24.10.2005 · Das Grippemittel Tamiflu, das derzeit aus Furcht vor einer angeblichen drohenden Epidemie heiß begehrt ist, ist schwierig herzustellen und knapp. Jetzt wollen die Vereinigten Staaten sogar das Patentrecht aushebeln.
Von Volker StollorzDas hat der Pharmamarkt noch nicht erlebt: Ein Medikament, das jahrelang als Ladenhüter in den Regalen lag, wird den Apothekern plötzlich aus der Hand gerissen. Das Grippemittel Tamiflu wurde vergangene Woche sogar bei Ebay angeboten; beim Preis von 150 Euro für eine Packung, die im Handel zwischen 36 und 44 Euro kostet, stoppte das Internet-Auktionshaus die Versteigerung, weil privater Handel mit verschreibungspflichtigen Arzneien verboten sei. Der Schweizer Hersteller Roche war mit der Nachfrage restlos überfordert - er rationierte die Auslieferung, um für den Ernstfall überhaupt noch Vorräte zu haben.
Viele europäische Länder haben sich rechtzeitig ein Kontingent gesichert, das immerhin für ein Zehntel der Bevölkerung reichen würde. Nur jenes Land, in dem Tamiflu vor zehn Jahren erfunden wurde, steht praktisch ohne Reserve da. Zwanzig Millionen Packungen waren eigentlich vorgesehen, doch die amerikanische Regierung versäumte es im Juni zu ordern.
„The Great Influenza“
Die Supermacht wachte in puncto Katastrophenvorsorge erst nach dem verheerenden Wirbelsturm Katrina richtig auf. Präsident Bush war nach der Lektüre eines Buches mit dem Titel "The Great Influenza" offenbar beeindruckt. Der Autor John Barry schildert darin, wie bei der Spanischen Grippe 1918 die öffentliche Ordnung wochenlang zusammenbrach. Zehntausende von Rekruten starben damals noch vor der Verschiffung nach Europa an Lungenentzündung. Am Ende hatte sich die durchschnittliche Lebenserwartung für Amerikas Bürger allein durch die Pandemie um zehn Jahre gesenkt. Weltweit forderte die Seuche mehr Opfer als der Erste und Zweite Weltkrieg zusammen.
Hinter den Kulissen ist jetzt ein harter Kampf entbrannt. Der amerikanische Gesundheitsminister Michael Leavitt will mindestens vier Milliarden Dollar ausgeben, um möglichst rasch Impfstoffe und Medikamente einzukaufen. Drei Milliarden Dollar sind allein für Tamiflu-Käufe im Gespräch. Doch die Amerikaner stehen vor einem Riesenproblem: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Dabei wurde Tamiflu einst im kalifornischen Biotech-Wunderland erfunden, und zwar von der Firma Gilead Sciences in Foster City. Die damals noch kleine Firma hatte das Patent 1996 exklusiv in Lizenz an Roche vergeben und dem Konzern die kommerzielle Herstellung übertragen. Gilead hat seither im stillen, aber eher mäßig mitverdient.
Gilead will die Lizenz zurück
Das soll sich ändern: Am 23. Juni hat die Firma dem Pharmaunternehmen Roche in einem achtseitigen Brief angekündigt, die Lizenz zur Herstellung von Tamiflu zurückzufordern. Das geschah unter anderem mit dem Argument, Roche habe durch das "Fehlen einer kosteneffektiven Herstellung die Wahrscheinlichkeit drastisch eingeschränkt", daß Tamiflu, sollte es künftig unter Roches Kontrolle bleiben, sein "volles Potential zum Schutz vor der Gefahr einer Pandemie" entfalten könne.
Worum genau es bei diesem Streit geht, wollen weder Roche noch Gilead-Sprecherin Amy Flood kommentieren. Man habe vertraglich "strikte Vertraulichkeit" vereinbart. Einigen müssen sich beide Parteien innerhalb der nächsten 18 Monate. Als Verhandlungsort in dem Schiedsverfahren wurde 1996 New York festgelegt. Dieser Streit wird damit auf amerikanischem Territorium entschieden. Auch auf die Frage, ob die amerikanische Regierung schon an Gilead herangetreten sei, um die Möglichkeiten einer rascheren Produktion auszuloten, bleibt Amy Flood die Antwort schuldig: "Kein Kommentar."
Roches Kapazitäten zu gering
Unwahrscheinlich wäre das nicht. Alle wichtigen Impfstoffabriken stehen in Europa. Auch die Produktionsstätten für die Herstellung des Hoffnungsträgers Tamiflu stehen auf europäischem Boden. Amerikanische Anlagen der Firma Roche sind zwar geplant, können aber frühestens in einem Jahr liefern. Das Augenmerk der amerikanischen Regierung richtet sich deshalb auf ein für die Schweizer Pharmafirma unerfreuliches Nadelöhr: Das Unternehmen hat sich mit seinen Produktionskapazitäten verkalkuliert.
Die Gründe für die Misere liegen Jahre zurück. Das 1999 erstmals in Amerika für die Behandlung der Influenza zugelassene Tamiflu war zunächst ein kompletter Flop. Die sechzig Dollar teure Packung mit zehn Kapseln wollte kaum jemand kaufen. Roche führte das Medikament erst 2002 in Europa ein, dort schon zum halben Preis. Trotz intensiven Marketings dürften im Jahr 2003 weltweit kaum mehr als zehn Millionen Packungen verkauft worden sein. Davon konsumierten allein die pillenfreundlichen Japaner 4,46 Millionen. In der Grippesaison vor zwei Jahren stieß Roche erstmals vorübergehend an die Grenzen seiner Herstellungskapazitäten. Roches japanischer Partner Chugai entschuldigte sich öffentlich bei verunsicherten Patienten, weil Probleme mit der Qualität einiger Tamiflu-Lieferungen aufgetaucht waren.
Fünf Tage für 50 Millionen
Offiziell ist nicht bekannt, auf welche Mengen Tamiflu die Bevölkerung im Krisenfall hoffen kann. Eisern verweigert Roche jede Aussage darüber, wieviel Tonnen Tamiflu jährlich weltweit produziert werden können. Klar ist aber eins: Schon mit den derzeit vorliegenden Vorbestellungen aus bisher vierzig Ländern sind Roches Fabriken bis 2007 vollständig ausgelastet. Dabei hatte die Firma zwischen 2004 und 2005 ihre Produktionskapazität verdoppelt. Bis 2006 will sie noch einmal kräftig aufstocken. Roche dürfte 2003 wohl in der Lage gewesen sein, zwischen zehn und zwanzig Tonnen des Wirkstoffs Oseltamivir herzustellen. Da pro Tonne Wirkstoff rund eine Million Zehnerpackungen hergestellt werden können, reicht im Grunde ein Taschenrechner aus, um den weltweiten Versorgungsengpaß zu kalkulieren. Im schlimmsten Fall könnten 2005 gerade einmal fünfzig Millionen Menschen fünf Tage lang Tamiflu schlucken. Dann wäre es mit dem Schutz vorbei. Von Prophylaxe ist in diesem Szenario erst gar nicht die Rede, weil man dabei über Wochen hinweg täglich eine Tablette einnehmen müßte.
Um das Tempo der Lieferungen zu erhöhen, aber auch, um den Einkaufspreis für Pandemievorräte der Regierungen zu senken, ist die Schweizer Firma längst dazu übergegangen, nicht nur Kapseln, sondern auch lagerfähiges Oseltamivirphosphat anzubieten. Diese Substanz ist länger haltbar und wird offenbar für unter zehn Euro pro Behandlungszyklus vertrieben. Die Länder sollen den Wirkstoff im Ernstfall dann rasch zu einer Art Sirup verarbeiten können.
Patent wird ausgehebelt
Bisher handelte der Konzern bei Bestellungen nach der Devise, wer zuerst ordert, wird zuerst beliefert. Man kann allerdings daran zweifeln, daß sich Amerika nun geduldig in die wachsende Warteschlange hinter Länder wie Rumänien, Polen oder Ungarn einreihen wird. Der amerikanische Senat bastelt bereits an Gesetzen, die den akuten Engpaß beseitigen sollen.
Und zwar mit oder ohne die Firma Roche. Eigentlich besitzt Roche mit dem Tamiflu-Patent ein bis 2016 durch internationale Patentübereinkommen garantiertes Monopol für die alleinige kommerzielle Herstellung sowie den Vertrieb der plötzlich so begehrten Arznei. So sah das bis Dienstag vergangener Woche auch Roche. Doch dann kam es zu einer Kehrtwende in Basel. Überraschend erklärten sich die Schweizer bereit, mit Regierungen oder Unternehmen über Herstellungslizenzen zu verhandeln, die, wie es heißt, "erhebliche Mengen der Medizin für den Gebrauch im Pandemie-Notfall liefern könnten". Zuvor hatten die Regierungen von Thailand und Taiwan - wo Gesundheitsminister Michael Leavitt jeweils wenige Tage zuvor auf seiner Informationsreise in Sachen Vogelgrippe weilte - angekündigt, selber Tamiflu im eigenen Land herstellen zu wollen.
Rechtlich keine Notlage
Zwar erlaubt das sogenannte TRIPS-Abkommen der Welthandelsorganisation WTO in epidemiologischen Notlagen, daß die Regierungen betroffener Länder Zwangslizenzen an Generikahersteller auch gegen den Willen des Patentinhabers vergeben können. Dieser Passus sei aber "sicher nicht ohne weiteres auf die Industriestaaten mit entwickelter Pharmaindustrie anwendbar", sagt der renommierte Patentrechtsexperte Joseph Straus aus München.
Gedacht ist der Passus für in Not geratene Länder der Dritten Welt. Die Vereinigten Staaten könnten ohne die Zustimmung von Roche nicht ohne weiteres in Indien oder sonst wo auf Einkaufstour gehen. Derzeit und "hoffentlich auch in Zukunft" läge, anders als bei der Aids-Seuche, rechtlich auch gar keine akute Notlage vor, betont Straus. Wenn Regierungen künftig schon vorbeugend jede Art von Patentschutz aushebeln könnten, würde die Pharmaindustrie die Forschung in diesem Bereich praktisch einstellen. "Das wäre das letzte, was die Welt braucht", warnt der Patentrechtler.
Flucht nach vorn
Dennoch drohten amerikanische Unterhändler dem Schweizer Hersteller offenbar mit dem Instrument einer "Notfall-Herstellungserlaubnis". Einschränkungen des den Amerikanern so heiligen Patentrechts sind nach Auskunft von Senator Richard Burr in dem gerade in den amerikanischen Senat eingebrachten Gesetzentwurf künftig für den "engen Bereich der Produktion von Medikamenten oder Impfstoffen" geplant, und zwar für den Fall, daß Gesundheitsminister Michael Leavitt einen bioterroristischen Anschlag vermutet, formal den Beginn einer Pandemie erklärt oder zumindest einen epidemischen Ausbruch. Den Notfall auszurufen dürfte zur Zeit nicht sonderlich schwerfallen.
Vor allem deshalb trat Roche die Flucht nach vorne an. Noch am Donnerstag verkündete Senator Chuck Schumer nach einem Gespräch mit John Barrys, dem Chef von Roches amerikanischer Niederlassung: Roche habe nun "im Grundsatz zugesagt", seine Technologie und die Rechte an der Herstellung freiwillig an andere Firmen zu vergeben. Die Entscheidung, welche Unternehmen eine Lizenz erhalten sollten, werde in "Kooperation mit der amerikanischen Regierung und anderen Regierungen rund um den Globus" getroffen.
Die Stunde der Kopisten
Damit schlägt nun die Stunde der Kopisten. Angeblich sollen vier Hersteller von Generika innerhalb von drei Monaten Tamiflu herstellen können, unter Mithilfe der Firma Roche womöglich sogar schon in einem Monat, behauptet Schumer.
Kleinere Mengen eines Wirkstoffs herzustellen und große Mengen sicher herzustellen sind aber zweierlei. Der Schweizer Konzern beharrt darauf, es dauere sechs bis acht Monate vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt. Die Zusammenarbeit mit Roche, betont Unternehmenssprecherin Martina Rupp auf Anfrage, sei immer noch der schnellste Weg, die weltweiten Kapazitäten auszubauen, weil nur im Konzern die Erfahrung und das Know-how für die Produktion in großem Stil vorhanden seien. Die nächsten Monate werden allerdings zeigen müssen, ob diese Aussage die Zeit überdauert.
Denkbar wäre ja, daß die Firma Gilead wieder ins Spiel kommt. Denn mindestens ein Mitglied der amerikanischen Regierung hat zu ihr beste Kontakte. Bevor Donald Rumsfeld Verteidigungsminister wurde, saß er zwischen 1998 und 2001 als Vorsitzender im Aufsichtsrat von Gilead. Sein Ministerium kaufte schon im Frühjahr Tamiflu für das Militär ein - im Wert von 58 Millionen Dollar. Nur für den Fall der Fälle.