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Telemedizin : Der Arzt grüßt per Videoschalte

Das Gründer-Trio der Teleclinic will Ergänzungen zu Arztbesuchen bieten. Bild: Teleclinic

Ein Start-up will die Telemedizin in Deutschland voranbringen – doch es gibt rechtliche Grenzen. Ein Tanz am Rande des Vulkans, denn Diagnosen dürfen nicht gestellt werden.

          Muss ich wegen des Hautausschlags zu einem Arzt? Kann es zu Wechselwirkungen bei meinen Medikamenten kommen? Hat mein Kardiologe die richtige Diagnose gestellt? Wie praktisch wäre es, wenn man wegen solcher Fragen nicht stundenlang in einem Wartezimmer sitzen müsste, sondern kurz einen Arzt anrufen könnte. Ganz so leicht ist das aber nicht, zumindest nicht hierzulande. In der Telemedizin hinkt Deutschland noch immer weit hinter anderen Ländern hinterher.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Das hängt vor allem mit einem Paragraphen der Berufsordnung der Ärzte zusammen, der in Deutschland auch als Fernbehandlungsverbot bekannt ist. Ärzte dürfen demnach Patienten nicht ausschließlich über das Telefon oder eine Videoschalte behandeln, sondern müssen sie auch persönlich untersuchen. Das bedeutet nicht, dass jegliche Beratung per Telefon untersagt ist. Sich eine Zweitmeinung einzuholen oder einen Therapievorschlag noch einmal erklären zu lassen ist möglich. Eine konkrete Diagnose zu stellen hingegen nicht. Daran ändert sich auch nichts dadurch, dass Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) die Online-Videosprechstunde von Juli 2017 an in die vertragsärztliche Versorgung aufnehmen will. So soll die Telemedizin in Deutschland gestärkt werden. Dem Ministerium zufolge soll es dabei aber insbesondere um Nachsorge- und Kontrolltermine gehen.

          „Für die Teleclinic hingegen kann ich von zu Hause aus arbeiten“

          Das ist den Gründern des Münchener Start-ups Teleclinic bewusst. Sie wollen sich nun dennoch in den hochregulierten Gesundheitsbereich vorwagen. Seit kurzem können Patienten sich über die Plattform an sieben Tagen in der Woche von 6 bis 23 Uhr an einen Allgemeinmediziner oder Facharzt vermitteln lassen. Mit dem können sie per Videochat oder Telefon kommunizieren, auch können sie Röntgenaufnahmen oder Fotos hochladen und mit dem Arzt besprechen. „Wir wollen den Arztbesuch nicht ersetzen“, sagt Mitgründerin und Geschäftsführerin Katharina Jünger. „Wir wollen ihn ergänzen.“

          Jünger und ihr Mitgründer und medizinischer Leiter Reinhard Meier, selbst Orthopäde, wissen, dass sie sich an der Grenze des Erlaubten bewegen. „Wir halten uns an die Berufsordnung“, betont Meier. Die Teleclinic verspricht daher keine konkreten Diagnosen, sondern will bei allgemeinen Fragen zu Gesundheit und Prävention beraten, eine ärztliche Zweitmeinung anbieten und Therapien oder Diagnosen erläutern – aber auch bei akuten Notfällen und Beschwerden helfen. Doch wo enden im Gespräch zwischen Arzt und Patient die allgemeinen Hinweise, und wo beginnt die konkrete Beratung? Selbst die für die Auslegung der Berufsordnung zuständige Bundesärztekammer weist darauf hin, dass die Abgrenzung schwierig ist und es dem verantwortlichen Arzt obliegt, dies im Einzelfall zu prüfen. So sollen es auch die bislang 18 Allgemeinmediziner der Teleclinic handhaben, die nach Unternehmensangaben alle mehr als zehn Jahre Berufserfahrung haben. „Unsere Ärzte können gut einschätzen, wie sie sich im konkreten Fall verhalten müssen“, sagt Jünger.

          Eine von ihnen ist Doris Gronow, Internistin und Anästhesistin in Bad Honnef. Sie arbeitet Vollzeit, hauptsächlich als Notärztin. Nun will sie zusätzlich Schichten für die Teleclinic übernehmen. Das Angebot sei gerade dann sinnvoll, wenn jemand aus beruflichen Gründen nicht sofort zum Arzt gehen könne oder im Urlaub sei, sagt sie. Sie selbst könne sich so ein zweites Standbein aufbauen für den Fall, dass sie irgendwann nicht mehr jeden Tag im Rettungswagen sitzen will. „Das ist ja auch sehr anstrengend, für die Teleclinic hingegen kann ich von zu Hause aus arbeiten“, sagt sie.

          Heikle Fragen wie Erektionsstörungen oder Haarausfall

          Patienten zahlen je Beratung 29 Euro, nur für Versicherte der Barmenia werden aktuell die Kosten erstattet. Mitgründerin Jünger ist mit weiteren Krankenkassen im Gespräch. Ihr Ziel ist, dass bis Ende des Jahres zwei oder drei weitere die Kosten für ihre Versicherten übernehmen. Schwieriger sind die Verhandlungen mit den gesetzlichen Krankenversicherungen. Denn um mit ihnen einen Vertrag abzuschließen, müsste die Teleclinic beweisen, dass die Kassen dadurch Kosten sparen – und das kann sie bislang noch nicht. Wissenschaftler der Universität Wuppertal sollen in einem dreimonatigen Pilotprojekt untersuchen, wie das Angebot von den Versicherten der Barmenia angenommen wird. So könnte es leichter werden, weitere Anbieter zu überzeugen.

          Jünger hofft, dass die Telemedizin in Deutschland irgendwann mit anderen Ländern wie England oder der Schweiz mithalten kann. „Wir müssen einfach mal machen, damit sich in diesem Bereich endlich etwas tut“, sagt sie. Die Eidgenossen etwa setzen schon seit 1999 auf das Unternehmen Medgate, das ebenfalls medizinische Beratung per Telefon und Video anbietet. Patienten können dort rund um die Uhr ihre Symptome schildern, Fotos hochladen, mit einem Arzt die Behandlung abklären und sogar ein Rezept bekommen. Für all das zahlen die Krankenkassen. In Deutschland hingegen konnten Interessierte bislang hauptsächlich mit Dr. Ed Erfahrungen sammeln, der von England aus auch für deutsche Patienten eine Beratung anbietet. Allerdings ist Dr. Ed vor allem für heikle Fragen wie Erektionsstörungen oder Haarausfall bekannt und vielen Ärzten ein Dorn im Auge.

          Die Teleclinic will hingegen Ärzte und Politiker von Anfang an einbinden. Im Rahmen des Exist-Förderprogramms des Bundeswirtschaftsministeriums sowie von einer Reihe privater Investoren konnten die Gründer schon Geld einsammeln, außerdem wurden sie mit dem Bayerischen Innovationspreis Gesundheitstelematik ausgezeichnet. Nun müssen sie nur noch die Patienten von sich überzeugen.

          Quelle: F.A.Z.

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