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Kommentar : Schlagabtausch am Flughafen

Strategiewechsel: Europas größte Fluggesellschaft will Teile ihrer Langstreckenflotte aus Kostengründen von Frankfurt nach München verlagern. Bild: dpa

Lufthansa gegen Fraport: Die Fluglinie will einen Teil ihrer Langstreckenflotte nach München verlagern. Aber nicht nur sie hat gute Argumente.

          Es ist schweres Geschütz, mit dem die Deutsche Lufthansa den Betreiber ihrer wichtigsten Heimatbasis in Nöte bringt: Europas größte Fluggesellschaft kündigte an, dass sie Teile ihrer Langstreckenflotte von Frankfurt nach München verlagert. Diese Entscheidung sei aus Kostengründen erfolgt. Und die Manager lassen keinen Zweifel daran, dass wachstumsträchtige Fernrouten nicht mehr – wie bisher – der größten Verkehrsdrehscheibe im Lande automatisch zufallen. Stattdessen sollen Standorte wie München, Zürich oder Wien stärker zum Zuge kommen. Jene Hubs also, an denen aus Sicht der Lufthanseaten die niedrigeren Flughafengebühren und damit die höheren Deckungsbeiträge zu erwarten sind.

          Für den Betreiber Fraport ist das Votum von Lufthansa-Chef Carsten Spohr ein Schlag ins Kontor. Dort reagierte man enttäuscht, und manche Manager zweifeln am wirtschaftlichen Kalkül dieser Entscheidung. Denn in München expandiert die Lufthansa mit größerem Fluggerät auf einem Flughafen, an dem der Bau einer dritten Start- und Landebahn wohl weiterhin unsicher ist.

          Sosehr die Befindlichkeiten von Managern und Politikern in Hessen auch berührt sein mögen, so nachvollziehbar ist der Kurs der Lufthansa-Führung, den wachstumsträchtigen Teil des Langstreckenverkehrs auf mehrere Drehkreuze zu verteilen, um den eigenen Flugbetrieb effizient zu halten. Dabei kann man dem Einwand, dass sich nur wenige in der Rhein-Main-Region wohnende Lufthansapassagiere über München oder Zürich umsteuern lassen, mit flexiblen Preisen begegnen: Wer bereit ist, bei der Anreise Umwege in Kauf zu nehmen, fliegt dafür günstiger.

          Ryanair will Streckenangebot der Lufthansa gezielt unterbieten

          Auch wenn die Lufthansa jüngst vom niedrigen Ölpreis oder dem nachlassenden Druck staatlicher Wettbewerber aus dem Nahen Osten profitierte, dürfte der Kostendruck vor der eigenen Haustür schnell wachsen. Zurzeit bauen Ryanair und Wizz Air ihre Präsenz in Frankfurt zügig aus. Danach dürften weitere Billigfluganbieter außerhalb Europas folgen, wobei von 2018 an mit Eurowings auch die neue Billigflug-Plattform des Lufthansa-Konzerns anzutreffen ist.

          An der Frage, wie der Flughafen in Frankfurt am Siegeszug der Preisbrecher in Europa teilhaben kann, ohne seine angestammten Netzwerk-Gesellschaften zu vergrätzen, hatte sich der Streit zwischen Lufthansa und Fraport entzündet. Dabei sorgte die Ankündigung von Ryanair in der Chefetage des Platzhirsches für Unmut. So will der Preisbrecher von der Heimatbasis der Lufthansa aus diverse Städteziele bedienen und deren Streckenangebot gezielt unterbieten.

          Starthilfe gab es dafür von Fraport. Vorstandschef Stefan Schulte machte dem Neukunden, der Frankfurt stets aus Kostengründen gemieden hatte, die Entscheidung mit auf drei Jahre befristeten Rabatten auf die Flughafengebühren schmackhaft. Die Lufthanseaten schäumten vor Wut: Mit solchen Anreizen werde die Kannibalisierung ihres Kerngeschäfts beschleunigt, heißt es.

          Fraport steht selbst unter Zugzwang

          Mangelnde Rücksicht auf die Belange der Lufthansa muss sich Schulte jedoch nicht vorwerfen lassen. Um mit den in Europa führenden Drehkreuzen in London, Paris und Amsterdam mitzuhalten, hatte der deutsche Betreiber auf Wachstumsschübe seines wichtigsten Kunden gehofft. Meist vergeblich. Während die Zahl der Flugbewegungen in Frankfurt stagnierte, wurden höhere Passagierzahlen nur durch den Einsatz größerer Flugzeuge erreicht. Lufthansa rechtfertigte seine Wachstumspause lange mit dem damals noch starken Druck durch die staatlich geförderten Rivalen aus der Golfregion.

          Vor allem aber sah die Führung mit Rücksicht auf ihre Spitzenverdiener des fliegenden Personals zu lange davon ab, Eurowings auch von Frankfurt aus starten und landen zu lassen. Schließlich ist das Gros der Lufthansa-Piloten im Vergleich zu den Kollegen der Tochtergesellschaft gut bezahlt und üppig versorgt: Eine frühzeitige Ansiedlung des Billigheimers in Frankfurt hätte daher weitere Streiks der Lufthansa-Piloten provoziert.

          Auf die internen Querelen seines größten Kunden muss Fraport jedoch keine Rücksicht nehmen. Denn der führende Betreiber des Landes steht selbst unter Zugzwang. Während die Billigfluganbieter in Europa einen Marktanteil von 41 Prozent erreichen, liegt der entsprechende Wert in Frankfurt bei nur zwei Prozent. Auch der Drehkreuz-Rivale in München weist mit acht Prozent einen höheren Low-Cost-Anteil vor.

          Fraport und Lufthansa können ihre jüngsten Entscheidungen mit guten Gründen belegen. Jetzt sollten beide Streithähne endlich hinter verschlossenen Türen die Modalitäten ihrer künftigen Zusammenarbeit aushandeln – so, wie es sich in der von beiden ausgelobten „Systempartnerschaft“ auch gehört. Eine solche Kooperation, die auch den gemeinsamen Betrieb eines Terminals umfassen kann, ist mit Blick auf die wichtigste Arbeitsstätte in der Rhein-Main-Region auch zwingend geboten: Dort sind etwa 120000 Arbeitsplätze direkt wie indirekt vom Passagier- und Luftfrachtverkehr abhängig. Und zu den künftigen Auftraggebern in der Region dürften wohl auch immer mehr Billigfluganbieter gehören.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

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