01.06.2008 · In der Telekom wird geschnüffelt, beschattet und intrigiert. Und mit den Daten der Kunden ungeniert hantiert. Vorstandschef René Obermann weist jede Schuld von sich und gibt sich als brutalstmöglicher Aufklärer. Ob er die Spitzelaffäre übersteht, ist keineswegs sicher.
Von Georg MeckIst der Schaden erst einmal angerichtet, hilft nur die Flucht nach vorn. Dies haben Manager nach der Skandalserie in ehemaligen deutschen Vorzeigekonzernen begriffen. Also gibt sich Telekom-Chef René Obermann als der brutalstmögliche Aufklärer. Lückenlos werde alles aufgedeckt. Rückhaltlos. Alles komme auf den Tisch.
Schön ist es nicht, was da jetzt offenbar wird: In der Telekom wurde geschnüffelt und beschattet, spioniert und intrigiert. Ehemalige Top-Manager haben sich ehemaliger Stasi-Spione bedient. Zu besichtigen ist der moralische Verfall in einem Staatskonzern, einem ehemaligen Monopolisten, der bis zum heutigen Tag von der Regierung als Großaktionär kontrolliert wird. Das gibt der Sache die Würze. Der Skandal sei "schlimmer als die Spiegel-Affäre", sagen Politiker in Berlin. Von einem Saustall reden sie, der schleunigst ausgemistet gehört.
Wer hat wann von den Spitzeleien gewusst und den Auftrag erteilt?
Als Helfer hat Obermann dazu am Freitag einen ehemaligen Richter am Bundesgerichtshof engagiert. Das verschafft ihm etwas Luft. Ausgestanden hat er die Affäre noch lange nicht. Die entscheidende Frage lautet: Wer hat wann von den Spitzeleien gewusst? Und vor allem: Wer hat den konkreten Auftrag dazu gegeben?
Die ehemaligen Vorsitzenden von Vorstand und Aufsichtsrat, Kai-Uwe Ricke und Klaus Zumwinkel, werden als Verdächtige von der Staatsanwaltschaft geführt, bestreiten aber jeden Vorwurf, die Detektive angeheuert zu haben. René Obermann beruft sich darauf, erst später Amt und Kenntnis erlangt zu haben.
Die Welle an Abscheu und Empörung baut sich auch deswegen so hoch auf, weil die Telekom, zu einem Drittel immer noch volkseigener Betrieb, sich gegenüber Kunden wie Aktionären schon in der Vergangenheit einiges geleistet hat: Die T-Aktie - ein Desaster. Der Service - zum Davonlaufen.
Obermann verordnete der Telekom schon früh die Selbstgeißelung
Als René Obermann vor anderthalb Jahren als Vorstandsvorsitzender angetreten ist, hat er der Telekom die öffentliche Selbstgeißelung verordnet. Man sei zu lahm, zu unfreundlich, kurz: zu schlecht, hat er verkündet und eine Serviceoffensive ausgerufen. Die ersten Früchte begannen gerade zu reifen. Doch nach dem jüngsten Schock sind alle Anstrengungen erst einmal zunichte, bald ein kundenfreundliches Image zu erhalten.
Die Spitzelaffäre hat eine andere Qualität als frühere Skandale, etwa der um die schwarzen Kassen von Siemens. Dort ging es darum, mit Schmiergeldern Aufträge zu ergattern, Milliarden zu verdienen. Der Fall Telekom dreht sich ausnahmsweise nicht um Geld. Es geht um Daten. Und das macht ihn gerade so brisant. Denn die Telekom ist kein gewöhnliches Unternehmen: Wer telefoniert, hinterlässt dort Spuren. Jeder, so wird plötzlich deutlich, könnte ein Opfer von Datenmissbrauch werden.
Das macht den Menschen Angst. Und es macht sie wütend. Längst ist kein Geheimnis, dass die Telekom alle Verbindungsdaten für eigene Zwecke auswertet. Mit dem Wissen, welche Kunden wie lange mit wem telefonieren, errechnet sie ihre Tarife, steuert sie ihr Marketing. Alles völlig legal, ebenso wie die Speicherung der Telefondaten. Die hat die Regierung sogar gesetzlich vorgeschrieben.
Ausgelöst hat den Skandal ein Sechsmannbetrieb in Berlin
Seit Anfang des Jahres müssen alle Verbindungen sechs Monate nachverfolgbar sein (statt wie vorher 90 Tage). Das verschafft dem Konzern mehr Arbeit und mehr Daten. Auch die Nachfragen der Sicherheitsbehörden haben unter dem Eindruck der Terrorgefahren stark zugenommen, berichten Telekom-Manager.
Obermann hat erkannt, welche Katastrophe die Schnüffeleien angerichtet haben. Was die Telekom gemacht habe, sei so, "als würde ein Nahrungsmittelhersteller Gift in Nahrungsmittel geben", schallt es ihm entgegen. Aufgeschreckte Kunden wollen ihren Anschluss bei der Telekom kündigen. Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat den Telekom-Chef für Montag zum Rapport einbestellt. Um die Datensicherheit geht es dabei und darum, was die 120 Beamte des Bundeskriminalamtes bei ihren Razzien in Firmenbüros und Privatwohnungen bisher gefunden haben.
Ausgelöst hat den Skandal ein Sechsmannbetrieb in Berlin, der per Fax von der Telekom die Begleichung ausstehender Rechnungen einforderte. Etwa 400.000 Euro mahnte die Firma an. Ihre Dienstleistung bestand darin, Informationslecks aufzustöbern: Welcher Aufsichtsrat hat wann mit welchem Journalisten telefoniert?
Der rosa Riese hat sich nie aus den Fängen der Politik befreit
Normalerweise wird jene Firma, die sich als Beratungsgesellschaft ausgibt, gerufen, um die Buchführung zu überprüfen und Untreuefälle in Betrieben aufzuklären. Mehr Detektivkunst habe man nicht zu bieten, sagt eine Sprecherin von Network Deutschland GmbH. Kontoabfragen, wie sie die Telekom laut Medienberichten angefordert haben soll, fallen nicht in ihr Metier: "Das können wir nicht. Das haben wir auch nicht gemacht." Bis zum Wochenende hatten die Bonner Staatsanwälte dafür auch keine konkreten Anhaltspunkte.
Die Vorwürfe sind schlimm genug. So reichen die Schnüffeleien nach jetzigem Stand der Ermittlungen zurück bis in die Jahre 2000 bis 2002, damals war eine Firma "Desa Investigation & Risk Protection" für die Telekom aktiv. Das Unternehmen, offenbar von einem Ex-Stasi-Mitarbeiter gegründet, brüstet sich mit "qualifizierten Ermittlern" und der "sofortigen Verfügbarkeit von Kriminal- und Spezialtechnik". Auch das diskrete Einschleusen von Mitarbeitern hat die Firma im Angebot, ihre Auftraggeber sind laut Eigenauskunft vor allem Versicherungen, darunter Adressen wie die Allianz, DBV Winterthur oder R&V. Mit der Deutschen Telekom als Kunden wird die Firma vermutlich nicht werben.
Der rosa Riese aus Bonn ist auch deswegen kein normales Unternehmen, weil er sich nie aus den Fängen der Politik befreit und vom Erbe als Beamtenpost gelöst hat. Noch immer ist die Telekom größer als nötig, träger, schwerfälliger. Außerdem verfolgt ihr Eigner höchst widersprüchliche Interessen. Als Großaktionär dringt die Bundesregierung auf steigende Kurse der T-Aktie. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) hat die Private-Equity-Gesellschaft Blackstone ("Heuschrecke") nicht zuletzt deswegen als Minderheitsaktionär an Bord geholt, um dem Telekom-Management Dampf zu machen.
Obermanns Position schien anfangs unangreifbar
Zugleich freilich bremst die Politik, sobald es unbequem wird, sprich: sobald Belegschaft und Gewerkschaft murren. Die Macht von Verdi bleibt sagenhaft. "Einen starken Grundkonflikt zwischen Kapital und Arbeit" nennen das die Betriebsräte. Der Konzern sei politisch verseucht, sagen Zyniker unter den Telekom-Managern. Karrieren werden noch immer in Berlin entschieden, je nach Großwetterlage und Stimmung der Wähler.
Dabei schien die Position des smarten Aufsteigers Obermann zum Start unangreifbar. Der Manager, groß geworden im Mobilfunk, hatte sich mit Erfolg als Selfmade-Unternehmer und damit als Kontrast zum Beamtenladen Telekom positioniert. Wer, wenn nicht er, sollte den Konzern in moderne Zeiten führen?
Wie alle Dinosaurier der Branche wird die Deutsche Telekom vom technologischen Wandel überrollt. Allmählich kommt ihr, wie auch den Konkurrenten andernorts, das Geschäftsmodell abhanden: Es wird so viel telefoniert und gemailt wie nie, nur lässt sich damit immer weniger Geld verdienen. Der Preis fürs Festnetztelefonat bewegt sich gegen null, daran hat sich der Kunde gewöhnt und wechselt zu Hunderttausenden zu der noch günstigeren Konkurrenz. Wachstum ist dort für Obermann nicht zu holen.
Konkrete Vorwürfe gibt es nicht, wohl aber jede Menge Gerüchte
Auch der Mobilfunkmarkt darf als gesättigt angesehen werden, wenn in Deutschland mehr Handys als Köpfe unterwegs sind. Das drückt auf die Marge. Und in Amerika, in den vergangenen Jahren Wachstumsmotor des Konzerns, schwindet allmählich die Phantasie. Wo sind sie also, die großen Visionen? Das wird Obermann seit Monaten vorgehalten, zuletzt auf der Hauptversammlung - eine laue Veranstaltung im Vergleich zum jetzigen öffentlichen Getöse.
Der heikelste Punkt für den Vorstandschef datiert aus dem Sommer 2007. Als er damals von einer Spitzelei gegenüber einem Journalisten erfahren hat, hat er dem Journalisten dies nicht mitgeteilt, "nach kritischen Gedankenaustausch mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden", wie Obermann sagt. Er entschuldigt sich jetzt mit der angespannten Lage in jenen Streiktagen, in denen auch noch das T-Mobile-Team im Doping-Sumpf versank.
Konkrete Vorwürfe gegen den heutigen Vorstand gibt es bisher nicht, wohl aber jede Menge Gerüchte und Verdächtigungen, wenn etwa angebliche Ex-Manager zitiert werden, die behaupten, Obermann habe von allem gewusst. Eine "Sauerei" nennt das der Telekom-Chef, ziemlich gereizt. Sein Lager wähnt alte Seilschaften am Werk, die sich mit Verleumdungen am Aufklärer Obermann rächen wollen und den neuen Vorstand mit in den Abgrund reißen wollen.
Jeder hat jedem alles zugetraut
Zerbrochen ist jedenfalls das Bild von den guten Freunden, die da jahrelang die Telekom gesteuert haben. Die tiefere Ursache für den Spitzelskandal liegt in jenem brutalen Machtkampf, den sich die damaligen Herren im Vorstand geliefert haben: Walter Raizner, Kai-Uwe Ricke, René Obermann. Eine tief zerstrittene Truppe, in der offenbar jeder jedem alles zugetraut hat.
Auch deswegen hat Ricke angeordnet, "die Löcher zu stopfen", Verräter in den eigenen Reihen zu finden, wer auch immer für die Details dann zuständig war. Wenn René Obermann die Affäre jetzt durchsteht - was keineswegs sicher ist -, dann auch deswegen, weil ihm Rickes Leute misstraut haben, ihn als gefährlichen Rivalen eingestuft hatten.
Das würde erklären, warum der damals schon im Vorstand sitzende Obermann nichts von all den kriminellen Machenschaften erfahren hat: Er wäre wohl zuletzt in die Spitzeleien eingeweiht worden. Die ans Herz gehende Legende, wie Obermann im Herbst 2006 nur unter größten Skrupeln seinen Freund Ricke abgelöst hat, wäre damit endgültig zerstört. Damit kann der Telekom-Chef gewiss leben.
"Jeder hat jedem alles zugetraut!" :-))
Gabor von Zoltan (Putinras)
- 01.06.2008, 15:37 Uhr
Sprachregelung
Kai Schröder (Gaston38)
- 09.06.2008, 20:17 Uhr
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