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Textilindustrie Nächste Ausfahrt China

05.09.2005 ·  Die deutsche Textil- und Modeindustrie ist seit langem auf die Globalisierung eingestellt. Bleibt zu hoffen, daß ein Ende des Quotenstreits mit China den Blick nun wieder auf die Chancen der Marktöffnung in den Vordergrund rücken - für die Verbraucher ebenso wie für die vitale Branche.

Von Daniel Schäfer
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Totgesagte leben länger. Diese etwas angestaubte Redewendung paßt auf die deutsche Textil- und Modeindustrie wie ein Hemd vom Maßschneider. Sie hat in den vergangenen Jahrzehnten einen beispiellosen Aderlaß hinnehmen müssen. Von Prominenz und dem Sexappeal der glitzernden Modewelt war keine Spur, wenn überhaupt, dann machte die Branche durch ganz und gar unglamouröse Nachrichten von sich reden. Zahlreiche Traditionsbetriebe sind spurlos verschwunden, die Produktion wurde en masse gen Süden und Osten verlagert und von 900.000 Stellen Anfang der siebziger Jahre blieben bis dato gerade einmal 140.000 übrig.

Mit der zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit entschwand die Branche auch weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung. Doch das Gezerre um die überhastet wiedereingeführten Quoten für chinesische Textilprodukte hat erstmals seit langer Zeit wieder ein Schlaglicht auf diesen Industriezweig geworfen. Und auf dem Laufsteg der medialen und politischen Debatte offenbart sich eine Branche, die trotz riesiger Probleme den Strukturwandel weitaus besser gemeistert hat als die Konkurrenz in vielen anderen europäischen Ländern.

Vorreiterbranche der Globalisierung

Die drastisch gestiegenen Importe aus China nach dem Wegfall des alten Quotenregimes waren keine Überraschung. Schon seit zehn Jahren war bekannt, daß das alte Multifaser-Abkommen Ende 2004 auslaufen und damit für die Vorreiterbranche der Globalisierung eine abermalige Zeitenwende anbrechen würde. Es gehörte mithin nicht viel dazu zu prophezeien, daß die europäischen Hersteller spätestens mit dem Wegfall der Quoten mit ihren hohen Lohnkosten nicht mehr konkurrenzfähig seien würden gegen die zu Spottpreisen angebotenen Waren aus Fernost.

Video: Textilstreit mit China geht weiter

Auf diese ungemütlichen Zeiten des freien Welthandels haben sich die deutschen, aber auch manche französische, belgische und skandinavische Hersteller frühzeitig vorbereitet. Schon vor Jahrzehnten verlagerten die „Nähmaschinennomaden“ der deutschen Bekleidungsindustrie ihre Produktionen schrittweise ins Ausland - zuerst durch die Lohnkonfektionierung und später durch die Verlagerung der gesamten Herstellung an ausländische Fremdfertiger. Was in Deutschland bis heute verblieb, waren Musterfertigung, Design, Vertrieb und Verwaltung. Und die Textilbranche? Die suchte ihr Heil außerhalb des Massengeschäfts in Qualität und technologischem Fortschritt. Mit technischen Textilien für Industriebranchen erwirtschaftet die deutsche Textilbranche heutzutage schon mehr als 40 Prozent des Umsatzes.

Hingegen profitierte die süd- und osteuropäische Textil- und Bekleidungsindustrie lange Zeit von ihrem Ruf als billigem, aber qualitativ akzeptablem Produktionsstandort. Länder wie Polen oder Bulgarien produzieren seit jeher viele Textilien für westeuropäische Hersteller. Sie hatten kaum die Chance, sich auf die noch billigere Konkurrenz aus Asien einzustellen. Ganz anders verhält es sich mit den derzeit am lautesten nach dem alten Quotenregime rufenden südeuropäischen Ländern wie Italien. Dort wurde versäumt, abgesehen von multinationalen Konzernen mit bekannten Marken wie etwa Marzotto, die mittelständisch geprägten Strukturen aufzubrechen und auf größere Einheiten zu setzen, die auch im Ausland produzieren. Dieses Versäumnis erklärt den lauten Aufschrei in diesen Ländern angesichts der Importschwemme aus China.

Zwar kommt auch die deutsche Industrie nicht ganz ungeschoren davon. Hier gibt es ebenfalls noch Unternehmen, die sich vor den rauhen Winden der Globalisierung nicht ausreichend geschützt haben. So sieht sich der traditionsreiche Strumpfhersteller Kunert angesichts der erdrückenden Konkurrenz dazu gezwungen, die Feinstrumpfherstellung einzustellen und die Hälfte der Mitarbeiter zu entlassen. Und die insolvente Aachener Tuchfabrik Becker hat künftig am Stammsitz keine Produktion mehr, sondern nur noch in Ostdeutschland. Damit wird eines der letzten Kapitel in der Ära der deutschen Wollweber geschlossen.

Mittelständler auf dem Sprung nach Asien

Doch das sind lediglich Nachwehen des vor geraumer Zeit vollzogenen Strukturwandels. Die deutschen Hersteller begreifen die Öffnung der Märkte längst mehr als Chance denn als Bedrohung - und sie tun gut daran. Denn China und Indien sind weit mehr als billige Produktionsstandorte und Lieferanten günstiger Vormaterialien. Große Modeunternehmen wie Hugo Boss, Adidas oder Escada sehen das Reich der Mitte als einen weiteren wichtigen Absatzmarkt der Zukunft. Und mit Hilfe der Verbände wagen auch viele Mittelständler den Sprung nach Asien. Denn Millionen Chinesen und Inder verfallen mit zunehmendem Wohlstand auch dem modischem Chic des Westens. Der Markt ist zwar noch sehr klein, doch sind die Steigerungsraten imposant. Im Gegensatz dazu hat sich der für Bekleidung ausgegebene Anteil des privaten Konsums in Deutschland den vergangenen 30 Jahren halbiert, Jahr für Jahr gehen die Umsätze hierzulande zurück. Und für die Hersteller technischer Textilien sind China und Indien bislang keine ernstzunehmende Konkurrenz, sondern ein dankbarer Abnehmer ihrer Produkte.

Mit der Wiedereinführung der Quoten hat Europa seiner Textilindustrie einen Bärendienst erwiesen. Denn auch den süd- und osteuropäischen Ländern verschafft die Verhinderung des Freihandels nur eine kurze Verschnaufpause. Ganz zu schweigen von der stümperhaften Abwicklung, die bestehende Verträge nicht berücksichtigt und nicht nur den Handel, sondern auch so manches Bekleidungsunternehmen in schwere Nöte gebracht hat. Bleibt zu hoffen, daß ein Ende des Quotenstreits den Blick wieder auf die Chancen der Marktöffnung in den Vordergrund rücken - für die Verbraucher ebenso wie für die vitale Branche.

Quelle: F.A.Z., 6. September 2005
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