Fallstricke, die Eitelkeit zu knüpfen vermöge – und genau das ist das Problem: Hat Middelhoff diese Eitelkeit beim Schreiben seines Buchs möglicherweise schon wieder erfasst? Man wünschte ihm, es wäre nicht so.

          Quelle: F.A.Z.

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