Home
http://www.faz.net/-gqi-qz3z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Telekommunikation Handy-Telefonate sind bald auch im Flugzeug möglich

08.07.2005 ·  Mobil in 10.000 Meter Höhe zu telefonieren, ist technisch kein Problem mehr und für das Flugzeug ungefährlich. Die Verbindungen herzustellen, wäre ein lukratives Geschäft. Die letzte Ruhezone für Reisende ist in Gefahr.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Über den Wolken ist die Freiheit schon bald nicht mehr grenzenlos. Denn in absehbarer Zeit, vielleicht schon im kommenden Jahr, werden Reisende über ihre Mobiltelefone auch in 10.000 Meter Höhe erreichbar sein.

Damit ist die letzte von vielen Geschäftsreisenden geschätzte Ruhezone in der durch modernste Telekommunikationstechnik vernetzten Welt in Gefahr. Die Fluggesellschaften werden ihre Gäste künftig nur noch bei Start und Landung dazu auffordern, die Handys ausgeschaltet zu lassen.

Eine lukrative Nische

Zu jeder anderen Zeit werden sie an den Gesprächen mitverdienen wollen, so wie es in vielen Flugzeugen schon mit der Nutzung von drahtlosen Internetzugängen geschieht. Denn die Bundesregierung erwägt, mobile Telefonate in Flugzeugen mit Sendestationen zu erlauben. Der Markt ist eine Nische, aber eine lukrative.

"Kleine Mobilfunknetze, zum Beispiel in Flugzeugen, aber auch auf Fähren oder Kreuzfahrtschiffen, sind ein Markt für mehr als 1 Milliarde Gesprächsminuten im Jahr", sagt Helmut an de Meulen, Geschäftsführer des Dortmunder Informationstechnologie-Dienstleisters Materna GmbH.

Zwangspause wird bald beendet

Materna ist schon heute mit sogenannten Mehrwertdiensten für Mobilfunkunternehmen gut im Geschäft und wickelt Monat für Monat den Versand von rund 200 Millionen Kurznachrichten (SMS) und 10 Millionen Multimedianachrichten (MMS) ab. "Und die Chancen für weitere Mehrwertdienste in Mobilfunkzellen außerhalb der Stadt- und Landsphäre sind riesengroß", sagt an de Meulen. Entsprechend interessiert sind die Mobilfunkbetreiber: Alle deutschen Netzbetreiber halten das Thema grundsätzlich für reizvoll.

Auch die internationale Management- und Technologieberatung Booz Allen Hamilton prognostiziert das baldige Ende der Zwangspause für Vieltelefonierer im Flugzeug. "Wir gehen davon aus, daß 2010 allein in Europa ein Gebührenvolumen von 2 Milliarden Euro in Flugzeugen anfällt", heißt es dort. Der schwedische Telekommunikationsausrüster Ericsson hat angekündigt, zum Jahresende 2005 eine adaptierte GSM-Basisstation für mobile Sprachtelefonie in Flugzeugen auf den Markt zu bringen.

Basisstation soll Störungen vermeiden

GSM ist der Funkstandard, mit dem die digitalen Mobilfunknetze in Europa und vielen anderen Ländern der Welt arbeiten. Die Ericsson-Technik ermöglicht es 60 Passagieren gleichzeitig, konventionelle Mobiltelefone zu nutzen, sobald sich das Verkehrsflugzeug auf Reisehöhe befindet. Die Basisstation im Flugzeug bündelt ein- und ausgehende Anrufe und verkürzt die Funkstrecke der Mobiltelefone an Bord auf wenige Meter. Dadurch sollen Störungen der Bordelektronik vermieden werden, die Telefonieren an Bord bisher unmöglich machten.

Daten werden mit sehr geringer Leistung vom Handy an eine Station an Bord gesendet, die Bordstation leitet die Anrufe über Satelliten an die Bodenstationen weiter. Die Flugzeughersteller Airbus und Boeing sind in Tochtergesellschaften, die sich bisher vor allem mit dem drahtlosen Internet im Flugzeug beschäftigt haben, inzwischen auch mit dem Mobilfunkthema befaßt.

Wer betreibt die Funknetze?

Offen ist, wer die Funknetze an Bord betreibt. In Frage kommen dafür Flug- und Mobilfunkgesellschaften ebenso wie Drittanbieter. Diese müßten dann mit den Netzbetreibern sogenannte Roaming-Abkommen, wie sie schon heute bei Handy-Telefonaten im Ausland üblich sind, schließen und die Gebühren abrechnen. Entsprechende Anbieter gibt es schon. Anfang dieses Jahres wurde von Airbus und dem IT-Dienstleister Sita der Serviceprovider Onair ins Leben gerufen.

Im vergangenen Spätsommer wurden in den Vereinigten Staaten und in Europa die ersten zwei technischen Erprobungen unternommen. Sie zeigen, daß die Telefonie am Himmel unter sicherheitsrelevanten Aspekten problemlos ist. Das Bundesverkehrsministerium hat angekündigt, das Handy-Verbot zu überprüfen. Es geht um die Vorschrift "Luft EBV", die den Betrieb von elektrischen Geräten in deutschen Flugzeugen regelt. Zum einen ist die Störanfälligkeit von Flugzeugen durch den möglichen Betrieb von Mobiltelefonen durch die Absicherung der Maschinen nicht mehr vorhanden. Zum anderen muß das Ministerium durch die schnelle Weiterentwicklung der Endgeräte ihre Vorschrift in immer kürzeren Abständen novellieren.

Telefonierverbot hat nicht nur technische Gründe

Doch die Deutsche Lufthansa plant dennoch nicht, in übersehbarer Zeit das Telefonieren an Bord freizugeben, sagte ein Sprecher auf Anfrage. Neben dem verständlichen Kommunikationsbedürfnis von Passagieren müßten auch die Interessen der Fluggäste gewahrt bleiben, die ein Ruhebedürfnis verspürten. Selbst bei einer möglichen Freigabe des Mobiltelefonierens an Bord bliebe es ganz sicher bei Start und Landung bei dem Telefonierverbot. Schon heute gibt es die Möglichkeit der Internettelefonie bei der Lufthansa, die rund 60 Prozent ihrer Langstreckenflugzeuge mit dem Internetangebot "Fly Net" ausgerüstet hat.

Quelle: Kno./noa., F.A.Z., 08.07.2005, Nr. 156 / Seite 14
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 25 40

30.05.2012 16:12 Uhr
  Vortag
Dax 6.300,59 −1,50%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.372,61 −1,55%
Dow Jones 12.446,30 −1,07%
EUR/USD 1,2425 −0,51%
Rohöl Brent Crude 103,94 $ −2,72%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.