Der Siemens-Konzern plant keinen Arbeitsplatzabbau in Deutschland. „Wir beschäftigen in Deutschland 164.000 Mitarbeiter, und diese Zahl ist im vergangenen Jahr stabil geblieben. Ich kann keinen Grund erkennen, warum sich an dieser Größenordnung etwas ändern sollte", sagte Klaus Kleinfeld, der Vorstandsvorsitzende des Münchner Elektro- und Elektronikherstellers, in einem Gespräch mit der F.A.Z. Auch solle Siemens weiterhin vor allem aus dem Heimatland heraus geführt werden. „Zwei Drittel unserer rund hundert Geschäftsgebiete haben ihre Weltzentralen in Deutschland. Damit können wir gut leben“, unterstrich Kleinfeld.
Mit seinem Bekenntnis zum Standort Deutschland setzt der seit Jahresanfang amtierende Siemens-Chef neue Akzente und sendet damit zugleich ein beruhigendes Signal an seine Belegschaft. In den vergangenen Jahren hatte der größte deutsche Industriearbeitgeber mehrfach damit gedroht, Teile seiner Produktion aus Kostengründen ins Ausland zu verlagern. Der Konflikt mit der Belegschaft hatte hohe Wellen geschlagen. Der damalige Siemens-Vorstandschef Heinrich von Pierer wurde mit seinem Konfliktkurs zum Vorreiter für flexiblere Arbeitszeitmodelle in Deutschland. In mehreren deutschen Siemens-Werken ist es gelungen, durch Zugeständnisse der Arbeitnehmer Stellen zu sichern. So wurden in einem Trafowerk in Nürnberg, beim Autozulieferer Siemens VDO in Würzburg und in der mittlerweile allerdings verkauften Handy-Produktion im nordrhein-westfälischen Kamp-Lintfort Kompromisse mit der Belegschaft ausgehandelt.
Blick der Öffentlichkeit zu sehr verengt
Kleinfeld schließt zwar Stellenstreichungen einzelner Bereiche in Deutschland nicht aus, doch würden erfolgreiche Siemens-Sparten zugleich im Heimatland Arbeitsplätze schaffen. Aus seiner Sicht verengt sich der Blick der Öffentlichkeit zu sehr auf die Problemgeschäftsfelder im Konzern. In den vergangenen Monaten haben vor allem die Telekommunikationstechnik Com, der Informationstechnikdienstleister SBS und überraschend auch die Logistik-Automatisierungssparte L&A Verluste erlitten. Kleinfeld: „Bei der Mehrzahl unserer Geschäfte sind wir aber international in Führungspositionen: Medizintechnik, Energie, Automatisierung, Automobilelektronik und Licht.“ Die Reihe der guten Nachrichten, kann Kleinfeld aus dem Stegreif und in beliebiger Länge abspulen: Siemens sei international die Nummer zwei bei den Patentanmeldungen. In China sei der Konzern mit seiner Automatisierungstechnik Marktführer, und in den Vereinigten Staaten werde ein Drittel des Stroms mit Siemens-Technik erzeugt.
Trotz der Erfolge in einigen der insgesamt zwölf operativen Siemens-Bereiche fordert Kleinfeld von den Sorgenkindern rasche Fortschritte. Bis Frühjahr 2007 sollen alle Sparten ihre Margenziele erreichen, was Beobachter besonders bei Com und SBS für sehr schwierig halten. Der Siemens-Chef hält dagegen: „Warum soll das nicht klappen? Ich hatte schon in meinem bisherigen Berufsleben viele Restrukturierungsaufgaben zu bewältigen. Das geht auch zügig.“ Und was soll mit den Bereichen geschehen, die in anderthalb Jahren ihre Vorgaben nicht erreichen? Kleinfeld wiegelt ab: „Das ist für uns keine relevante Frage. Wir werden unsere Ziele erreichen.“
„Mit Kaputtsparen kann das nicht funktionieren“
Der Siemens-Chef glaubt nicht, die drei Problembereiche allein mit Kostensenkungen wieder zum Erfolg führen zu können. „Mit Kaputtsparen kann das nicht funktionieren“, sagt Kleinfeld. Notwendig seien vor allem innovative Produkte. Auch die Com-Sparte, die wegen des Scheiterns von Siemens im Handy-Geschäft für Negativschlagzeilen gesorgt hatte, sei in vielen Bereichen konkurrenzfähig. Der mit einem Umsatzanteil von zuletzt einem Fünftel größte Siemens-Bereich habe beim Aufbau der Mobilfunk-Infrastruktur "eine ganz klare Führungsposition". Jedes vierte Telefonat weltweit werde über Siemens-Verbindungstechnik geführt. Trotz des Desasters im Handy-Geschäft, das Siemens im Frühsommer, versehen mit einer Mitgift von mehr als 300 Millionen Euro, an den taiwanischen Hersteller Benq weiterreichte, will Kleinfeld auch weiterhin nicht nur auf das Geschäft mit Großkunden wie öffentlichen Auftraggebern und Unternehmen setzen. „Unsere Produktpalette umfaßt im wesentlichen das Infrastrukturgeschäft. Aber der Umkehrschluß, daß wir das Konsumgütergeschäft nicht beherrschten, ist einfach falsch.“ Als Beispiel nennt er die Fertigung schnurloser Festnetztelefone: „Da sind wir super konkurrenzfähig, das Geschäft läuft sehr gut. Ich habe keinen Anlaß, eine Suchaktion nach einem Käufer zu starten.“ Kleinfeld verteidigt zugleich seine Entscheidung, die Notbremse zu ziehen und aus dem Handygeschäft auszusteigen. Siemens hätte zwar diese Sparte sanieren, können sagt er. „Die Erfahrung zeigt aber, daß uns das bis zu 4 Milliarden Euro gekostet hätte. Bei einem Umsatzanteil von 5 Prozent an unseren Konzernerlösen erschien uns das nicht vertretbar.“ Außerdem hätte Siemens für die Sanierungsaufgabe wichtige Mitarbeiter aus dem ganzen Unternehmen zusammenziehen müssen. „Wir hätten also anderswo neue Löcher aufgerissen.“
Die Com-Sparte kommt allerdings auch ohne Handys nicht aus den Negativ-Schlagzeilen. Im vergangenen Quartal ist der Bereich auch bereinigt um die Mobilfunkgeräte in die Verlustzone geraten. Für neuen Wirbel sorgte in der vergangenen Woche das überraschende Ausscheiden von Lothar Pauly, der bislang das operative Geschäft und damit auch die Sanierung des Bereichs leitete. „Das kam für uns sehr, sehr kurzfristig“, räumt Kleinfeld ein. „Daß Herr Pauly zur Telekom wechselt, ist schade, aber nachvollziehbar. Er wird Konzernvorstand, und sein Gehalt steigt signifikant.“ Nun soll Konzernvorstand Thomas Ganswindt - bisher Paulys Chef - einspringen und auch das operative Geschäft leiten. Für Kleinfeld ist das „nicht nur eine Übergangslösung“.
„Wir hätten genügend Talente auf der Bank gehabt“
Aber wäre es nicht besser gewesen, einen Manager mit dem Posten zu betrauen, der sich - anders als Ganswindt - ganz auf die schwierige Aufgabe konzentrieren kann? "Wir hätten genügend Talente auf der Bank gehabt", sagt der Siemens-Chef. „Aber hätten wir einen neuen Mann eingewechselt, dann hätten wir dem fairerweise ein halbes Jahr Eingewöhnungszeit geben müssen. Ich möchte aber keine Zeit verlieren.“
Keine Frage, Kleinfeld drückt aufs Tempo. „Probleme werden nicht dadurch einfacher, daß man sie auf die lange Bank schiebt“, sagt er mit Blick auf die Verluste von Com, SBS und der Logistikautomatisierung. Seit Monaten schlagen die Spekulationen hoch. Die Gewerkschaft IG Metall fürchtet den abermaligen Abbau von Tausenden Stellen. Doch weitere Einzelheiten zu den bevorstehenden Restrukturierungsschritten in den drei Problemsparten will sich Kleinfeld nicht entlocken lassen. Wird Siemens die Sanierungskosten noch im laufenden Geschäftsjahr verbuchen, das Ende September ausläuft? Schließlich ist die von Kleinfeld vorgebene Zeitspanne bis 2007 knapp bemessen, um die Verlustsparten wieder flottzumachen. „Wir dürfen Kosten erst dann verbuchen, wenn sie konkret erkennbar sind“, sagt der Siemens-Chef dazu.
Doch die Erwartungshaltung am Finanzmarkt ist hoch. Seit Ende Juli, als Siemens seine Neunmonatszahlen veröffentlicht hat, gab die Aktie des Industrieschwergewichts deutlich nach. Analysten fordern von Kleinfeld, rasch für Klarheit zu sorgen, wie er seine drei Großbaustellen in den Griff bekommen will. Zugleich kam die Frage auf, ob der Siemens-Konzern, der mit seinen vielen Geschäftsfeldern breit aufgestellt ist, nicht ins Visier von Hedgefonds zu geraten droht. Diese Investoren suchen sich häufig Konglomerate wie Siemens als Ziel, um sie in Einzelteile zu zerlegen.
Konglomeratsabschlag an der Börse
Die vom SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering als „Heuschrecken“ titulierten Hedgefonds will Kleinfeld nicht pauschal verdammen. „Sie müssen differenzieren. Es gibt Hedgefonds, die ein konstruktives und nachhaltiges Investment suchen.“ Allerdings: „Wir beobachten auch die wenigen Hedgefonds, die ereignisgetrieben kurzfristige Gewinne suchen. Solche Geschäftsmodelle könnten problematisch sein. Aber ich habe nicht den Eindruck, daß Siemens hier in Gefahr wäre.“
Gleichwohl räumt Kleinfeld ein, daß der auf vielen Hochzeiten tanzende Siemens-Konzern an der Börse weiter auf Vorbehalte stößt. „Es stimmt, Siemens wird mit einem Konglomeratsabschlag gehandelt“, sagt Kleinfeld. „Der Grund dafür, ist, daß wir es bisher nicht geschafft haben, die Vorteile zu kommunizieren. Aber wir machen Fortschritte.“ So sei Siemens für viele Nachwuchskräfte gerade wegen des breiten Betätigungsfeldes interessant. „Ich selbst wäre sonst nicht zu diesem Unternehmen gegangen.“ Das alte Siemens-Leiden, daß es irgendwo im weiten Reich des Industrieriesen, immer brennt, will der ehrgeizige Kleinfeld jedenfalls kurieren: „Es ist kein Naturgesetz, daß wir ständig irgendwelche Großbaustellen haben müssen. Ich bin überzeugt, daß es auch anders geht.“
Für den diplomatischen Dienst wäre Klaus Kleinfeld wohl nicht geeignet. Der Siemens-Chef ist zwar 47 Jahre alt, sieht aber aus wie Anfang dreißig. Und gravitätische Auftritte sind seine Sache nicht. Im persönlichen Gespräch ist Kleinfeld offen, direkt und locker. Daß Kleinfeld, seit er zu Jahresanfang an die Spitze der deutschen Industrie-Ikone Siemens rückte und nun einer der mächtigsten deutschen Manager ist, hat daran nichts geändert. Die Zeit von 2002 bis 2004, als er das Siemens-Geschäft in den Vereinigten Staaten leitete, haben ihn geprägt. Und so ist denn auch das erste, wonach er beim Interview-Termin fragt, eine Cola-Light. Doch auch sein Managementstil wirkt für Siemens-Verhältnisse amerikanisch. Der promovierte Betriebswirt lacht viel und gibt sich unprätentiös, doch in Sachfragen ist der gebürtige Bremer knallhart, wie der Verkauf der verlustreichen Handy-Sparte zeigt. Kleinfeld ist verheiratet und hat zwei Töchter.
