01.09.2007 · In der Textilbranche ist Klimaschutz und Bio-Baumwolle in Mode. Doch noch immer macht organische Baumwolle schätzungsweise nur 0.1 Prozent der globalen Produktion aus. Naturtextilien bleiben ein Nischenprodukt.
Von Judith LembkeBritta Steilmann war ihrer Zeit voraus. Als die Tochter des Wattenscheider Textil-Patriarchen 2001 antrat, um das väterliche Unternehmen mit einer Kollektion aus Naturtextilien zu sanieren, stieß sie auf ein reges Medieninteresse, aber nicht unbedingt auf Erfolg. Öko-Mode galt als politisch korrekt, aber unschick. Weil das Wort "Naturfaser" eher nach Reformhaus und grober Jute als nach Paris oder Mailand klang, reüssierte das Projekt nicht. Im Jahr 2000 meldete der Naturmode-Versandhandel AlbNatura ebenso wie sein Wettbewerber Panda Insolvenz an. Und das strauchelnde Unternehmen Hess Natur wurde von Neckermann übernommen.
Mittlerweile ist Hess Natur einer der wenigen Erfolgsbringer im Versandhandelsgeschäft von Karstadt Quelle. Das Butzbacher Unternehmen, das sich als Marktführer im deutschsprachigen Raum bezeichnet und im vergangenen Jahr 61,5 Millionen Euro Umsatz machte, wächst kontinuierlich. In Zukunft will es seine Produkte noch stärker über Großstadt-Boutiquen und nicht nur über den eigenen Katalog vertreiben.
Das Engagement lässt sich imagewirksam vermarkten
Zu solch etablierten Anbietern sind neue Marken getreten, deren Auftritt nichts mit dem gängigen Öko-Klischee gemein hat. Wer eines der Geschäfte des Herstellers American Apparel betritt, die in den vergangenen beiden Jahren in deutschen Großstädten eröffnet wurden, vermutet hinter der coolen Anmutung kein Unternehmen, das vor allem aufgrund seiner hohen Sozialstandards bekannt geworden ist. Mit den Slogans „Sweatshop-free“ und „Made in Downtown L.A.“ ist American Apparel zu einem der größten T-Shirt-Hersteller der Vereinigten Staaten geworden. Sie geben dem Verbraucher das Versprechen, dass sein Kleidungsstück in den Vereinigten Staaten und nicht in einer „Schweißbude“ in der Dritten Welt gefertigt wurde.
Der Trend zu ökologisch und sozialverträglicher Mode ist auch den großen Textilunternehmen nicht verborgen geblieben. Motiviert durch den Erfolg der kleineren Öko-Labels, wollen auch die Branchengrößen vom Biotrend in der Textilindustrie profitieren - vor allem, da sich das Engagement auf diesem Feld auch imagewirksam vermarkten lässt.
„Fünf-Punkte-Plan“ für die Umwelt
Mit großem Tamtam hat der spanische Textilhersteller Inditex (Zara, Massimo Dutti) erst kürzlich auf der Hauptversammlung in La Coruña seinen „Fünf-Punkte-Plan“ für die Umwelt vorgestellt. Durch neue Beleuchtungssysteme solle der Energieverbrauch in seinen Läden, der schon um 25 Prozent gesenkt worden ist, weiter sinken. In den kommenden drei Jahren sollen 150.000 Quadratmeter der Fabrikdächer mit Solarzellen ausgerüstet und die Lastwagenflotte auf Bio-Treibstoff umgestellt werden. Außerdem soll den Fahrern in Schulungen beigebracht werden, 7 bis 10 Prozent weniger Sprit zu verbrauchen. Auch mit der Anpflanzung von Bäumen am Firmensitz in Nordspanien will Inditex seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten.
So konkret hat der schwedische Wettbewerber H&M seine Umweltziele bislang nicht formuliert. Zum Thema Transport heißt es bei den Schweden nur schwammig, er solle „sauber und effektiv“ sein und das Klima möglichst wenig belasten. Der Konzern setzt dafür stärker als sein spanischer Wettbewerber auf die Vermarktung ökologischer Mode. Nachdem im Frühjahr eine kleine Kollektion aus Baumwolle aus kontrolliert biologischem Anbau getestet wurde, wird der Modehersteller die Kollektion auf mehr als 100 Stücke ausbauen und im Herbst in die Läden bringen. H&M reagiere damit auf die veränderten Bedürfnisse der Kunden, heißt es. Außerdem wolle das Unternehmen durch die erhöhte Nachfrage auch den Markt für Bio-Baumwolle stimulieren. Der wird immer größer: Die amerikanische Organisation "Organic Exchange" berichtet, dass sich die Umsätze mit Produkten aus Öko-Baumwolle von 2001 bis 2006 von 245 Millionen auf 583 Millionen Euro mehr als verdoppelt hätten.
Gentechnisch veränderte Pflanzen sind nicht erlaubt
Im Gegensatz zum handelsüblichen Rohstoff wird bei Bio-Baumwolle auf den Einsatz von Pestiziden und auf synthetische Düngung verzichtet. Gentechnisch veränderte Pflanzen sind nicht erlaubt; die Ernte erfolgt von Hand und nicht mit einem Entlaubungsmittel. H&M startet damit schon den zweiten Versuch auf dem Feld der Öko-Mode: Die Linien „Eco Cotton“ und „Nature Calling“ stellte er vor einigen Jahren wegen Erfolglosigkeit ein. Unter anderem Puma und die Otto Gruppe gelten unter den großen Bekleidungsunternehmen als Vorreiter in Sachen Öko-Baumwolle. Der Fachzeitschrift „Textilwirtschaft“ sagte der Vorstandsvorsitzende Michael Otto, der Endverbraucher frage verstärkt danach, wie ein T-Shirt produziert werde und ob die Produktion zu Lasten der Umwelt oder der Menschen gehe. Allerdings sei der Käufer auf der anderen Seite auch nicht bereit, mehr für sein T-Shirt zu bezahlen.
Obwohl die Nachfrage nach biologisch angebauter Baumwolle von Jahr zu Jahr stark wächst, ist ihr Anteil auf dem Weltmarkt noch immer sehr gering. Nach Angaben von „Organic Exchange“ wurden im Erntejahr 2004/05 rund 25 000 Tonnen Bio-Baumwolle produziert, was 0,1 Prozent der globalen Baumwollproduktion entspricht. Denn nicht alles, was ein Öko-Label trägt, besteht aus 100 Prozent Naturfaser und wurde umweltfreundlich hergestellt. Die Bio-Etiketten sind ebenso zahlreich wie verschieden, und für den Konsumenten ist Öko-Sein allzu einfach mit Öko-Schein zu verwechseln. „Es gibt Unternehmen, die ihre Produkte damit anpreisen, dass sie aus Baumwolle aus kontrolliert biologischem Anbau besteht, obwohl der Anteil in Wirklichkeit nur 30 Prozent ausmacht“, sagt Heike Scheuer vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN). Nach Ansicht des IVN gilt nur das als Naturtextil, was nicht nur biologisch angebaut, sondern auch ökologisch korrekt weiterverarbeitet wurde, also zum Beispiel ohne chemische Zusätze gefärbt ist. Doch so weit gehen die meisten konventionellen Textilunternehmen nicht. Denn die ökologische Weiterverarbeitung ist weitaus teurer als die herkömmliche. Das Färben mit Naturfarbe kostet etwa 2 Euro pro Kilogramm Textil - der Einsatz von Chemie nur 60 Cent. So haben H&M, Esprit und sogar Wal Mart Kollektionen aus Bio-Baumwolle im Sortiment - Naturtextilien im strengen Sinn sind die Produkte jedoch nicht.
„Die Kleidung wird deutlich teurer“
„Die ökologische Baumwolle alleine treibt den Preis für das Endprodukt nicht in die Höhe. Wenn die gesamte Wertschöpfungskette jedoch umweltgerecht ist, wird die Kleidung deutlich teurer“, sagt Thomas Schneider, Professor für textile Werkstoffe und Produktionsplanung an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Der Preis für ein Kilogramm Baumwolle betrage auf dem Weltmarkt zwischen 1,20 und 1,60 Euro. Eine Bluse wiege etwa 300 bis 500 Gramm, rechnet Schneider vor. „Selbst, wenn die Bio-Baumwolle doppelt so teuer ist, schlägt das kaum auf den Verkaufspreis durch.“ Die Vorteile der Naturfaser gingen in der chemischen Weiterverarbeitung jedoch auch verloren: Denn Schadstoffe, die Allergien beim Konsumenten hervorrufen können, würden dem Produkt erst im Prozess der Aufbereitung zugefügt. „Die Pestizide werden dagegen aufgesprüht, solange die Kapsel noch verschlossen ist, berühren die Baumwolle also gar nicht“, sagt er.
Die Mittel zur Schädlingsbekämpfung gefährdeten somit weniger den Träger des Endprodukts als vielmehr die Arbeiter und das Grundwasser im Anbaugebiet. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass es jedes Jahr 300.000 bis 500.000 Vergiftungsfälle durch Baumwollpestizide gibt. Trotz aller Bedenken bescheinigt Wissenschaftler Schneider den deutschen Textilherstellern, dass sie sich weiterentwickelt hätten und das neue Öko-Bewusstsein nicht bloß grüne Fassade sei. Er führt diese Entwicklung vor allem auf das steigende Umweltbewusstsein der Verbraucher zurück, die heute genauer als früher nachfragten, woher ihre Kleidung stamme. Trotzdem sei Öko-Baumwolle noch immer ein Nischenprodukt. Und dort werden die Naturtextilien vorerst wohl auch bleiben - zumindest solange der Endverbraucher nicht bereit ist, für umweltfreundliche Kleidung auch einen höheren Preis zu zahlen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.372,61 | −1,55% |
| Dow Jones | 12.446,30 | −1,07% |
| EUR/USD | 1,2425 | −0,51% |
| Rohöl Brent Crude | 103,94 $ | −2,72% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
Anonym bewerben? Ist das gut?