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Taiwan : Red Bull lädt zur Korbjagd in den Kerker der Diktatur

  • -Aktualisiert am

Belastetes Gelände: Ein ehemaliges Staatsgefängnis soll Sportarena werden Bild: Red Bull

In Taiwan erlebt der österreichische Energy-Drink-Riese, welche Fallstricke beim Sportmarketing lauern können. Einer ist zum Beispiel ein Basketballturnier auf einer Gefängnisinsel.

          „Bist du hart genug für Samasana Island?“ Mit markigen Sprüchen und rasant geschnittenen Videos wirbt Red Bull für ein Basketballturnier in einem früheren Gefängnis in Taiwan. Korbjäger aus 27 Ländern sollen im Spiel Eins gegen Eins den „King of the Rock“ ermitteln. Doch der österreichische Getränkegigant begibt sich auf historisches Glatteis, denn in dem Veranstaltungsort waren während Taiwans Diktatur ausschließlich politische Gefangene eingekerkert.

          Von Red Bulls Marketingkampagne als „mystischer Ort“ verklärt, ist Lüdao, die Grüne Insel, ein Außenposten Taiwans im Pazifik und ein beliebtes Urlaubsziel. Noch vor einer Generation fanden sich hier Arbeitslager und Gefängnisse des nationalchinesischen Regimes, das Taiwan fast 40 Jahre lang per Kriegsrecht regierte. Von 1972 bis 1987 saßen politische Häftlinge in einem vom Militär verwalteten „Umerziehungsgefängnis“. Der kreuzförmige Betonbau hinter hohen Mauern, nur einen Steinwurf vom Strand gelegen, ist fast unverändert erhalten und dient heute als Gedenk- und Bildungsstätte - und bald auch als Kulisse für „King of the Rock“. Auf dem Hof, wo Häftlinge Freigang hatten, soll gespielt werden.

          Dramatische Bilder müssen sein

          Am Ende müssen dramatische Bilder für die globale Web-Video-Vermarktung im Kasten sein. Red Bull ist längst auch Medienproduzent, bildstarke Schauplätze sind wichtig. Viermal fand „King of the Rock“ auf dem Gefängnisfelsen Alcatraz vor San Francisco statt. Auf der Suche nach Ersatz erhielt Lüdao, von Red Bull schmissig zu „Samasana Island“ umgetauft, den Zuschlag vor ehemaligen Gefängnissen in der Türkei, Frankreich und Japan.

          Macht es einen Unterschied, auf welcher Gefängnisinsel die Korbjagd stattfindet? Für Hubertus Knabe auf jeden Fall. „Total geschmacklos und deplaziert“ findet der Direktor der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen Red Bulls Pläne. Als Experte für Aufarbeitung von Diktaturgeschichte wird Knabe in Taiwan hoch geschätzt und hat Lüdao schon zweimal besucht. „Sehr beeindruckend und authentisch“ findet er die Anlage dort. „Sie besitzt die Aura eines Ortes der Verfolgung.“ Um politischer Häftling zu werden, reichte es im angeblich „Freien China“, dass man dem Regime suspekt war, sich kritisch äußerte oder kommunistischer Umtriebe verdächtigt wurde. Einige Männer waren mehr als 30 Jahre lang eingekerkert. Nun haben Taiwans Behörden mit Red Bull einen Vertrag geschlossen und das Gefängnis zur Verfügung gestellt. „Wenn es hilft, Taiwans Geschichte in der Welt bekannt zu machen, sind wir einverstanden“, erklärt Verwaltungsdirektor Wang Yi-Chun. Auch Opferverbände sind mit an Bord.

          Doch die internationale Marketingkampagne für „King of the Rock“ erwähnte Lüdaos besondere Geschichte zunächst überhaupt nicht und betonte stattdessen vermeintliche Parallelen zu Alcatraz: „Ein weiterer Ort mit einer reichen Gefängnis-Geschichte.“ In einer Pressemitteilung hieß es, der Gewinner der deutschen Vorausscheidung erhalte nun „die Höchststrafe - den Einzug auf die Gefängnisinsel Samasana Island“.

          Niemanden fielen die Geschmacklosigkeiten auf

          Derlei Geschmacklosigkeiten waren in Taiwan kaum jemandem aufgefallen, bis diese Zeitung sie Opfervertretern vorlegte. Ihren Unmut äußern sie diplomatisch: „Das ist für uns nicht zufriedenstellend“, sagt Wu Jun-Hong, der als junger Student und Regimegegner von 1972 an für 10 Jahre in dem Gefängnis einsaß. Besonderen Anstoß erregte das Fotomotiv eines bulligen, in seine Ketten beißenden Sträflings.

          Mit Verbrecherklischees wollen Wu und die anderen Ex-Häftlinge nicht gemein gemacht werden: „Wir waren schließlich im Gefängnis, weil wir für Menschenrechte eintraten.“

          Auf einmal verschwand das Foto aus dem Netz

          Kann Red Bull die Kritik nachvollziehen? Das Unternehmen antwortet ausweichend. Man habe die Insel „sorgfältig, unter vollständiger Berücksichtigung der örtlichen Vorschriften und besonderen Anforderungen der lokalen Behörden“ ausgewählt, wie es bei allen „Event-Locations“ der Fall sei. Dennoch verschwand das beanstandete Foto schnell aus dem Netz, Textpassagen wurden umgeschrieben, und auf der englischen Homepage steht seit kurzem ein Link, der zu historischen Hintergründen führt. Auf der deutschen Seite finden sich diese Informationen noch nicht. Das ist vielleicht nur eine Frage der Zeit.

          In jedem Fall begehe Red Bull eine grundsätzliche moralische Verfehlung, sagt Hubertus Knabe. Es wundere ihn, „dass hier ein Unternehmen aus einem Land, das selbst in eine Diktatur verwickelt war, unsensibel mit einem solchen Ort umgeht. Das könnte man vielleicht bei einem amerikanischen Unternehmen noch für normal halten, aber bei einem österreichischen oder deutschen Unternehmen halte ich das überhaupt nicht für normal.“

          Wessen Rechnung aufgeht, wird sich erst nach dem Turnier am 6. September zeigen. Die früheren Insassen wollen die Spiele eröffnen, die Teilnehmer durch die Anlage führen und die Siegertrophäe übergeben. Doch was die Welt am Ende wirklich erfährt, entscheiden die Videos. Direktor Wang hat schon angekündigt, ganz genau hinzusehen. „Wenn wir nicht damit zufrieden sind, wie die Geschichte präsentiert wird, verlängern wir den Vertrag nicht. Dann hat die Zusammenarbeit sich erledigt.“ Und Red Bull müsste sich erneut auf die Suche nach einem Gefängnis machen.

          Quelle: F.A.Z.

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