11.08.2005 · Der neue Siemens-Chef Kleinfeld hat noch viel vor sich, denn von einem Hochleistungergebnis ist der Konzern weit entfernt. Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander.
Von Joachim Herr, MünchenDie 438000 Mitarbeiter von Siemens sollen besser werden. Im „Fit 4 more“-Programm (gesprochen: fit for more) von Vorstandschef Klaus Kleinfeld ist „People Excellence“ nicht von ungefähr eine der vier Säulen. „Durchgängige Hochleistungskultur schaffen, Leadership Excellence Program etablieren, globales Nachwuchspotential aufbauen, Expertenlaufbahnen aufwerten“, ist im deutsch-englischen Manager-Kauderwelsch formuliert.
Kleinfeld hat noch viel vor sich, denn von einer Hochleistung war das jüngste Quartalsergebnis des Münchner Konzerns weit entfernt. Der Betriebsgewinn ist im Vergleich mit dem Vorjahr um mehr als ein Viertel auf 980 Millionen Euro geschrumpft. Für drei Sparten ist die Lage besonders ernst: die Kommunikation (Com), die IT-Dienstleistungen (SBS) und die Produktions- und Logistikautomatisierung (L&A). Alle drei enttäuschten in den drei Monaten von April bis Juni mit deftigen Betriebsverlusten von 70 Millionen, 109 Millionen und 49 Millionen Euro.
Die Zeit ist knapp
Am 29. August sollen die Chefs der Sparten dem Siemens-Zentralvorstand Konzepte für Wege aus der Krise vorlegen. Die Zeit ist knapp, denn Kleinfeld hat Ende April verkündet, persönlich dafür einzustehen, daß alle zwölf Geschäftsbereiche spätestens im Frühjahr 2007 ihre Margenziele erreichen. Dieser Punkt ist in der ersten Säule seines Programms „Fit 4 more“ festgeschrieben: „Performance und Portfolio“.
Im Defizit von Com waren die hohen Verluste mit den Mobiltelefonen nicht einmal mehr enthalten. Die Handys sollen demnächst an den taiwanischen Konzern Benq abgegeben werden, was Siemens rund 300 Millionen Euro vor Steuern kostet. Das Ganze könnte aber noch teurer werden. Siemens ist nach Auskunft von Oliver Burkhard, dem Leiter der Tarifpolitik der IG Metall, bereit, Verantwortung für Mitarbeiter in der Handy-Fertigung in Kamp-Lintfort zu übernehmen, falls Benq einige von ihnen auf die Straße setzen sollte (F.A.Z. vom 5. August). „Ich glaube, daß unser Druck ein Nachdenken bei Siemens bewirkt hat“, sagt Burkhard zufrieden.
Festnetz-Geschäft läuft schlecht
Siemens kann dagegen auch mit einigen anderen Sparten von Com nicht zufrieden sein. So laufen die Geschäfte mit Festnetzanlagen im Firmenkundensegment schlecht. Der bisher verantwortliche Com-Vorstand Andy Mattes mußte die Aufgabe abgeben. Dennoch wundert sich Com-Chef Lothar Pauly, daß die Schwierigkeiten der Sparte seit Monaten die Berichte in den Medien beherrschen: „Schade, daß unsere positiven Entwicklungen zu selten in den Schlagzeilen stehen“, klagt er in der Mitarbeiterzeitschrift „Siemens Welt“.
Wenig Erfreuliches läßt sich auch über SBS berichten, den Dienstleister für Informationstechnik. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2004/05 (30. September) hat sich dort ein Betriebsverlust von 263 Millionen Euro angesammelt. Krisengespräche wurden schon im Wirtschaftsausschuß von SBS und in einer außerordentlichen Sitzung des Gesamtbetriebsrates geführt. Die Mitglieder des Wirtschaftsausschusses seien unter Strafandrohung zur Geheimhaltung des Inhalts der Diskussionen verpflichtet worden, empört sich die IG Metall.
Die Gewerkschaft kritisiert, die Geheimniskrämerei nähre schlimme Befürchtungen und lasse Spekulationen ins Kraut schießen. Wolfgang Müller, für die IG Metall Aufsichtsratsmitglied von Siemens, hatte vor kurzem die Mitarbeiter von SBS mit der Befürchtung aufgeschreckt, es könnten 4000 Arbeitsplätze - mehr als ein Viertel der deutschen Stellen - gestrichen werden. Ein Sprecher von SBS bezeichnet diese Zahl als reine Spekulation und erinnert daran, daß im Februar ein Abbau von 950 Stellen angekündigt wurde. „Wir beobachten die Kapazitäten und führen Gespräche, wie wir die Kosten weiter senken können“, sagt er nur. Das Geschäft ist schwierig. Auch Konkurrenten wie IBM und Hewlett-Packard müssen sich mit Umstrukturierungen und Personalabbau beschäftigen.
Um Optimismus bemüht
Die Führung von SBS bemüht sich trotz der trüben Lage weiterhin um Optimismus. „Der Umbau ist nicht in einem Quartal abgeschlossen und kann sogar länger als ein Jahr dauern“, heißt es. Die Mannschaft um Adrian von Hammerstein, den Chef von SBS, hofft auf eine Punktlandung. Dafür müßte der IT-Dienstleister im Frühjahr 2007 Kleinfelds Vorgabe einer Betriebsgewinnmarge von mindestens 5 Prozent erreichen. Ein äußerst ehrgeiziges Unterfangen.
Sogar 7 bis 9 Prozent sind das Ziel für die Logistik- und Produktionsautomatisierung L&A. Die am Umsatz gemessen kleinste Sparte des Elektro- und Elektronikkonzerns fiel in den ersten neun Monaten 2004/05 auf minus 0,2 Prozent zurück. Dennoch herrscht auch bei dem in Nürnberg ansässigen Weltmarktführer Zuversicht. Das neue Konzept soll den Durchbruch bringen. „Ich halte die Fähigkeiten des Managements für sehr gut, um eine strategische Neuausrichtung durchzuziehen“, sagt ein Sprecher von L&A. Über Einzelheiten der Pläne von Spartenchef Johann Löttner schweigt er aber.
„Kundenfokus, Innovation und globale Wettbewerbsfähigkeit“
Wichtiger Ansatzpunkt für L&A sind offenbar die Kunden. „Kundenfokus, Innovation und globale Wettbewerbsfähigkeit“ gehören zur zweiten Säule des „Fit 4 more“-Programms, der „Operation Excellence“. „Wir sind noch nicht überall dort präsent, wo uns die Kunden - insbesondere die weltweit tätigen Unternehmen - erwarten“, berichtet Peter Völkl, der Verantwortliche bei L&A für den Kundenfokus, in der „Siemens Welt“.
In der Branche heißt es aber auch, daß sich L&A im Segment „Distribution Industry“ - zum Beispiel Anlagen für den Materialfluß in der Produktion und automatisierte Läger - mit vielen mittelständischen Kunden verzettle. Das sei ein Erbe der Fusion mit der Dematic, die Siemens als Teil von Atecs-Mannesmann übernommen hat. Mehr Erfolg verspricht nach Ansicht von Fachleuten, wenn sich L&A wie der gesamte Siemens-Konzerns auf große Infrastrukturprojekte konzentriert - L&A also zum Beispiel auf Anlagen für die Post und Flughäfen. Am 29. August muß das Management Farbe bekennen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.372,61 | −1,55% |
| Dow Jones | 12.446,30 | −1,07% |
| EUR/USD | 1,2425 | −0,51% |
| Rohöl Brent Crude | 103,94 $ | −2,72% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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