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Technologie Siemens beichtet Missmanagement

17.03.2008 ·  Siemens hat Schwierigkeiten bei Großprojekten und rechnet deshalb mit einer Ergebnisbelastung von 900 Millionen Euro. Von seinen Gewinnerwartungen für dieses Geschäftsjahr muss sich der Konzern jetzt verabschieden. Die Börsen sind geschockt, die Aktie brach um mehr als 10 Prozent ein.

Von Marcus Theurer
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Siemens hat mit dem überraschenden Eingeständnis von Altlasten, die voraussichtlich Milliardenhöhe erreichen, für einen bislang beispiellosen Kurssturz seiner Aktie gesorgt. Allein im laufenden zweiten Quartal sei mit Belastungen von rund 900 Millionen Euro zu rechnen, teilte der Elektrokonzern mit. So drohten etwa in der Kraftwerks- und Bahntechniksparte Vertragsstrafen wegen nicht eingehaltener Lieferfristen und hohe Sonderkosten für die nachträgliche Behebung von Mängeln. Weitere Belastungen in kleinerem Umfang könnten folgen, warnte das Unternehmen.

Die Siemens-Aktie fiel am Montag im Handelsverlauf um mehr als 16 Prozent auf 65,89 Euro und war damit Schlusslicht im Deutschen Aktienindex Dax. Der größte deutsche Industriekonzern verlor damit binnen eines Tages rund 10 Milliarden Euro an Börsenwert. Es ist der größte Verlust der Siemens-Aktie in der Geschichte des Dax.

„Nun liegen die dinge schonungslos offen“

Wegen der Rückschläge wird Siemens voraussichtlich sein bisheriges Gewinnziel für das Geschäftsjahr 2007/2008, das am 30. September endet, verfehlen. Die drohende Milliardenlast werde „materiellen Einfluss“ auf die Jahreszahlen haben, kündigte der Konzern an. Eine revidierte Prognose will Siemens-Vorstandschef Peter Löscher auf der Halbjahrespressekonferenz Ende April nennen. Bisher hatte Siemens angekündigt, doppelt so schnell wie die Weltwirtschaft zu wachsen. Der operative Gewinn sollte eigentlich wiederum doppelt so schnell wie die Erlöse steigen.

Video: Personalabbau bei Siemens

„Diese Belastungen waren für uns zuvor nicht sichtbar. Nun liegen die Dinge schonungslos offen“, sagte Löscher am Montag in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. Ursache sei das Missmanagement früherer Verantwortlicher. Es reiche bis ins Jahr 2004 zurück. „Was wir hier vor uns liegen haben, ist die Aufarbeitung der Vergangenheit“, verteidigte sich Löscher, der erst im vergangenen Sommer in den Konzern gekommen ist. Analysten sparten dennoch nicht mit Kritik an Löscher.

„Ich habe vollstes Vertrauen in die Leistungsfähigkeit von Siemens“

„Der größte Schaden ist, dass das neue Management nun mit einem Glaubwürdigkeitsproblem zu kämpfen hat“, sagte Michael Busse von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Noch zur Hauptversammlung Ende Januar hatte Löscher die bisherigen Jahresprognosen bestätigt. Die jetzt mitgeteilten Kosten sind laut Siemens bei einer „Überprüfung von Großprojekten“, die vom Vorstand als kritisch eingestuft werden, aufgetaucht. Offenbar um den Vertrauensverlust an der Börse zu begrenzen, kaufte Löscher am Montag in großem Umfang privat Siemens-Aktien. Er habe 50.000 Papiere aus eigenen Mitteln erworben und dafür 3,3 Millionen Euro ausgegeben, teilte das Unternehmen am Nachmittag mit. „Ich habe vollstes Vertrauen in die Leistungsfähigkeit von Siemens“, sagte Löscher dazu. Auch Finanzvorstand Joe Kaeser kaufte aus privaten Mitteln für 200.000 Euro 3000 Siemens-Aktien.

Für den Großteil der Belastungen ist die ohnehin mit Renditeproblemen kämpfende Kraftwerkssparte verantwortlich. Hier gebe es „Vorsorgebedarf“ von bislang 600 Millionen Euro, sagte der seit kurzem für den Sektor Energie verantwortliche Vorstand Wolfgang Dehen. Es seien „Kapazitätsgrenzen überschritten“ und zu viele Aufträge hereingenommen worden. Es gebe deshalb unter anderem einen Personalengpass. Zudem seien Zuliefererpreise viel stärker als erwartet gestiegen. Befürchtungen, weil Siemens nun beim Bau schlüsselfertiger Kraftwerke kürzertreten will, seien Arbeitsplätze bedroht, wies Dehen zurück. Es würden alle Mitarbeiter gebraucht.

„Wir sind vorwärtsgerichtet gut unterwegs“

In der Bahntechnik, die ebenfalls den Renditevorgaben des Konzerns hinterherhinkt, sorgten ein weiteres Mal Reparaturen defekter „Combino“-Straßenbahnen und Verzögerungen beim Ausbau des Transrapid-Netzes in China für unerwartete Kosten. Die Probleme mit dem unter zahlreichen Kinderkrankheiten leidenden „Combino“ bekommt Siemens schon seit Jahren nicht in den Griff. Zusammen setzt das Unternehmen dafür einen Betrag von mindestens 200 Millionen Euro an. Weitere Belastungen könnten folgen. In der IT-Sparte SIS wiederum hat Siemens einen 85 Millionen Euro schweren Großauftrag vom britischen Arbeitsministerium verloren, weil Lieferfristen nicht eingehalten werden konnten. Auch bei weiteren IT-Aufträgen in Großbritannien gebe es Schwierigkeiten, sagte Löscher. Insgesamt erwartet Siemens in der Sparte deshalb zur Zeit rund 100 Millionen Euro an Belastungen.

Löscher versuchte die Befürchtungen über die weitere Entwicklung von Siemens insgesamt zu dämpfen. „Wir sind vorwärtsgerichtet gut unterwegs“, sagte er. Trotz der überraschenden Schwierigkeiten werde das Unternehmen zumindest seine langfristigen Vorgaben erreichen. „Unsere Ziele für 2010 stehen“, sagte Löscher.

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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