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Textilwirtschaft Deutsche Jacken aus China für China

 ·  Auch in der Textilwirtschaft entwickelt sich China von der Werkbank der Welt zu einem führenden Absatzmarkt. Deshalb plant ein Bremer Mittelständler hier den Verkauf eigener Jacken.

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Wie die Löcher in den Käse kommen, ist eine alte Frage. Eine neue ist, wie sie in die Hosen kommen. Wer mit der Mode geht, trägt künstlich zerschlissene Jeans, deren Beine ausgeblichen und eingerissen sind. Was Kinder im Knierutsch-Alter mit Leichtigkeit schaffen, kostet Erwachsene einige Mühe. Im chinesischen Werk des Bremer Unternehmens Ospig sind 20 Arbeiter mit nichts anderem beschäftigt, als makellos blaue Beinkleider mit Maschinen so zu malträtieren, dass sie abgewetzt aussehen. Dazu stülpen sie die Jeans über zwei luftgefüllte Schläuche und reiben mit einer elektrischen Rollenbürste die Farbe ab. Zurück bleiben bleiche Streifen und Schleier. Ein Mitarbeiter rauht die Knie und Taschen auf, mit einem Fräskopf, der wie eine kleine Bohrmaschine aussieht.

“Kleidung herzustellen ist sehr arbeitsintensiv, da lässt sich wenig automatisieren“, sagt Hans-Hermann Ahlers, einer der beiden Geschäftsführenden Gesellschafter der Ospig GmbH & Co. KG. „Deshalb produzieren wir in Bangladesch, in Tunesien und eben hier in China.“ Das Unternehmen lebt zu 70 Prozent von Fremdaufträgen. Es beliefert einfache Hersteller, aber auch viele namhafte Marken, darunter Hugo Boss, Polo Ralph Lauren, Diesel. Die 5000 Mitarbeiter in Bangladesch bedienen das Niedrigpreissegment, die 1100 Beschäftigten in Zhongshan westlich von Hongkong stellen die höherwertigen und teuren Kleidungsstücke her.

„China ist kein Billigstandort mehr“

Das hat etwas mit der Qualifikation des Personals zu tun, mit der besseren Anbindung Südchinas an den Weltmarkt und mit dem schlechten Ruf von „Made in Bangladesch“. Aber es liegt auch an den Kosten. „China ist kein Billigstandort mehr“, sagt der zweite Ospig-Eigentümer Peter Jasching. „Unsere Arbeitskosten steigen um 15 bis 20 Prozent im Jahr, und die chinesische Währung wertet immer mehr auf.“ Der Mindestlohn in der Provinz Guangdong (Kanton) beträgt 1300 Yuan im Monat (170 Euro). Doch dafür finde man keine guten Leute, weiß Morley Hui, der Geschäftsführer der Hongkonger Tochtergesellschaft Ospinter, die das Werk betreibt. Deshalb zahlen die Deutschen das Doppelte bis Dreifache.

Rechnet man die Sozialabgaben, das Essen und die Unterkunft der Wanderarbeiter hinzu, dann betragen die Kosten rund 4500 Yuan im Monat (580 Euro). „Das ist so viel wie in Tunesien oder Rumänien“, sagt Jasching, „deutlich mehr als in Bangladesch“. Um die Kosten zu verringern, hat sich Ospinter einiges einfallen lassen. Statt Öl verfeuert die Fabrik heute Restholz. Das stoße weniger Schadstoffe aus, sei regenerativ und kohlendioxidneutral, erläutert Hui. „Vor allem aber hat es unsere Energiekosten um zwei Drittel gesenkt.“ Die Wärme wird in der hauseigenen Wäscherei und Färberei benötigt, wo sich Dutzende riesiger Trommeln drehen. Jede fasst 50 Jeans und mehrere Schippen Bimssteine aus der Türkei. Auch diese dienen dazu, den Stoff abgetragen aussehen zu lassen und geschmeidiger zu machen. „Stone washed“ nennt man das. An einer benachbarten Station knicken Arbeiter künstliche Falten in die Hosen. Die bleiben bestehen, da sie mit einer Art Wachs behandelt und in Öfen ausgehärtet werden. Die „Sendung mit der Maus“ könnte hier interessante Erklärfilme drehen.

Direkt vor den Werkstoren

Die aufwendige Herstellung hat ihren Preis. Gute Jeans oder Chino-Hosen aus Zhongshan kosten im Einzelhandel 100 bis 200 Dollar. Die Fabrik, in die 15 Millionen Dollar geflossen sind, stellt jedes Jahr zwei Millionen Teile her, gut die Hälfte geht in die Vereinigten Staaten. Neuerdings nimmt Ospig einen weiteren großen Markt ins Visier, direkt vor den Werkstoren. „Wir wollen in China nicht nur produzieren, sondern auch unsere Eigenmarken verkaufen“, kündigt Ospig-Geschäftsführer Thomas Köning an. „Die kaufkräftige Mittelschicht wächst hier sehr schnell. Sie hat großes Interesse an europäischem Design und deutscher Qualität.“ Was für die Textilindustrie neu ist, gilt in anderen Branchen schon länger. Deutsche Investitions- oder Konsumgüterhersteller nutzen China nicht mehr nur als billige Werkbank, sondern setzen immer mehr im Land selbst ab. Das verwundert nicht, denn die Mittelschicht unter den 1,3 Milliarden Einwohnern wächst jedes Jahr um 30 Millionen Verbraucher. Das sind mehr Menschen, als in Taiwan leben. Für den deutschen Auto- und Maschinenbau ist China längst der wichtigste Markt.

Im Bekleidungsgewerbe fühlt sich Ospig als Pionier. In einem Jahr soll ein erstes Testgeschäft eröffnet werden, vermutlich in Schanghai. Das Experiment darf bis zu 2 Millionen Dollar kosten. Die Hanseaten lassen sich nicht davon abschrecken, dass ihr erster Versuch gescheitert ist: Im vergangenen Jahr mussten sie ihr Geschäft in Peking nach nur neun Monaten schließen. Der Fehler sei gewesen, dort mit einem Partner angetreten zu sein und Jeans angeboten zu haben, sagt Ahlers. „Der Denim-Markt wird auch in China von den großen Marken wie Levi’s oder Wrangler dominiert, gegen deren Werbekraft kommen wir nicht an.“ So klein ist Ospig freilich gar nicht. Mit 131 Millionen Euro Umsatz gehört es zu den 100 größten Herstellern Europas, in Deutschland rangiert es unter den ersten 40.

Damit es diesmal besser läuft im chinesischen Einzelhandel, hat Ospig die Eigenmarke Paddock’s mit neuem Leben gefüllt. In Deutschland warb man lange mit einem Cowboy-Nimbus, die Jeans trugen ein Hufeisen auf den Taschen. In China soll Paddock’s hingegen modebewusste Geschäftsleute ansprechen, nicht mit Hosen, sondern mit Freizeitjacken. Dafür will man sich ein Edelimage zulegen - mit entsprechenden Preisen. Oberteile, die in Deutschland 200 Euro kosten, könnten in China für 2000 Yuan in die Geschäfte kommen, etwa 260 Euro.

Locken soll die Kunden der Slogan „German Craftsmanship“, deutsche Handwerkskunst. Das ist nicht falsch, denn obgleich die Ware in Zhongshan gefertigt werden wird, stammen das Design und die Qualitätsstandards aus Bremen. Bedenken, dass ihre Kleidung gefälscht werden könnte, haben die Verantwortlichen nicht. „Das heißt dann wenigstens, dass wir eine begehrte Marke sind.“

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.

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