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Veröffentlicht: 06.10.2012, 08:55 Uhr

Textil-Discounter Alle kaufen bei Primark

Primark verkauft billige Kleidung. Die Schlangen vor den Läden sind lang - obwohl das Unternehmen fast keine Werbung macht. Bisher gibt es nur acht Läden in Deutschland, doch die Firma eröffnet neue - zum Beispiel auf der bevölkerten Einkaufsmeile Zeil.

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© Getty Images Die erste Primark-Filiale in Berlin eröffnete im Juli 2012

Die Schlange wartender Kunden ist gut und gerne 100 Meter lang; sie führt gleich an mehreren Geschäften vorbei. Immer wieder müssen Ordner mit neongelben Signalwesten dafür sorgen, dass die Zugänge zu den anderen Läden frei bleiben. Dabei ist es ein ganz normaler Samstag im Herbst im Frankfurter Vorort-Einkaufszentrum mit dem einfallslosen Namen „Nordwestzentrum“. Damit ist aber immerhin die Lage des Zentrums innerhalb des Stadtgebiets von Frankfurt beschrieben.

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Der Einkaufstempel selbst ist nichts besonderes; hier gibt es die Läden, die es in deutschen Innenstädten und Einkaufszentren überall gibt - aber eben auch dieses eine Geschäft, das zwar nicht neu eröffnet, wohl aber noch immer etwas Besonderes ist und die Massen anzieht. Der Laden ist groß, drinnen gibt es Mode zu günstigen Preisen. Die Marke entwickelt sich zum Kult. Kaum ein Kunde verlässt das Geschäft, der nicht gleich mehrere der braunen Papiertüten mit dem „Primark“-Aufdruck in der Hand hält.

Dem Phänomen Primark etwas genauer auf die Spur zu kommen, ist gar nicht so einfach. Denn das Unternehmen gibt sich verschlossen. Auf der Website findet sich zwar eine längere Historie, aber kein namentlich genannter Ansprechpartner. Unter der angegebenen Telefonnummer meldet sich niemand; eine E-Mail-Anfrage wurde nicht beantwortet.

Zweistellige Wachstumsraten

Doch gibt es viele Fakten, die sich auch so zusammentragen lassen: Mitte September gab es in Deutschland erst acht Primark-Filialen. Die ersten beiden deutschen Geschäfte wurden vor drei Jahren eröffnet, darunter die im Nordwestzentrum in Frankfurt und eine in Bremen, die in Norddeutschland zu einem ähnlichen Anziehungspunkt geworden ist wie die in Hessen. Zwei weitere Geschäfte in Saarbrücken und auf der Frankfurter Einkaufsmeile Zeil eröffnen in den kommenden Monaten.

Hinter dem Mode-Discounter mit den Kampfpreisen steht ein Großunternehmen. Der börsennotierte Mischkonzern ABF plc. mit juristischem Sitz in London verdient sein Geld ansonsten vor allem mit Lebensmitteln (Marken: unter anderem Ovomaltine und Twinings), aber Primark ist inzwischen der wichtigste Gewinnbringer der Gruppe. 1969 in Dublin gegründet, ist die Textilkette heute vor allem in Großbritannien ein Schwergewicht und der zweitgrößte Modehändler des Landes. Außer in Deutschland ist der Preisbrecher mit seinen insgesamt rund 240 Geschäften auch in Spanien, Portugal den Niederlanden und Belgien aktiv.

Die jährlichen Wachstumsraten beim Umsatz sind zweistellig. Aber Primark zählt mit einem Jahreserlös von umgerechnet rund 4 Milliarden Euro bisher nicht zu den Riesen im europäischen Textilhandel. Branchengrößen wie Hennes & Mauritz und Inditex („Zara“) setzen ein Vielfaches um. Selbst die deutsche Kette C&A ist gemessen an den Erlösen fast doppelt so groß. Aus Großbritannien allerdings hat sich C&A im Jahr 2000 zurückgezogen - und Primark erwarb elf seiner Filialen.

Günstig, modisch und keine Werbung

Ende September hat Primark seine erste Filiale in Österreich eröffnet, zunächst in Innsbruck, bevor noch im Oktober Wien auf dem Plan steht. Dort trat dann auch der im deutschen Textileinzelhandel sehr bekannte Mit-Geschäftsführer der hiesigen Landesgesellschaft, Wolfgang Krogmann, vor die Presse und bemühte sich, das ethische Geschäftsgebaren des Konzerns zu beschreiben. Von den 250 neuen Mitarbeitern in Innsbruck kämen 139 aus der Arbeitslosigkeit, sagte Krugmann der „Tiroler Tageszeitung“. Und dadurch, dass Primark von den Anbietern sehr große Mengen abnehme, sinke der Preis automatisch.

Um günstiger als die Konkurrenz zu sein, achte Primark zudem auf eine geringe Gewinnmarge und mache außer vor Eröffnungen keine Werbung. „Wir setzen auf Mundpropaganda und neue Medien wie Facebook.“ Dank moderner Logistiksysteme werden die Filialen zudem mit aktueller Mode beliefert, unmittelbar nachdem diese das Unternehmen erreicht. Die Umsätze im laufenden Geschäftsjahr seien bisher um 17 Prozent gestiegen. In der ersten Hälfte des Geschäftsjahres erwirtschaftete der Konzern 1,98 Milliarden Euro.

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Die Luft im rückläufigen deutschen Textilhandel wird damit noch dünner. Seit Jahrzehnten herrscht dort ein erbarmungsloser Verdrängungswettbewerb. Wachstum geht nur auf Kosten anderer Anbieter. „Unter dem Erfolg von Primark leiden sehr viele Konkurrenten“, sagt Stumpf, allen voran H&M, Zara und C&A. Aber auch die Kunden hochpreisigerer Wettbewerber wie Esprit und Street One gehen zu Primark. Anders als die Konkurrenz setzten die Iren in Deutschland bisher ausschließlich auf sehr große Filialen mit mindestens 7500 Quadratmetern Verkaufsfläche, sagt Stumpf. „Das ist schon das Format eines Warenhauses.“

Auf der Frankfurter Zeil übernimmt Primark die frühere Woolworth-Filiale. Die Größe der Geschäfte bremst allerdings die Expansion, denn geeignete Immobilien sind rar und Genehmigungen für Neubauten auf der grünen Wiese hierzulande kaum zu bekommen. Der Berater Stumpf prophezeit, dass Primark auf längere Sicht in 50 bis 80 deutschen Großstädten vertreten sein werde. Aber das wird wohl noch dauern: „Mehr als fünf Standorte je Jahr in dieser Größe zu eröffnen, ist sehr schwer“, sagt der Handelsexperte.

Krogmann indes wird wissen, was er tut. Denn in den neunziger Jahren war er zunächst Geschäftsführer von Hennes & Mauritz Deutschland. Dort ging es zunächst ebenso allein um Expansion: In sieben Jahren hatte er die Zahl der Filialen auf am Ende 66 Läden gut verdreifacht. Es folgten einige weitere Stationen im Textilhandel, alle mit eher weniger als mehr Fortune. Zuletzt wurde er Chef von Adler, fiel dort aber Sanierungsbemühungen zum Opfer. Bei Primark hat er nun in die Rolle zurückgefunden, mit der er H&M in Deutschland große gemacht hat.

Quelle: F.A.Z.

 

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