Home
http://www.faz.net/-gqi-vdyl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Teil 3: Chemie Das Misstrauen ist nicht ganz verschwunden

20.08.2007 ·  Einst haben Unfälle am Ruf der Chemie-Branche gekrazt. Jetzt betreibt sie Umweltschutz im Eigennutz: Die Anstrengungen von Großkonzernen wie der BASF zeigen Wirkung, überzeugen aber noch nicht alle.

Von Michael Psotta und Michael Roth
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Am Stammsitz der BASF in Ludwigshafen, dem weltgrößten zusammenhängenden Chemieareal der Welt, ziehen schon lange keine gelben Nebel mehr durch die Straßen. Explosionen in der Chemieproduktion sind selten geworden und waren in den letzten Jahrzehnten auf einzelne Anlagen beschränkt. Wenn es wirklich einmal kracht, dann spricht die BASF lieber von Verpuffungen, das klingt nicht so beängstigend. Die Werksfeuerwehr ist jedenfalls eine der am besten ausgestatteten.

Rauch und Dunst hingegen sind noch nicht verbannt. An sonnigen Tagen ist von den nahe liegenden Pfälzer Weinbergen aus deutlich eine Dunstglocke über Ludwigshafen, allerdings auch über der Rheinebene, zu sehen. Es habe sich schon sehr viel getan in Sachen Umweltschutz, heißt es im Umfeld der BASF. „Man riecht und sieht es nicht mehr so wie früher. Ob es weniger geworden ist, weiß man nicht so genau“ ist aber auch zu hören.

Amerikanische Grüne verhinderten Neubau

Die erste große Erfahrung mit dem Umweltschutz machte die BASF in den Vereinigten Staaten. In Florida haben Umweltschützer Mitte der sechziger Jahre den Bau eines Standorts verhindert. Er sollte der Eintritt in den amerikanischen Chemiemarkt und nach Ludwigshafen der erste ausländische Produktionsstandort der BASF überhaupt sein. Statt des Neubaus wurde später ein existierendes Chemieunternehmen mitsamt Fabriken gekauft. In Deutschland war Umweltschutz damals noch weitgehend ein Fremdwort.

Mit Zahlen und Messdaten wird überhäuft, wer heute bei der BASF nach Fortschritten in Sachen Umweltschutz nachfragt. Zwischen 1990 und 2002 wurden die Treibhausgas-Emissionen um 38 Prozent gesenkt, heißt es im Umweltbericht des Konzerns. Bis 2012 sollen auf Basis des Jahres 2002 die Emissionen je Tonne eines Verkaufsprodukts um 10 Prozent sinken. Absolut emittierte die BASF im Chemiegeschäft im vergangenen Jahr 25 Millionen Tonnen Treibhausgase, 2005 waren es 24,8 Millionen Tonnen.

Emissionen luftfremder Stoffe reduziert

Obwohl die Produktionsmengen von 2002 bis 2006 um 15,4 Prozent zulegten, wurden die Emissionen sogenannter luftfremder Stoffe (Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid, Stickoxide, Ammoniak und leichtflüchtige organische Verbindungen) im selben Zeitraum um 42,6 Prozent gesenkt. Die Emission von Schwermetallen legte dagegen von 5 auf 8 Tonnen zu. Als Grund werden Instandhaltungsmaßnahmen in einzelnen Abgasbehandlungssystemen angegeben.

Ob Emissionen in Luft, Wasser oder Boden: Die weit überwiegende Zahl der Grafiken zeigt rückläufige Daten. Ob die BASF in Sachen Umweltschutz in vielen Fällen nur den aktuellen oder drohenden gesetzlichen Vorgaben folgt oder vorbeugt oder ob der bessere Umweltschutz das marketingtaugliche Beiwerk eines aus Kostengesichtspunkten im Vordergrund stehenden effizienten Energie- und Produktionsmanagements ist, lässt sich mit letzter Sicherheit nicht beantworten. Ein wenig wissenschaftlicher Indikator hat sich auf jeden Fall verbessert. Im Rhein bei Ludwigshafen gibt es wieder Fisch, der, gesundheitlich unbedenklich, in örtlichen Restaurants angeboten wird.

„Drei-Liter-Haus“ in Ludwigshafen

Nicht nur bei den Hinterlassenschaften der Chemieproduktion, auch bei den Produkten ist die BASF zwar nicht grün, aber grüner geworden. Das Sortiment reicht von Müllbeuteln und Verpackungen aus biologisch abbaubarem Material bis hin zu Dämmstoffen für Häuserwände. Vor allem die Dämmstoffe liefern Beeindruckendes. Am besten ist das am „Drei-Liter-Haus“ der BASF in Ludwigshafen zu sehen. Nur drei Liter Heizöl je Quadratmeter werden im Jahr benötigt. Das Gebäude ist ein modernisierter Altbau mit neun Wohnungen. Die Heizkosten sinken für die Mieter einer Wohnung von 100 Quadratmetern von jährlich 700 auf weniger als 100 Euro. Energieverbrauch und Kohlendioxid-Ausstoß sind um 80 Prozent niedriger. Möglich wird das durch Neopor, einen neuen Polystyrol-Hartschaumstoff, der zur Wärmedämmung eingesetzt wird.

Bekannt ist die BASF auch für ihre Ökoeffizienz-Analyse, die darauf abstellt, dass ein neues Produkt wirtschaftlich und zugleich umweltschonender gestaltet wird. In der Analyse werden ähnliche Herstellungsverfahren oder Produkte verglichen. Neben den Gesamtkosten werden auch der Ressourcen- und Energieverbrauch, Emissionen in Luft, Wasser und Boden sowie das Gefahrenpotential mit einbezogen. Ein chemisches Hilfsmittel der BASF für Textilfärbereien verhindert beispielsweise, dass sich bereits abgelöste Farbstoffe wieder an Fasern anlagern. Die Zahl der Spülbäder im Färbeprozess wird reduziert, Zeit, Energie und Wasser werden gespart. Ein Betrieb, der wöchentlich rund 165 Tonnen Wäsche färbt, verringert seinen Energieverbrauch nachweislich um 19.000 Liter Heizöl und den Wasserbedarf um 3000 Kubikmeter. Das entspricht dem wöchentlichen Energiebedarf von 500 Einfamilienhäusern und der Füllmenge eines 50-Meter-Schwimmbeckens.

BASF als „Best in Class“ geehrt

Die Verbesserungen in Sachen Umweltschutz finden inzwischen Anklang auch unter professionellen Beobachtern. Zum sechsten Mal in Folge ist die BASF-Aktie in den Dow Jones Sustainability Index aufgenommen worden, den bedeutendsten Nachhaltigkeitsindex. Bestnoten erhielt die BASF unter anderem für die Reduzierung von Emissionen in die Umwelt, Umweltberichterstattung sowie im verantwortlichen Umgang mit Biotechnologie. Im Climate Leadership Index, einer Initiative von Investoren, die sich für die Offenlegung von Treibhausgas-Emissionen von Unternehmen einsetzt, wurde die BASF 2006 zum dritten Mal in Folge als „Best in Class“ geehrt. Mit der Bestnote „Eins plus“ wurde die BASF vom amerikanischen Roberts Environmental Center ausgezeichnet. Der amerikanische Wettbewerber Dow bekam eine „Eins minus“, der deutsche Konkurrent Bayer, auf den in Ludwigshafen immer genau geachtet wird, nur eine „Zwei“.

Damit zeigt sich Weltmarktführer BASF auch bei der ökologischen Erneuerung als Vorreiter. Diese Erneuerung war zur schieren Notwendigkeit geworden, nachdem einige verheerende Chemieunfälle in den vergangenen Jahrzehnten Mensch und Natur geschädigt und das Image der gesamten Branche zerstört hatten. Der bisher schlimmste Chemieunfall in Europa ereignete sich 1976 in Seveso in Norditalien. Damals entwich aus einer chlorchemischen Produktionsanlage des schweizerischen Roche-Konzerns hochgiftiges Dioxin. Gut 1400 Menschen erlitten Hautverätzungen und Chlorakne, die Zahl der Totgeburten in der Region nahm zu. 1984 kam es im indischen Bhopal zur schwersten Chemiekatastrophe überhaupt: Nach einer Giftgasexplosion in einer Produktionsstätte des amerikanischen Konzerns Union Carbide starben in einer Nacht 3000 Menschen, weitere 10.000 Menschen erlagen dem Gift in den folgenden Jahren, und noch immer leiden Hunderttausende an Spätfolgen.

Unfälle schädigten den Ruf der Branche

1986 brach Feuer in einer Baseler Lagerhalle des Schweizer Chemie- und Pharmakonzerns Sandoz aus. Zwar wurde der Brand mühsam unter Kontrolle gebracht. Das Löschwasser spülte aber Tonnen hochgiftiger Substanzen wie zum Beispiel Quecksilber in den Rhein - mit fatalen Folgen: Trinkwasser ließ sich nicht mehr gewinnen, und der Fischbestand hörte auf zu existieren. Gut zehn Jahre nach Seveso hatte die europäische Chemieindustrie damit den zweiten Unfall, der den Ruf der gesamten Branche erheblich beschädigte.

Heute, gut 20 Jahre später, zeigen sich Chemieindustrie und Ökologie deutlich erholt. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) gibt sich sogar überzeugt, dass ein Unfall wie der von Sandoz nicht wieder passieren könne. Ganz so optimistisch zeigen sich zwar nicht alle Branchenbeobachter. Zumindest aber hat die deutsche Chemieindustrie schnell und nachhaltig reagiert. Noch Ende 1986 beschloss die Branche unter dem Schirm des VCI ein neues Brandschutz- und Sicherheitskonzept für die Chemikalienlagerung sowie Verbesserungen der Kühlsysteme. Seither hat die Branche nach Angaben des VCI allein in Deutschland knapp 5 Milliarden Euro in den Gewässerschutz investiert - mit Erfolg. Die Fischbestände haben sich erholt, im Rhein wird wieder gebadet, und dass die Lachse zum Laichen noch nicht bis in den Oberrhein schwimmen, liegt nicht an der Wasserqualität, sondern an den zahlreichen Staustufen.

Misstrauen nicht gänzlich geschwunden

Misstrauen gegen die Chemieindustrie ist allerdings nicht gänzlich geschwunden. Das zeigt sich nicht zuletzt in der europäischen Chemikalienpolitik, die mit dem Programm Reach (Registrierung, Evaluierung und Autorisierung von Chemikalien) die Regeln für den Umgang mit Chemikalien erheblich verschärft hat. Rund 30.000 chemische Stoffe sollen zunächst erfasst und analysiert und später bewertet werden. Die Konsequenzen können bis zum Verbot der Produktion einzelner Chemikalien reichen.

Zwar wurden Übergangsfristen teils bis 2018 eingeräumt, und bei der Abwägung zwischen den Interessen der Verbraucher und des Umweltschutzes einerseits und der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Chemieindustrie andererseits kam es in einigen Fällen zu Kompromissen, die auf die Wirksamkeit der Chemie-Lobbyarbeit in Brüssel hindeuten. Gleichwohl wird die europäische Chemikalienpolitik künftig strenger als anderswo sein - mit Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit. So wies der Deutsche Lackverband kürzlich angesichts der Bleifunde in amerikanischem Spielzeug, das in China hergestellt wurde, auf eine Lücke hin: Chemikalien aus dem außereuropäischen Ausland unterliegen Reach nicht, sofern sie dort in der Produktion von Gütern eingesetzt werden - auch wenn diese Produkte anschließend in die EU exportiert werden.

Quelle: F.A.Z., 21.08.2007, Nr. 193 / Seite 15
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1957, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 25 40

30.05.2012 16:12 Uhr
  Vortag
Dax 6.300,59 −1,50%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.372,61 −1,55%
Dow Jones 12.446,30 −1,07%
EUR/USD 1,2425 −0,51%
Rohöl Brent Crude 103,94 $ −2,72%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.