04.12.2007 · Auf unterschiedlichen Wegen finden Swiss-Life-Chef Rolf Dörig und AWD-Gründer Carsten Maschmeyer zueinander
Von Jürgen Dunsch und Steffen UttichDie Rollenverteilung ist erst auf dem zweiten Blick geklärt. Zunächst sitzt da auf der einen Seite Carsten Maschmeyer, Gründer und Vorstandsvorsitzender des zweitgrößten deutschen Finanzvertriebs AWD. Gerade aus Hannover angereist, erläutert er mit auffallender Krawatte und weit ausholenden Handbewegungen in Zürich seine Sicht der geplanten Mehrheitsübernahme durch den Schweizer Lebensversicherer Swiss Life.
Man ist durchaus versucht, in ihm den Käufer zu sehen. Doch der sitzt auf der anderen Seite in Gestalt von Rolf Dörig, dem Vorstandsvorsitzenden von Swiss Life. Nicht gerade die Unauffälligkeit in Person, doch im Vergleich zu Maschmeyer mit jener Zurückhaltung ausgestattet, die viele Juristen an den Tag legen. Jetzt sind beide zur Zusammenarbeit gezwungen - für die nächsten fünf Jahre. So lange nämlich will der AWD-Chef die neue deutsche Tochtergesellschaft mindestens noch leiten.
Rolf Dörig lässt sich nicht ins Handwerk pfuschen
Dörig dürfte die Verkäuferqualitäten von Maschmeyer zu schätzen wissen. Ins Handwerk pfuschen lässt er sich deswegen noch lange nicht. Das wird im Zweifel auch der bisherige Alleinherrscher von AWD erfahren. Der 50 Jahre alte Schweizer Manager, dessen Laufbahn in der Finanzbranche vor gut 20 Jahren bei der heutigen Großbank Credit Suisse begann, hat gerade in diesen Tagen bei Swiss Life gleich eine ganze Reihe von Weichenstellungen vorgenommen. Zunächst verkaufte er Anfang November die Banca del Gottardo an den italienischen Generali-Konzern. Knapp zwei Wochen später folgte die Veräußerung der Tochtergesellschaften in den Niederlanden und in Belgien an die SNS Reaal. Dies brachte insgesamt 4,3 Milliarden Franken in die Kasse (umgerechnet 2,6 Milliarden Euro). Da kann man sich schon einmal um ein Unternehmen bemühen, das im Übernahmeangebot mit insgesamt 1,16 Milliarden Euro bewertet wird.
Die jüngsten Schritte von Dörig machen zweierlei deutlich: erstens die Konzentration auf Lebensversicherungen und Altersvorsorge, zweitens die Beschränkung auf die Kernländer Schweiz, Deutschland und Frankreich. Klar ist auch der weitere Berufsweg von Dörig. Auf der nächsten Aktionärsversammlung am 8. Mai 2008 soll er als „Delegierter mit exekutiven Funktionen“ in den Verwaltungsrat der Swiss Life gewählt werden und zwei Jahre später das Amt des Präsidenten übernehmen. In der Übergangszeit wird Dörig weiter speziell für die Entwicklung und Umsetzung der Strategie von Swiss Life zuständig sein.
Die Wandlung des Carsten Maschmeyer
Im Gegensatz zu Dörig wurde der 48 Jahre alte Maschmeyer unter den Schmuddelkindern der Finanzwelt groß. Sein Verkäufertalent entdeckte er bei dem einst berüchtigten Strukturvertrieb OVB, wo seine Organisation kurz vor seinem Ausscheiden 1987 die Hälfte zum Provisionsabsatz beitrug. Er verabschiedete sich, als der Versicherer Deutscher Ring das Unternehmen kaufte. 1988 machte er sich dann mit dem AWD selbständig und baute ihn über die Jahre hinter der Deutschen Vermögensberatung (DVAG) des ewigen Kontrahenten Reinfried Pohl zum zweitgrößten Finanzvertrieb hierzulande aus.
In seiner Laufbahn erwies er sich als erstaunlich wandlungsfähig. Zunächst mit den Statussymbolen der Erfolgreichen in den Strukturvertrieben ausgestattet, verabschiedete er sich langsam, aber konsequent von den Goldkettchen und immer etwas zu großen Wagen. Mitte der neunziger Jahre verabschiedete er sich sogar vom klassischen Geschäftsmodell eines Strukturvertriebs, das auf nebenberufliche Zuträger für den Verkauf von Lebensversicherungen und Fonds setzt. Er setzte auf den hauptberuflichen Verkäufer und machte das Unternehmen bis 2000 reif für die Börse. In der Hannoveraner Unternehmerschaft ist er respektiert und mit dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder bestens bekannt. Wie eng die Verbindungen sind, wurde nicht zuletzt nach dem Abdanken von Schröder deutlich, als Regierungssprecher Bela Anda in der AWD-Zentrale eine neue Aufgabe fand.
Am Ende der Entwicklung steht der Vorstandsvorsitzende eines im M-Dax notierten Finanzdienstleisters, der sich nun mit dem Einstieg von Swiss Life auch als begnadeter Verkäufer in eigener Sache erweist. Das Geschäft mit dem Versicherer ist für ihn der zweite große Zahltag innerhalb von zweieinhalb Jahren. Im März 2005 verabschiedete er sich von der Mehrheit des Unternehmens und strich für die Absenkung des Familienanteils von 51 auf 31 Prozent 31 Euro je Aktie ein - insgesamt also 236 Millionen Euro. Jetzt sind es noch einmal rund 230 Millionen Euro. Am vergangenen Freitag verschickte Maschmeyer - wie übrigens jedes Jahr zu Beginn der Adventszeit - Blumen an Geschäftspartner. Am darauf folgenden Montag hat er sich nun selbst beschenkt.
Jürgen Dunsch Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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Steffen Uttich Jahrgang 1970, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.
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